Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Konsumkultur in den Zeiten des Coronavirus. Über Wirtschaft und Leben im Ausnahmezustand

Die Corona-Krise zeigt, wie fragil unser Wohlstand ist. Das Coronavirus katapultiert Wirtschaft und Kultur in eine mögliche Zukunft. Und es stellt die Menschen vor existentielle Entscheidungen. Beobachtungen aus der Krise, Überlegungen zum Leben nach dem Stresstest und drei Tipps für die kommende Zeit.

SPIEGEL: „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“
ADORNO: „Mir nicht.“
Der Spiegel 19/1969, S. 204

„Everybody needs to remember: This is not a zombie apocalypse. It’s not a mass extinction event.“
Larry Brilliant, Epidemologe, der maßgeblich an der Ausrottung der Pocken mitgewirkt hat

„The coronavirus, and its economic and social fallout, is a time machine to the future. Changes that many of us predicted would happen over decades are instead taking place in the span of weeks.“
Anne-Marie Slaughter

Lockdown. Vom Leben mit dem Coronavirus

Wer schon ein paar Jahrzehnte auf diesem Planeten lebt, hat Wälder sterben und Atomkraftwerke bersten gesehen, war Zeuge der Auflösung ganzer Reiche, sah Türme brennen und Märkte zusammenbrechen. Und doch war der überwältigende Lebenseindruck im Westen derjenige eines unerschütterlichen Wohlstands und historisch beispielloser Möglichkeiten. Die Corona-Krise gibt Grund, inne zu halten und dankbar zurückzublicken auf eine Zeit langanhaltenden Wohlergehens. Nichts davon ist selbstverständlich. Als wie robust wird sich unser Lebensstil erweisen, wenn der Wahnsinn dieser Wochen vorüber ist?

Coronavirus

Zu den prägenden Bildern der vergangenen Tage zählten leere Regale, kontingentierte Desinfektionsmittel und Menschen, die Toilettenpapier und Lebensmittel bunkern. Schutzmasken erzielen Schwarzmarktpreise. Es sind Panikreaktionen, angstgetriebene Ersatzhandlungen gegen den Kontrollverlust.

Dass der Nachschub abreißt, ist Handelsexperten zufolge nicht zu befürchten; für zehn Tage sollte sich ein Haushalt ohnehin bevorraten. Das übertriebene Horten beeinträchtigt die Lieferketten, was zu vorübergehenden, zumeist logistisch bedingten Knappheiten führt, beispielsweise weil es nun an zurückgegebenen Pfandflaschen für Mineralwasser fehlt. Doch selbst wenn es in den nächsten Monaten einmal an Piemonteser Haselnüssen mangeln sollte, handelte es sich dabei ganz gewiß um ein Luxusproblem.

Gleichwohl greift das Coronavirus tief in den Alltag ein. Zahllose Läden dürfen nicht öffnen, Restaurants ihre Gäste nicht bewirten. Während das Frühjahr erwacht, bleiben die Cafés unbelebt, und ausgerechnet in Zeiten der Isolation bieten Bars keine Zuflucht. Wo noch geöffnet ist, bilden sich lange Schlangen, damit der medizinisch gebotene Mindestabstand von anderthalb Metern eingehalten wird. In kleineren Geschäften dürfen oft nur ein oder zwei Kunden gleichzeitig das Ladenlokal betreten, Re-Cups werden aus infektionspräventiven Gründen nicht mehr nachgefüllt, die Bezahlung erfolgt vorzugsweise kontaktlos. All das spielt sich ab, während Aushilfskräfte ununterbrochen Einkaufswagen desinfizieren und kurzfristig eingestelltes Sicherheitspersonal die Waren bewacht.

Coronavirus Konsum

Selbst Apple Stores, die ikonischen Konsumkathedralen, sind im Zeichen des Coronavirus geschlossen. Doch hat der kalifornische Konzern im Stillen neue Produkte lanciert, die sich bestens für die derzeit boomenden Branchen der Streamingdienste und Videokonferenz-Apps eignen: „We Live in Zoom Now“, schreibt die New York Times. Während Apple ohnehin über ein üppiges Kapitalpolster verfügt, sehen sich Unternehmen der Reise- und Gastronomiebranche, aber auch der Buchmarkt, dessen Messen in London und Leipzig ausfielen, von existentieller Ungewissheit erfasst.

