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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Jean Baudrillard und die Konsumgesellschaft

Bekannt geworden als Theoretiker referenzloser Simulation, hat sich der französische Denker Jean Baudrillard (1929-2007) in seinem Frühwerk ausführlich und wegweisend mit dem Konsum auseinandergesetzt. Welche Einsichten verdanken wir ihm? Und wo würde der junge Baudrillard einkaufen?

Jean Baudrillard

Nach einem Germanistikstudium arbeitete Baudrillard von 1958 bis 1966 zunächst als Deutschlehrer und Übersetzer, bis er Ende der 60er Jahre Assistent von Henri Lefebvre wurde, einem linken Alltagssoziologen, der den Marxismus für die Analyse von Konsumgesellschaft und moderner Technologie fruchtbar machen wollte.

Jean Baudrillard

Bei ihm reichte der spätere Medienapokalyptiker seine Doktorarbeit ein, die 1968 unter dem Titel Le système des objets erschien.

Baudrillard System der Dinge

Das Spätwerk des Denkers ist darin – etwa im Kapitel über technische Gadgets – bereits angelegt, doch zunächst einmal beschäftigte Baudrillard sich mit der Ausstattung des Wohnraums, dem Phänomen des Sammelns und den Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Zwei Jahre später (1970) legte er La société de consommation vor, ein Schlüsselwerk zur Konsumkultur, das erst 2015 – 45 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung – in deutscher Übersetzung erschien.

Baudrillard Konsumgesellschaft

Baudrillard über die Konsumgesellschaft

In dem für Baudrillard so typischen, expressiv zuspitzenden, nicht immer leicht und vollständig verständlichen Duktus geschrieben, enthalten die beiden Bücher eine Fülle bisweilen frappierend aktueller Gedanken. Beispielsweise folgende:

  • Der moderne Konsum zielt nicht auf die Befriedigung von Bedürfnissen und praktischen Nutzen, sondern auf Begehren und Zeichen ab, deren Logik „unwiderruflich und uneingeschränkt das Feld beherrscht“.
  • In der Industriegesellschaft kann sich zwar nicht jeder alles kaufen, aber man kann auch nicht nicht kaufen. Das bedeutet: Konsumenten können nicht nur wählen, sie müssen es auch – ein Gedanke, den vermutlich niemand vor oder nach Baudrillard so klar herausgearbeitet hat. Zum Verständnis des modernen Konsums ist kaum etwas so grundlegend wie die Beobachtung, „dass die Positionen wechseln, die Ordnung der Differenzen aber bleibt.“
  • Werbung „überzeugt im Grunde niemanden“: „Man glaubt nicht daran, und dennoch tut man mit.“ Aber warum? Weil den Kunden die „Betreuung und Beschenkung“ durch die Werbetreibenden anspricht, „die Sorgfalt, mit der er umworben und überzeugt wird“. Werbung wirkt nicht als Kommunikation, sondern als Metakommunikation, sie liefert „eine gewisse Wärme“, eine Mütterlichkeit, durch die man sich erst als wirklich erfährt und für deren Entgegenkommen man sich kaufend dankbar zeigt.

Baudrillards Bücher stecken voller anregender Überlegungen dieser Art, und sie zeigen, wie ergiebig das Thema Konsum sein kann, wenn sich ihm ein brillanter Geist annimmt. Schon 1970 durchdenkt er die Absurdität quantitativer Wohlstandsmessung und diskutiert die Begleitschäden der Konsumgesellschaft, erkennt aber auch, dass die Rede von sogenannten unechten Bedürfnissen nicht weiterführt.

Wo würde Baudrillard einkaufen?

Bereits im Frühwerk zeichnet sich ab, dass Baudrillard sich von marxistisch motivierter Veränderungshoffnung mehr und mehr entfernt. So sehr er die „Gleichheit vor dem Elektrorasierer und dem Auto“ als formal entlarvt, so wenig entwirft er Alternativen. Im kritischen Konsum sah der Mann der großen Geste nicht mehr als ein weiteres, systemstabilisierendes Symptom noch subtilerer Distinktion. Dass Unterschiede aber tatsächlich einen Unterschied machen, entgeht seinem einseitig semiotischen Differenzbegriff. Um Baudrillard in den Bioladen zu bringen, bedürfte es einer radikaleren Idee von Unterscheidung.

Jean Baudrillard: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Dingen. Frankfurt/Main: Campus 2007 & Die Konsumgesellschaft. Ihre Mythen, ihre Strukturen. O.O.: Springer VS 2015.

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Porträtfoto: European Graduate School via Wikimedia Commons