INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Update Westberlin (3): Bar am Steinplatz

Westberlins Barszene ist in Bewegung. Legenden wie die Weiße Maus und die Galerie Bremer existieren nicht mehr, Institutionen wie der Rum Trader und Frank Kettlitz‘ Fasanen 47 begrüßen weiterhin ihre Stammgäste, Neueröffnungen wie die Bar im Grosz und die in der vorherigen Folge erwähnte Monkey Bar erweisen sich als vielversprechend. Neuester Zugang: die Bar am Steinplatz.

Meine besondere Neugier weckte die Bar am Steinplatz mit ihrem auf Regionalität setzen Konzept. Sie befindet sich in einem 1913 nach Plänen von Alfred Endell errichteten Jugendstilgebäude, das nach dreijähriger, 32 Millionen Euro teurer Sanierung kürzlich als Designhotel wiedereröffnete. Das Haus hat Geschichte: zunächst kaiserliches Offizierscasino, logierte der vor der Oktoberrevolution geflohene russische Adel im alten Hotel. Während der Nachkriegszeit beherbergte das Gebäude das Künstlerlokal Volle Pulle, in dem Romy Schneider, Heinrich Böll und Gottfried Benn tranken und feierten.

Bar am Steinplatz

Das Besondere an der Wiedereröffnung ist das gastronomische Konzept. Beraten von Sternekoch Stefan Hartmann setzt man auf regionale Spezialitäten wie Rübchen, Havelzander und Aal aus Caputh. In der Bar wird ein breites Spektrum an Spirituosen aus Deutschland und Berlin angeboten, beispielsweise Gin von Adler und Mampe oder Wodka von Our Berlin. Ein Leitmotiv der Drinkkreationen ist der Apfel, auf den in diversen Varianten zurückgegriffen wird, so im Apfel-Gimlet, einer Komposition aus Der Siedler Gin, hausgemachtem Apfelcordial, Limette und Muskatblüte (12 Euro). Diese interessante Variante von Raymond Chandlers favorisiertem Drink passt bestens zur Wildbratwurst aus Fürstenberg (8 Euro), einem der einfallsreichen Bargerichte. Sie wird als Currywurst in einer kleinen, gusseisernen Pfanne serviert und zeichnet sich durch ein markantes Wildaroma aus, das sich positiv vom Berliner Imbissbudenwurstgeschmack abhebt. Besonders spannend ist der Drink Meister Endell (12 Euro), ein Drahtseilakt aus Held Volka, Himbeerpüree und Schwarzem Johannisbeeressig aus der Wustermark, verziert mit getrockneten Blüten. Auf Eiswürfeln serviert, changiert das tiefdunkle Getränk auf faszinierende Weise zwischen Säure, voller Frucht und dem delikaten Duft der trockenen Blüten.

Bar am Steinplatz

Während der verbindliche Service unaufgefordert Wasser nachschenkt und Auskunft über die Rezepte gibt, verfestigt sich der Eindruck, dass hier ein zeitgemäßes und intelligentes Konzept überzeugend umgesetzt wird. Als ein wenig zu regional muss lediglich vermerkt werden, dass, wer vor 17 Uhr nach den Besonderheiten des Hauses fragt, mit Hinweis auf „Vorbereitungen“ enttäuscht wird. Doch das mögen Startschwierigkeiten sein. Insgesamt sieht es so aus, als spiele Berlin an diesem Ort seine Stärken aus. Weshalb wir auch darüber hinwegsehen, dass die Preise der Drinks die 999 Cent Grenze dieser Rubrik knapp überschreiten. Sie sind es wert.

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Lesen Sie auch die Artikel über die Berliner Bars Zentral und Schwarze Traube sowie über die einzigartige Bar im Londoner Dukes Hotel.