Bedroht ist die konsumkulturelle Vielfalt, die sich kleiner Nachbarschaftsbetriebe und zahllosen Freiberuflern verdankt. Gig worker, die nun keine Auftrittsmöglichkeiten mehr haben, Familienbetriebe mit teilweise jahrhundertelanger Tradition und junge Unternehmen, in denen alles an Geld, Zeit, Energie, Nerven und Herzblut steckt, was die Gründer aufbringen konnten, sehen von heute auf morgen ihre Existenz gefährdet. Die Krise rückt in die Wahrnehmung, wie netzförmig unsere Wirtschaft verfasst ist: so bildet etwa ein Restaurant ein Relais, von dem nicht nur Angestellte in Küche und Service, sondern auch Reinigungskräfte, Blumenlieferanten, Getränkehändler und Lebensmittelzulieferer abhängen. Hinzu kommt die internationale Vernetzung. Winzer in der Pfalz beispielsweise verlassen sich auf Saisonarbeiter aus Osteuropa, die nun nicht mehr reisen dürfen, wie VDP-Präsident Steffen Christmann in einer E-Mail vom 19. März erläutert: „Noch sind wir völlig ungewiss, ob für die anstehenden Laubarbeiten unsere Stammmitarbeiter aus Polen und Rumänien zur Verfügung stehen.“

Social Distancing

Dan Frommer, Betreiber des kostenpflichtigen Newsletters The New Consumer, sieht das größte Problem in der Unsicherheit. Denn mangelndes Vertrauen in die Zukunft führt zu Kaufzurückhaltung und diese in die Rezession. Niemand sagt, wie lange der Shutdown andauern wird: bis Ostern? In den Sommer hinein? Bis ein Impfstoff oder eine Therapie verfügbar ist? Die Krise, resümiert der Economist in seinem Titelartikel vom 21. März, stellt die Welt vor eine tragische Alternative:

„The bitter truth is that mitigation costs too many lives and suppression may be economically unsustainable.“

Auf beiden Seiten des Dilemmas geht es um Zeitgewinn. Die aktuelle politische Vorgehensweise folgt dem Rat von Virologen und gibt dem Infektionsschutz Vorrang vor anderen, normalerweise bei Abwägungsprozessen berücksichtigten Aspekten. Dadurch soll die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitswesens vermieden werden, wie sie in vielen Ländern Menschenleben kostet. Aber wie lange lässt sich eine solche Strategie politisch durchhalten, gesellschaftlich hinnehmen, psychisch ertragen und wirtschaftlich verkraften?

Corona Rezession

Je länger der Shutdown anhält und je deutlicher seine Folgen zu spüren sind, desto häufiger wird die Befürchtung geäußert, „dass die Folgen der Virusbekämpfung schlimmer sein könnten als die Folgen des Virus selbst“, wie es der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner am Montag formulierte. Von Ökonomen, Juristen und auch im Bundeskanzleramt werden Fragen nach der Verhältnismäßigkeit aufgeworfen. Sie geben zu bedenken, ob es nicht die klügere Strategie wäre, diejenigen zu isolieren, die besonders geschützt werden müssen, anstatt durch Vollquarantäne eine weltweite Rezession, bodenlose Staatsverschuldung und drastische Einschränkungen der Freiheitsrechte in Kauf zu nehmen, was mittelfristig nicht zuletzt die gesundheitliche Versorgung beeinträchtigte. Allerdings müsste die sogenannte Umkehrisolation – will sie kein Zynismus nach Art des US-Präsidenten sein – flankiert werden von Maßnahmen wie dem konsequentem Ausbau intensivmedizinischer Versorgung, flächendeckenden Tests und umsichtigem Alltagsverhalten wie Händewaschen, In-die-Armbeuge-Niesen und Abstandhalten.

Corona Abstand

Fallout. Wie es nach dem Coronavirus weitergehen kann

Es gibt auch gute Nachrichten. Zu ihnen zählen Geschichten vom Einfallsreichtum und von der Solidarität im Wirtschaftsleben. Viele Unternehmen spenden, Konzerne wie Apple ebenso wie kleine Nischenanbieter, darunter die kürzlich auf diesem Blog vorgestellte Bekleidungsmarke Handvaerk, die derzeit 20% ihrer Einkünfte der New Yorker Krankenhausgruppe Stony Brook Medicine zufließen lässt.

