Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Verzicht. Sieben Sätze in Vorbereitung auf den Winter

Pandemie, Krieg, Inflation, Lieferengpässe, steigende Energiekosten, Preiserhöhungen bei Lebensmitteln: Liegen die unbeschwerten Jahre endgültig hinter uns? Ist Verzicht nicht länger nur eine Sache stilvoller Freiwilligkeit, sondern Ausdruck tiefliegender Fragilität und unwiederbringlicher Verluste? Weichen Überschwang und Generosität jahrzehntelangen Wohlstands einer auf Dauer gestellten Angst?

Der Konsum ist derjenige Ort, an dem die Kettenkrise der letzten zweieinhalb Jahre sich im Alltag bemerkbar macht. Spätestens seit das Marktforschungsinstitut GfK im Juni ein Rekordtief beim Konsumklima meldete – das niedrigste seit Beginn der Erhebung für Gesamtdeutschland 1991 – steht der Konsum im Fokus der Beunruhigung.

Was kommt? Wie ist die Lage einzuschätzen? Sieben Sätze in Vorbereitung auf den Winter.


Wolfgang Tilmanns, Anti-Brexit Campaign, © Wolfgang Tillmans

Vor Kurzem eröffnete im New Yorker Museum of Modern Art die Ausstellung To Look Without Fear des deutschen Fotografen Wolfgang Tillmans. In der New York Times nannte Jason Farago die Schau „a show of friends lost, of technologies abandoned, of cities grown insular, of principles forsaken“. Farago liest die Retrospektive des 1968 geborenen Künstlers als eine Verlustgeschichte:

„We follow the fragile peace of the ’90s into a century of war, extremism, post-truth and privation. (…)
Now his two hometowns, Berlin and London, are both facing frigid winters with life-threatening power shortages, and his whole world feels on the cusp of vanishing.“

Tillmans, nicht zuletzt ein Dokumentar des Nachtlebens, erfasst 2022 eine Stimmung, die in überraschender Weise an das Lebensgefühl erinnert, dem die Dichterin Ingeborg Bachmann 1953 mit ihrem berühmten Gedicht Die gestundete Zeit Form gab:

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Erster Satz: Wohlstand ist nicht selbstverständlich.

Wenn dieser Tage über kühle Zimmertemperaturen geklagt wird und das Geld nicht mehr so locker sitzt, dann ist das zweifellos verständlich, doch ebenso ist es geboten, die Dinge in eine weitere Perspektive zu rücken. Ein Blick auf die Ukraine sollte genügen, um zu begreifen, dass es Wichtigeres gibt, als während der kalten Jahreszeit im T-Shirt durch die Wohnung zu laufen.

Konsumkrise

Im geschichtlichen wie im globalen Maßstab haben wir es mit Komforteinschränkungen auf beispiellos hohem Wohlstandsniveau zu tun – auch bei denen, die sich jetzt berechtigte Sorgen machen.

Zweiter Satz: Wer verzichtet?

Das mittlere monatliche Nettoeinkommen (Medianeinkommen) in Deutschland beträgt 2028 Euro (Stand 2018). Wer weniger verdient, gehört zur ärmeren, wer mehr bekommt, zählt zur wohlhabenderen Hälfte. Eine differenzierte Einschätzung des eigenen Einkommens ermöglicht dieser Rechner des Insti​tuts der deut​schen Wirtschaft (IW), der auf Grundlage des sogenannten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erstellt wurde, dessen Daten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stammen.

Verzicht

Während sich die öffentliche Diskussion häufig auf den gesamtgesellschaftlich vergleichsweise schmalen Anteil von Menschen an der Armutsgrenze oder auf die wenigen besonders Wohlhabenden bezieht, gehört die überwältigende Mehrzahl der Menschen in Deutschland der – freilich definitionsrelativen – Mittelschicht an. Die FAZ berichtet:

„Im engeren Sinne zur Mittelschicht zählen Menschen, die 80 bis 150 Prozent des mittleren Einkommens verdienen. Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) waren das im Jahr 2019 (neuere Daten gibt es nicht) für einen Single 1690 bis 3160 Nettoeinkommen im Mo­nat, für ein Paar mit zwei Kindern 3540 bis 6640 Haushaltsnettoeinkommen. Ziemlich genau jeder zweite Deutsche fällt in diese Gruppe. Zählt man ei­ne obere Mittelschicht (bis höchstens 5270 Euro netto für einen Single) und eine untere Mittelschicht (bis mindestens 1270 Euro) dazu, gehören sogar acht von zehn Deutschen zur Mittelschicht.“

