INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



iOS 7, Helvetica und das digitale Design

Vor einem Monat stellte Apple iOS 7, das aktuelle Betriebssystem für iPhone und iPad, zum kostenlosen Download bereit. Mit ihm verabschiedete sich Apple bei iPhone und iPad vom sogenannten Skeomorphismus, d.h. einer analoge Oberflächen imitierenden Gestaltung. Hat das neue Design den Praxistest bestanden?

Der Hype war so groß, dass der Verband der deutschen Internetwirtschaft warnte, das weltweite Netz könne wegen des zu erwartenden Ansturms an seine Kapazitätsgrenzen stoßen. Schon im Vorfeld der Veröffentlichung von iOS 7 blieb kein Aspekt der Software, dank derer sich manches ältere Apple-Gerät im nu wie neu anfühlte, undiskutiert. Allen voran der Übergang vom sogenannten Skeomorphismus (d.h. einer analoge Oberflächen imitierenden Gestaltung) zu genuin digitalem Design, den Dmitry Fadeyev sogar mit dem Übergang vom ornamentalen 19. Jahrhundert zur Sachlichkeit der Moderne verglich.

iOS 7

Oder die knalligen Farben, die einen viele Nutzer überraschenden Aspekt der Arbeit des Industriedesigners Jonathan Ive akzentuierten. Inmitten der Aufregung riet Softwareentwickler Marco Arment zur Gelassenheit:

„Give iOS 7 a chance and let the new look sink in for a few days before you judge. You’ll probably like it. And then you’ll see iOS 6 somewhere and think, ‚That looks so old.'“

Ich habe mir diese Zeit genommen und iOS 7 einen Monat lang ausprobiert. Was bleibt von den Kontroversen? Nicht viel, möchte man doch eine Fülle an Funktionen nicht mehr missen und kann Farben und Icon-Design als frischen Zugriff annehmen. Was gleichwohl bleibt, ist das Schriftproblem. Früh schon hatte Typografie-Legende Erik Spiekermann den Systemfont der Software kritisiert. Es handelte sich um Helvetica Neue Light, zweifellos eine coole Schrift, aber für Fließtext in digitalen Anwendungen nicht besonders gut geeignet:

Tatsächlich änderte Apple den Font vor der Freischaltung von iOS 7 in Helvetica Neue, aber das Unbehagen bleibt. Auch die Möglichkeit, mit einem Textgrößenregler die relative Lesetextgröße entsprechend programmierter Apps anzupassen, hilft nur bedingt weiter, da die Änderungen nicht systemweit wirksam werden und Lesbarkeit sich nicht allein über die Textgröße definiert. Die unglückliche Wahl der Systemschrift ist umso kritischer, als iOS 7 in ungewöhnlich hohem Maße Navigation mit Textelementen verbindet. Nick Heer hat diese geradezu protestantisch anmutende Wortausrichtung herausgearbeitet:

„One of the most striking changes in iOS 7 is an increasing reliance upon text as interface elements. Instead of showing a text descriptor on top of a bevelled rounded rectangle, there is simply text directly on the toolbar.“

Heer stellt eine Reihe sehr differenzierter Überlegungen an, um zum nahe liegenden Schluss zu kommen:

„I may be missing something, but symbols seem like a simpler, clearer, and more universal language.“

So fühlt sich das neue Betriebssystem auch nach einen Monat der Eingewöhnung noch an wie die Glaswände eines Gebäudes von Mies van der Rohe. Man versteht die Modernität, aber insgeheim wünscht sich auch ein überzeugter Modernist die eigene Wohnung ein wenig eingelebter und selbstverständlicher.

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Für Apple-Anhänger ist der Lapsus besonders bitter, war doch Firmengründer Steve Jobs auf seinen ausgeprägten Sinn für Typografie zu Recht stolz. Doch digitales Design entsteht nicht durch den Gebrauch eines für Logos, Plakate oder Überschriften geeigneten Fonts bei Texten, Interfaces und Bildschirmen, sondern durch die Entwicklung von Schriften, die den spezifischen Anforderungen digitaler Anwendungen gerecht werden. So, wie es bei Browsern der alte Rivale Microsoft mit Georgia und der neue Rivale Google mit Open Sans geleistet hat.

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Abbildung: Round Icons*