INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Das Internet wird unsichtbar

In den vergangenen Tagen diskutierten Softwareexperten eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Zeit, in der Nutzer die komplette Adresse einer Website im Browser sehen konnten, neigt sich dem Ende zu. An die Stelle einer vollständigen, identifizierbaren, veränderbaren und verlinkbaren URL tritt in neueren Versionen das Suchfeld – bei mobilen Anwendungen schon seit längerem; mehr und mehr auch bei klassischen Desktopbrowsern.

URL

Viele renommierte Entwickler halten sicht- und verknüpfbare Adressen jedoch für den Kern des Internets. Allen Pike beispielsweise schreibt:

„Unlike other modern technologies that have hidden as much complexity as possible, web browsers have continued to put this technical artifact top center, dots, slashes and all. The noble URL caused a revolution in sharing and publishing.“

Künftig werden Nutzer sich mehr und mehr direkt in Aggregatoren-Apps („silos of content“, wie Pike sie nennt) oder den Universen der Suchmaschinen aufhalten und das Web weniger und weniger als ein Netz autonomer Nutzer wahrnehmen. Pike:

„While Google is taking the web out of the browser, Facebook is putting the web into apps.“

Es zeichnet sich also ein Wandel in der Wahrnehmung dessen ab, was das Internet ist. Entwickler Marco Arment bemerkt zwar, die neue Erscheinungsweise vollziehe bloß nach, wie die meisten Nutzer ohnehin navigierten: „They’re just codifying this sad reality into the interface.“ Doch nennt er die Veränderung auch „sad“. Warum dieses Bedauern auf Seiten vieler Web-Enthusiasten? Weil sowohl die Idee einer gewissen Eigenkontrolle in Sicherheitsfragen (etwa beim Pishing) als auch diejenige der Freiheit eines identifizier- und verlinkbaren Adressennetzes zu verschwinden droht.