Es lohnt sich, Zahlen wie diese im Blick zu haben und zu differenzieren, wenn über Teuerung, Konsum und Verzicht gesprochen wird. Es hilft, genau zu sein: Über wen reden wir? Über Menschen mit sicherem Einkommen oder über Freiberufler in unsicherer Lage? Darüber, dass eine zeitlang kein Geld mehr für Restaurants, Reisen und größere Anschaffungen übrig bleibt oder darüber, dass jemand an seine Ersparnisse gehen muss, um den gewohnten Alltag aufrecht zu erhalten? Oder sogar darüber, dass einfach nichts mehr geht, weil auch die Substanz aufgezehrt ist?

Dritter Satz: Manchmal ist Angst ein guter Ratgeber.

Menschen konsumieren auch in Krisenzeiten: weil man nicht nicht konsumieren kann, aus purer Gewohnheit, um ein Gefühl der Selbstwirksamkeit zu behalten oder um sich auch und gerade in einem schwierigem Winter etwas zu gönnen, und sei es ein besonders kuscheliger Pullover.

Verzicht, oder jedenfalls: vorübergehende Kaufzurückhaltung entstehen, wenn eine als unsicher und mutmaßlich schwierig empfundene Zukunft für die Befürchtung sorgt, seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu können – womöglich sogar trotz bislang auskömmlicher Arbeit.

Konsumverzicht

Zukunftsangst muss aber nicht in passiver Zurückhaltung münden; sie kann auch dazu führen, dass man sich auf heraufziehende Schwierigkeiten mental einstellt und praktisch auf sie vorbereitet. Wer etwa – wissend, dass sich der Gaspreis seit Beginn des von Russland gegen die Ukraine geführten Angriffskrieges verachtfacht hat – damit beginnt, Energie zu sparen, um Nachzahlungen möglichst gering zu halten, trägt dazu bei, dass die negative Prognose zumindest nicht im befürchteten Umfang eintritt, eben weil man sich vorausschauend darauf einstellt.

Vierter Satz: It’s the economy, stupid!

Der Soziologe Armin Nassehi bemerkte kürzlich:

„Mir ist es recht, wenn die Leute aus ökonomischen Gründen das Richtige tun und nicht aus ideologischen Gründen das Falsche.“

In diesem Sinn kann die Krise eine Chance darstellen, kulturelle und wirtschaftlichen Trends zusammenzuführen und ethischen Überzeugungen durch ökonomische Signale Nachdruck zu verleihen. Etwa, indem der längst als ungesund und klimaschädlich erkannte, übermäßige Fleischkonsum durch den zusätzlichen Anstoß gestiegener Preise eingedämmt wird. Auch der Verzicht auf elektrische Haushaltsgeräte, wo es auch mechanische tun, gehört in diese Kategorie. Es gibt eine erstaunliche Anzahl an Möglichkeiten, die durch ökonomische Verhaltensanreize einen Verwirklichungsschub erfahren können, worauf auch die neue „Wirtschaftsweise“ Ulrike Malmendier aufmerksam macht:

„Die Verhaltensökonomik zeigt, was auf Ebene der Haushalte hilft: Wenn man zum Beispiel in der Nachbarschaft vergleichen kann, wer mehr spart, ist das ein nützlicher Anreiz. Auch Duschköpfe, die den Energieverbrauch in Echtzeit anzeigen, haben große Effekte.“

Fünfter Satz: Entlastungspakete haben unerwünschte Nebenfolgen.

So richtig es zweifellos ist, denen, die wirklich nicht mehr zurechtkommen, staatlicherseits unter die Arme zu greifen, so sehr ist Misstrauen gegenüber der quer durch die politischen Parteien beliebten Rhetorik der Entlastungspakete angebracht. Sollte nicht schon ein Wort wie „Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung“ skeptisch stimmen? Nein, es handelt sich bei der EnSikuMaV um keine Satire.

Skepsis ist angeraten, weil die Entlastungssemantik drei irreführende Signale aussendet:

Die gönnerhaft-paternalistische Logik der Einmalvergünstigungen (9-Euro-Tickets, Tankrabatte, Abwrackprämien…) lenkt ab von überfälligen Infrastrukturinvestitionen, ist Strohfeuer, nicht Strukturwandel – und kommt die „Entlasteten“ langfristig um so teurer zu stehen.

