INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Drei Fragen an … Karin Schmidt-Friderichs

Wie nur wenige andere hat sich der von Bertram und Karin Schmidt-Friderichs Verlag Hermann Schmidt Mainz einem umfassenden Qualitätskonzept verschrieben, das die Inhalte der Bücher so sehr betrifft wie deren Gestaltung, die Herstellung der Titel so sehr wie die Betreuung der Autoren, Buchhändler und Leser. In voller Absicht beschränken Karin Schmidt-Friderichs und ihr Mann die Zahl der Neuerscheinungen auf etwa 25 pro Jahr, zieht die anspruchsvolle und leidenschaftliche Ausgestaltung einer Nische quantitativem Wachstum vor. Kein Wunder also, dass selbst die Gesamtverzeichnisse des Verlages regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet werden.

Karin Schmidt-Friderichs

Das Programm umfasst die Bereiche Typografie, Grafikdesign und Kreativität. Internationale Namen wie David & Tom Kelley, Stefan Sagmeister und Erik Spiekermann haben bei Bertram und Karin Schmidt-Friderichs veröffentlicht, aber auch Unbekannten gibt der Verlag eine Chance, etwa als die damals noch studierende Judith Schalansky mit Fraktur mon Amour bei Schmidt debütierte.

Verlag Hermann Schmidt Mainz

Karin Schmidt-Friderichs, die auch dem Vorstand der Stiftung Buchkunst vorsitzt, gab INVENTUR gerne Auskunft zu ihrer Qualitätsphilosophie.

Was verstehen Sie unter Qualität?

„Verlegerische Qualität ist eine Kette von höchster Aufmerksamkeit für das große Ganze und die vielen, vielen Kleinigkeiten, es ist eine Haltung des Respekts vor dem Autor/der Autorin auf der einen – und dem Leser/der Leserin auf der anderen Seite. Also nichts Lautes, Vordergründiges oder Eitles, sondern eher eine konsequente Dienstleistung an Inhalt und Rezipient = Leser/in.
Für uns beginnt Qualität mit dem Inhalt des Buches, also der Frage: Ist der/die Autor/in im Thema ‚zu Hause‘? Kann er/sie das Thema ‚rüber bringen‘, gegebenenfalls runterbrechen (wichtige didaktische Fähigkeit)? Gelingt es ihm/ihr mit unserer Hilfe, einen roten Faden zu ‚weben‘, dem man als Leser gern folgt, eine Struktur zu finden, die ein möglicherweise sehr komplexes Thema erschließt?
An dieser Stelle kommt dann Gestaltungsqualität ins Spiel, denn abgesehen davon, dass das Buch visuell ansprechen soll, ordnet, hierarchisiert und gliedert Gestaltung ja und macht damit auch ‚ schwere‘ Inhalte ‚verdaubar‘, ohne dass sich dieses Ordnen, Führen und Strukturieren in den Vordergrund der Wahrnehmung drängt.
Dann kommt als nächste Qualitätshürde die herstellerische Umsetzung des Ganzen, also Materialwahl und technische Umsetzung: welches Papier, welche Bindung, welches Einbandmaterial? Auch das entwickeln wir vom Inhalt her. Immer im Ping-Pong mit dem/den Autoren und Gestaltern. Nie getrieben von Materialfetischismus, sondern immer auf der Suche nach der haptischen Antwort auf den inhaltlichen Input.
Das schönste Buch nutzt aber nichts, wenn es dann nicht Handel und Endkunden kompetent und persönlich präsentiert wird, Bestellungen sorgfältig verpackt und versandt werden und die Qualitätsphilosophie bis zum Ende durchgelebt wird. Nicht umsonst steht auf unserem Gesamtverzeichnis: ‚Ein schönes Buch ist ein Kompliment an seinen Autor – und eine Liebeserklärung an den Leser.‘ „

Wie setzen Sie diese Vorstellung in Ihrer Arbeit um?

