INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Advent mit Apple (1): Vergangenheit / Buch

Anstelle der üblichen Geschenktipps zu Weihnachten beschäftige ich mich in der diesjährigen Adventszeit mit der nach wie vor begehrtesten Marke der Welt: Apple. Denn der Konzern aus Cupertino überrascht zur Geschenkesaison mit einem kargen Angebot. Der einschlägige Ratgeber der Website MacRumors, der aufgrund von Produktzyklen Auskunft darüber gibt, ob der Kauf der aktuell erwerbbaren Modelle klug ist, empfiehlt von fünfzehn Produkten gerade einmal zwei: das iPhone und das MacBook Pro. Zwei stehen auf neutral, vier werden mit einem Warnhinweis versehen, vom Kauf der restlichen sieben wird gänzlich abgeraten: zu lange wurden die Modelle nicht mehr auf den neuesten Stand gebracht. Aus Produktkategorien wie Bildschirmen und Routern hat sich der Konzern zurückgezogen; Apple Pay, Apple News & Apple TV sind in Deutschland nicht erhältlich; die Lieferzeiten für neue Laptops betragen über einen Monat und die für Oktober angekündigten drahtlosen Kopfhörer werden möglicherweise erst im Frühjahr auf den Markt kommen kamen erst im Dezember auf den Markt – mit Wartezeiten von bis zu anderthalb Monaten. Was ist da los? Drei Folgen über den Stand der Dinge.

Advent mit Apple (1): Vergangenheit / Buch

2008 verkündete Steve Jobs, Bücher hätten keine Zukunft. 2016 widmet Apple seinem Gründer ein Buch. Kein iBook, kein PowerBook, kein MacBook Pro, sondern ein gedrucktes Buch. Und wie man es bei Apple erwartet, eines, für das erst einmal alles neu erfunden wurde: Papier, Tinte, Type, Leinen. Der Leser hält eigens für Apple entwickelte Papiere von Scheufelen aus Deutschland und James Cropper aus England in Händen, eingefasst in ein spezielles Bamberger Leinen. Bereits das Auspacken ist – appletypisch – ein Erlebnis: zunächst öffnet man, einem orangefarbenen Pfeil folgend, den weißen Umkarton, dann entnimmt man einem vollendet gestalteten, innen bedruckten Umschlag das schwere, großformatige Buch, streift mit den Fingern über die Prägung… Es ist, als lägen dem Buch dieselben Gestaltungsprinzipien zugrunde wie des Geräten des Unternehmens. Oder sollte es sich etwa umgekehrt verhalten?

Apple Buch

Im Buchinnern finden sich neben einem Vorwort von Jony Ive 450 Fotografien von Andrew Zuckerman, die Apple-Produkte aus den Jahren 1998 bis 2015 zeigen: von außen, von innen, neu und gebraucht. Für manchen Leser erschließt sich beim Blättern die eigene Gadgetbiografie, und mehr als ein Objekt gibt Ästheten Anlass zum Staunen: Gab es je ein formschöneres Plastikobjekt als die schwarze Apple Pro Mouse aus dem Jahr 2000? Ein vollendeteres Notebook als das MacBook Air 2010?

Apple Buch

Besonders interessant sind Bilder, die Einblick in den Designprozess geben. Verraten sie Geheimnisse? Natürlich nicht. Immerhin kommt das Buch mit technologischen Erläuertungen und einer Liste der Mitglieder des Designteams daher.

Womit aber haben wir es am Ende zu tun? Mit einem 200 Euro teuren Werbekatalog? Einer Selbstkanonisierung von Chefdesigner Ive? Von allem ein wenig – und im Kern mit einer Feier des Materials und der Form. Also mit der Widerlegung eines Satzes, den der Soziologe Werner Sombart 1908 anläßlich einer Reklameausstellung schrieb:

„Sich nun aber ohne Kaufabsicht Berge von Bedarfsartikeln anzusehen, ist eine ganz und gar verrückte Idee.“

Folge 2 dieser Reihe über das MacBook Pro Late 2016 finden Sie hier; Folge 3 über die AirPods hier.

Fotos: © Apple