Gefragt sind Kreativität und unkonventionelle Ideen. Der Winzer Martin Müllen aus Traben-Trarbach an der Mosel beispielsweise hat sich Online Weinproben einfallen lassen. Sie laufen folgendermaßen ab: Das Weingut gibt Termin und Thema bekannt, die Kunden bestellen sich das entsprechende Weinpaket über den Webshop, nach der Lieferung findet eine gemeinsame Verkostung per Livestream und Chat statt.

Corona Takeaway

Eine Reihe von Websites versammelt gastronomische Betriebe, die in den Zeiten des Coronavirus delivery und take away anbieten. Zu ihnen zählen die internationalen Plattformen Dining at a Distance und We Are Still Open, aber auch lokale Initiativen wie die Berliner Website Supportgastro. Die Initiative Helfen.Berlin offeriert die Möglichkeit, jetzt Gutscheine zu kaufen, die man später einlösen kann, wenn die Lokale wieder öffnen.

Vergangene Woche nahmen 42 000 Programmierer und Designer an einem Hackathon der Bundesregierung teil, um intelligente Lösungen für die „Ver­tei­lung von Hilfs­mit­teln, Nach­bar­schafts­un­ter­stüt­zung, die Er­fas­sung und Über­mitt­lung neu­er In­fek­ti­ons­fäl­le, die psy­chi­sche Ge­sund­heit der Men­schen in der Kri­se oder die Di­gi­ta­li­sie­rung der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung“ zu entwicklen – eine ebenso beeindruckende wie ermutigende Zahl.

Coronavirus Optimismus

Die Krise kann Entwicklungen begünstigen, die längst überfällig waren und deren Sinn dieser Tage besonders deutlich hervortritt. Aus China wird berichtet, dass viele Menschen nun zum ersten Mal in ihrem Leben den Sternenhimmel sehen können, weil die Luft endlich einmal rein ist. In Venedig ist das Wasser der Kanäle plötzlich klar. Wie könnte die Wirksamkeit einer konsequenten Umweltpolitik besser veranschaulicht werden?

Zu den Lektionen der Krise zählt die Einsicht

Gewiss ist es sinnvoll, sich keinen Illusionen hinzugeben. Das Coronavirus wird zahlreiche Menschenleben kosten. Was verloren ist, lässt sich nicht zurückholen. Und die Welt wird sich durch die Coronakrise nicht generell zum Besseren wandeln. Schon jetzt nutzen Populisten und Autokraten die Gunst der Stunde. Aber jeder Katastrophe folgt die Aufbauarbeit. Und darin liegen Chancen, nicht zuletzt für Bereiche, die zuvor aus durchaus guten Gründen in der Kritik standen – wie beispielsweise die Bekleidungsindustrie. Angelo Flaccavento von Business of Fashion, dem Branchenmagazin der Modewelt, schrieb vergangenen Montag:

„we might rediscover what truly matters, and do away with the clutter, the overconsumption, the superficiality that’s been clogging our minds, and destroying our environment“

Was wir jetzt tun können. Drei Vorschläge

Viel guter Rat zum Umgang mit der Krise war in den vergangenen Wochen zu lesen. So gab die New York Times wertvolle Tipps zum Umgang mit der Angst und zum Leben in sozialer Distanz. Je nach den eigenen Lebensumständen ist jetzt die Gelegenheit, Bücher zu lesen, das eigene Zuhause zu genießen, Zeit mit der Familie zu verbringen, Nachbarschaftshilfe zu leisten und Anerkennung auszusprechen für diejenigen, die unter größter Belastung ihre schlecht bezahlte Arbeit im Krankenhaus, im Supermarkt oder bei Zustelldiensten leisten. Es ist die Zeit, Freundschaften zu vertiefen, den intensiven Austausch auf kontaktlosen Kanälen zu suchen oder einfach eine virtuelle Cocktail Hour mit einem Quarantini auszurichten.

Gegen meine eigene Überzeugung habe ich in den vergangenen Wochen viel zu viel Zeit am Computer verbracht und Nachrichten konsumiert – nicht zuletzt für diesen Artikel. Klüger wäre es, dem Rat von Cal Newport zu folgen:

„check one national and one local news source each morning. Then — and this is the important part — don’t check any other news for the rest of the day“

Aus meine Lektüren habe ich drei Tipps für die kommenden Tage destilliert:

Coronavirus Leben

Abbildungen: Round Icons* & Deutschland gegen Corona

26. März 2020