Sechster Satz: Dasselbe in Grün ist kein Verzicht.

Wer wissen will, welche politischen und persönlichen Präferenzen unserer Gesellschaft zugrunde liegen, sollte sich das gründlich recherchierte und ausgewogen argumentierende 20-Minuten-Video The Insane Cost of Cars von Marton Barcza ansehen:

https://youtu.be/ztHZj6QNlkM

Kai Brach, dessen Newsletter Dense Discovery ich den Hinweis darauf verdanke, fasst das Video zusammen:

„In Germany, a Volkswagen Golf typically costs the owner €7,657 per year to own and run. This includes depreciation, petrol, taxes, maintenance and so on. Based on a conservative study from a few years ago, if you own and use a car of that size over 50 years, it comes to a total cost of €403,179. If we stretch that to 60 years and apply a more realistic inflation rate of 2.5%, that small Golf will incur a lifetime cost of €1,579,583! On a medium income, that’s 30-40% of every euro earned, ever.“

Zudem verursacht die Automobilität immense gesellschaftliche Kosten:

„On top of what the owner pays personally, a car of this size also costs German society €4,600–5,200 per year, because the owner’s taxes and fees don’t cover the cost for building and maintaining roads, parking, offsetting the cost of accidents, pollution, etc. So whether they own a car or not, every tax payer in Germany spends about €5,000 per year propping up a system of car dependency.“

Verglichen damit, fallen die Kosten für alternative Mobilitätslösungen erstaunlich gering aus:

„Even the smallest vehicle class costs a resident of Berlin around four to five times as much as it would to make public transport completely free for everyone in the city. In fact, if you look at the subsidies the city of Berlin spends on free curbside parking (€1,005 per car per year), that money alone would cover the cost of completely free public transport in all of Berlin.“

Natürlich kann man diese Berechnungen in Frage stellen und zu abweichenden Bewertungen kommen. Und selbst der konsequenteste Autoverweigerer profitiert indirekt von der Automobilität und sollte sich deshalb vor Selbstgerechtigkeit hüten. Die Grundaussage lässt sich dennoch kaum wegdiskutieren. Wie liberal und wie sozial ist eine Gesellschaft, die einen erheblichen Teil der Kosten individueller Mobilitätsentscheidungen vergesellschaftet? Wie ernst meint es eine Gesellschaft mit ökologischer Nachhaltigkeit, wenn sie sich vom Tanken mit CO2-Ausgleich das schlechte Gewissen beruhigen lässt?

Autos sind nur ein besonders drastisches Beispiel für die Betriebsweise unseres Wohlstandes. Leider wirken auch zahlreiche Errungenschaften der ’nachhaltigen‘ Ökonomie wie eingegrünte Abziehbilder der alten: Biosupermarktketten, deren kaufstimulierender Aufbau sich nicht von dem herkömmlicher Märkte unterscheidet, die jede Menge Fertiggerichte in Tiefkühltruhen vorrätig halten, Obst, das um den halben Globus transportiert wurde und „Naturkosmetik“, die zum größten Teil aus Wasser besteht und in Wegwerfflaschen aus Kunststoff daherkommt. Wir sind, trotz mancher Fortschritte in Richtung Qualitätswirtschaft, noch weit entfernt von einer tiefgreifenden ökologischen Transformation. Und ganz gewiss von Verzicht und Entbehrung.

Greenwashing

Siebter Satz: Wie halten wir es mit der Freiheit?

Andrew Sullivan erinnerte kürzlich daran, dass der Krieg gegen „den Westen“ von diesem selbst bezahlt wird:

„Ask yourself: how many aggressive wars waged by tyrants in history have been funded by the countries on the other side? The amount the EU has sent to Moscow in oil revenues is far greater than the total aid (somewhere around $28 billion) they’ve so far given to Ukraine.“

Mit anderen Worten: Die westliche Lebensform basiert auf der Abhängigkeit von Autokratien. Das ist die Realität unseres Wohlstandes, die dieser Winter für alle spürbar macht. Wenn wir damit einverstanden sind, sollten wir aufhören, uns in die Tasche zu lügen und es offen aussprechen. Wollen wir es ändern, muss sich viel tun.

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22. September 2022