„Wir leben eine Mischung aus echter Anstrengungsbereitschaft, der Suche nach der jeweils optimalen Antwort auf das ‚Problem‘, der Bereitschaft, immer wieder Neues zu probieren, einer gewissen konstruktiven Unzufriedenheit, einem ständigen Update was Materialien, Techniken und Trends angeht und einer Kultur des Brainstormings mit ebenso engagierten Autoren, Gestaltern und manchmal auch anderen Feedbackgebern.
Dazu gehört auch, dass das Bessere immer des Guten Feind ist, dass der einfachere Weg meist nicht der ist, der zu Qualität führt, dass Umwege unvermeidbar sind, weil nur sie einem schlussendlich klar machen, ‚wo es lang geht‘.
Unsere Bücher sind ein bisschen wie Slow Food: bewusst zubereitet aus den jeweils besten Zutaten, keine vordergründigen Effekte, kein trendorientiertes Fastfood, stattdessen Liebe zum Detail. Kostet manchmal etwas mehr, ist es dann aber auch wert.“

An welchem Beispiel wird Ihr Qualitätsideal besonders deutlich?

„Natürlich sollte jedes Schmidtbuch jetzt als Beispiel dieser Philosophie stehen können (und tut das hoffentlich auch ;-). Im Moment mag ich es an Frank Berzbachs Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen fest machen. Eine Anregung zu Achtsamkeit. Eines der wenigen Schmidtbücher ohne Abbildungen. Und doch ein visuelles Buch.
Nach seinem ersten Buch Kreativität aushalten (ausgezeichnet unter den schönsten deutschen Büchern) kam Frank Berzbach mit der Idee eines Titels zu Achtsamkeit auf uns zu, wir gaben grünes Licht, er bat um Zeit, Manuskriptseiten auf Papier ‚reisten‘ von Bonn nach Mainz, wurden achtsam kommentiert zurück gesandt. Mal legte er mir eine Probe seines Lieblingstees bei, mal eine Füllerpatrone in einer besonderen Farbe, weil er um meine Liebe zum Schreiben mit Füller weiß.
Dann kam Katrin Schacke ins Spiel, der wir schon die Gestaltung von Kreativität aushalten verdanken. Sie bereicherte den Text durch ein leises, qualitätvolles Farb- und Typokonzept. Dann haben wir wochenlang Papiere probegedruckt und probegebunden, Materialien probegeprägt, Dummies gebaut, gestreichelt, genutzt und gegeneinander abgewogen, bis wir ein Einbandmaterial gefunden hatten, das sich zart anfühlt, aber robust ist, das für uns Achtsamkeit ausdrückt und das sich buchbinderisch verarbeiten lässt, obwohl es dafür nicht gedacht ist. Dieses Material ist teurer als es die Alternativmaterialien waren, es hat lange Lieferzeiten (was bei dem großen Erfolg des Titels zu Lieferengpässen führt), es fordert Buchbinder und Veredler heraus, aber es trägt ganz sicher dazu bei, dass man das Buch gern zur Hand nimmt. Damit dient es dem Text.
Der warme Grauton, in dem wir den Text gedruckt haben, fällt dem einen oder anderen gar nicht bewusst auf, aber es ist eben kein hartes Schwarz, sondern ein gedecktes Grau. Und das beeinflusst unbewusst zusammen mit der Auszeichnungsfarbe, der Haptik des leicht volumigen Naturpapieres, der Schriftwahl und den herausgehobenen Quotes.
Kein einziger Leser hat das je alles kommentiert, aber das vielfache Lob fürs Buch schließt sehr, sehr oft Kommentare wie ‚ schön‘, ‚liebevoll‘ oder ‚außergewöhnlich‘ mit ein. In der Arbeit am Buch haben wir uns manchmal gefragt, ob wir übertreiben mit unserem Qualitätsdenken. Nach weniger als einem Jahr sind wir grade dabei, die fünfte Auflage in Auftrag zu geben. Ganz falsch scheinen wir also nicht gelegen zu haben. Wie viele andere Bücher bekommt dieser Titel viel positives Feedback. Solange das so ist, bleiben wir der Idee ‚printed in Germany with love‘ und der darin kodierten Qualitätsphilosophie gerne treu.“

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Fotos © Verlag Hermann Schmidt Mainz