INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Drei Fragen an … Joachim Fürst, Marc Iven und Christian Dunker

In den 1970er Jahren gründeten prominente Autoren, unter ihnen Heinrich Böll, Uwe Johnson, Elias Canetti und Vicco v. Bülow alias Loriot, insgesamt drei Autorenbuchhandlungen in Westdeutschland. Finanziell beteiligt und bisweilen selbst hinter dem Tresen tätig, setzten sie dem Trend zur bestsellerorientierten Großbuchhandlung ein gehaltvolleres Konzept entgegen. Die Berliner Autorenbuchhandlung, seit 1976 von Helma von Kieseritzky und Thomas Kühne in der Carmerstraße betrieben, bot mit Sesseln, Rotwein und Zigarettenrauch die Atmosphäre eines literarisch-intellektuellen Clubs. Als die Betreiber 2008 in den Ruhestand gingen, waren sich die beteiligten Autorinnen und Autoren einig, mit Joachim Fürst (*1969) und Marc Iven (*1974) – den Inhabern der Buchhandlung in der Akademie der Künste – zwei Nachfolger gefunden zu haben, die das hochwertige Sortiment und die behagliche Atmosphäre in eine neue Zeit zu tragen vermögen.

Autorenbuchhandlung Berlin

Fürst und Iven renovierten behutsam, gewannen junge Kunden hinzu und wagten im Jahr 2011 den Ortswechsel zum benachbarten Else-Ury-Bogen am S-Bahnhof Savignyplatz. Während die Sessel zwischen Lyrik und englischsprachigen Büchern ihren Platz fanden, stand mit dem angeschlossenen Literaturcafé nun ein Veranstaltungsort zur Verfügung, der nicht nur tagsüber als Treffpunkt fungiert, sondern auch nach Ladenschluss literarische Begegnungen ermöglicht.

Autorenbuchhandlung Literaturcafé

INVENTUR hat sich mit den Betreibern und Autorenbuchhändler Christian Dunker (*1972) im Literaturcafé verabredet. Ein wenig früher eingetroffen, nutze ich die Zeit, um in den Geistesblüten zu blättern, dem kürzlich erschienenen, ausschließlich im Laden erhältlichen Kundenmagazin, das jeweils zu den Buchmesseterminen exklusive Texte, Gespräche und Buchempfehlungen in hochwertiger Aufmachung bietet. Seinen Titel teilt das Magazin mit einer Anthologie, die zum 35. Jubiläum der Buchhandlung erschien und zu der 71 internationale Autorinnen und Autoren von Louis Begley bis Herta Müller persönliche Texte beisteuerten.

Autorenbuchhandlung Fürst Iven Dunker MoraDas Foto zeigt meine Gesprächspartner mit Terézia Mora, der diesjährigen Trägerin des Deutschen Buchpreises.

Was verstehen Sie unter Qualität?

Joachim Fürst: „Anstatt Bestsellerstapel von oben nach unten abzuräumen, geht es uns darum, aus einem schier unüberschaubaren Angebot ein echtes Sortiment zu erstellen, eines, das stimmig ist, aber nicht unbedingt vorhersehbar. Wir legen Wert auf besondere Literatur – keine Konservenkost – sowie auf eine Beratung, die das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigt. Und darauf, Bücher mit Leben zu füllen. Für uns ist die Autorenbuchhandlung ein kultureller Ort.“

Wie setzen Sie diese Vorstellung in Ihrer Arbeit um?

Christian Dunker: „Wir lesen praktisch rund um die Uhr, ganz gleich, ob vor dem Einschlafen, in der S-Bahn oder bei der Rückenschule. Dann treffen wir eine Vorauswahl, von der unsere Kundinnen und Kunden wissen: ‚Da kann ich was erwarten, werde begeistert und auch überrascht.‘ Ein persönliches Beratungsgespräch ist wie eine Typenberatung. Welches Buch passt zu welcher Kundin und welches zu ihrem Mann? Wir planen ja schließlich deren Freizeit und wollen ihnen das Leben angenehmer machen.
Und dann ist da unser Literaturcafé. Wir sind jeden Tag gespannt darauf, wer vorbeigeht, reinwinkt und durch die Tür kommt. Das Café ist für uns ein Ort, an dem Literatur lebendig wird. Es ist ein Anlaufpunkt für Leserinnen und Leser, aber auch für Agenten und Autoren, die sich natürlich darüber freuen, wenn ihre Bücher gekannt werden.
Die Veranstaltungen hier sind keine steifen Wasserglaslesungen und keine Proseminare nach Feierabend. Wir bringen Themen und Menschen auf die Bühne und erleben dabei immer wieder besondere Momente.“

An welchem Beispiel wird Ihr Qualitätsideal besonders anschaulich?

Marc Iven: „Wenn der Lyriker Jürgen Becker sagt, er wäre gerne im Wort so schnell wie mit der Kamera und dann ein fotografisches Tagebuch mit seinen Bildern aus New York auftaucht, das auch noch ungefähr aus der Zeit stammt, als die Autorenbuchhandlung gegründet wurde… Dann stellen wir diese Fotos im Cáfe aus, wo Becker aus seinen Texten liest und obendrein erzählt, dass diese Bilder nur möglich wurden, weil Max Frisch ihm eine Wohnung in Manhattan besorgt hat – das ist für uns fleischgewordene Literaturgeschichte, und wir sind dankbar, so etwas erleben und ermöglichen zu können.“

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Fotos © autorenbuchhandlung berlin