Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Kunst und Ökonomie & William Kentridge

Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie – 1919 bis 1939 und 2008 bis 2018 lautet der Titel einer zeitdiagnostischen Doppelausstellung, die noch bis zum 3. Februar in der Kunsthalle Mannheim zu sehen ist. Erfasst die Gegenwartskunst ihre Zeit so prägnant wie es den historischen Positionen der Zwischenkriegszeit gelungen ist? Ein Besuch.

Kunst und Ökonomie im historischen Vergleich

1925 zeigte die Kunsthalle Mannheim eine Ausstellung, deren Titel begriffsbildend wurde: Die Neue Sachlichkeit. Neusachliche Arbeiten finden sich auch im historischen Teil der aktuellen Ausstellung, die sich in die beeindruckende Folge treffsicherer Zeitdiagnosen der Kunsthalle einreiht. Sie rückt die künstlerische Auseinandersetzung mit der Wirtschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit.

DIE ABBILDUNG WURDE AUS BILDRECHTLICHEN GRÜNDEN ENTFERNT. DIE KUNSTHALLE MANNHEIM ERLAUBT DIE NUTZUNG VON BILDDATEIEN NUR BIS MAXIMAL VIER WOCHEN NACH BEENDIGUNG DER AUSSTELLUNG.

Lester T. Beall, Light. Rural Electrification Administration, 1937, Silkscreen, Plakat, Collection Merrill C. Berman, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Der historische Teil (1919 bis 1939) wurde von Eckhart Gillen, der gegenwartsbezogene (1919 bis 1939) von Sebastian Baden kuratiert, jeweils in Zusammenarbeit mit der Direktorin des Hauses, Ulrike Lorenz. Das Konzept, Schlüsselwerke der Klassischen Moderne mit einem Fokus auf Deutschland, Russland und die Vereinigten Staaten künstlerischen Positionen der unmittelbaren Gegenwart gegenüberzustellen, leuchtet ein: dort die industrielle Moderne, hier die digitalisierte Weltwirtschaft. Was ergibt der Vergleich?

Die Ausstellung gibt dem geschichtlichen Part in jeder Hinsicht mehr Raum: mehr Platz, mehr Exponate und einen deutlich umfangreicheren Katalog. Aber auch qualitativ überzeugt Gillens kuratorische Leistung: Er hat ein eindrückliches Panorama kanonischer Arbeiten der Industriemoderne zusammengetragen, das von George Grosz über Charles Sheeler bis zu Dziga Vertov zentrale Positionen versammelt. Zugleich gibt es mit Werken von Oscar Nerlinger oder Franz Wilhelm Seiwert starke Arbeiten am Rande des weithin Bekannten zu entdecken.

DIE ABBILDUNG WURDE AUS BILDRECHTLICHEN GRÜNDEN ENTFERNT. DIE KUNSTHALLE MANNHEIM ERLAUBT DIE NUTZUNG VON BILDDATEIEN NUR BIS MAXIMAL VIER WOCHEN NACH BEENDIGUNG DER AUSSTELLUNG.

Alice Lex-Nerlinger, Für den Profit, 1931, Fotogramm-Montage, Akademie der Künste Berlin, © Sigrid Nerlinger

So gelingt es der Schau, Schlüsselthemen wie die Rationalisierung des Lebens, die visuelle Faszination des Industriellen und Ingenieurshaften, Rhythmus und Rausch der Metropolen sowie Entfremdung und Verelendung zu vergegenwärtigen. Der im Kerber Verlag erscheinende Katalog mit seinen profunden Texten und einer instruktiven Chronik hat das Zeug zum Referenzwerk.

Kunst und Ökonomie 1919-1939

Informiert und auf dem Stand der Diskussion ist auch die Einleitung des schmaler ausgefallenen zweiten Kataloges, der sich der unmittelbaren Gegenwart widmet. Dass Kunst Ökonomie nicht nur beobachtet und bisweilen in sie interveniert, sondern selbst Ware auf einem Markt ist, wird klar benannt. Doch dem zeitgenössischen Teil der Ausstellung gelingt es nicht, ästhetische Energien auf der Höhe der theoretischen Reflexion zu entfalten. Die Obsession vieler Arbeiten mit Infografiken kommt kaum übers Illustrative hinaus, das Ausstellen von Konsumprodukten bleibt in dürftiger Weise hinter der Raffinesse guter Marketinginszenierungen zurück und die Fixierung einer Reihe von Position auf einen materialistischen Arbeitsbegriff wirkt vor dem Hintergrund der Digitalisierung antiquiert.

Kunst und Ökonomie 2008-2018

Wie ist diese Schwäche zu erklären? Liegt es am geringen zeitlichen Abstand der Arbeiten zu ihrem Gegenstand? Das galt für die heute als Klassiker der Moderne angesehenen Positionen freilich auch. Ist die kuratorische Auswahl zu schwach? Immerhin sind Namen wie Harun Farocki & Antje Ehmann, Andreas Gursky (dessen Foto der New Yorker Warenterminbörse zu den stärksten Arbeiten der Gegenwartsausstellung zählt), Thomas Hirschhorn und Tobias Rehberger vertreten.

DIE ABBILDUNG WURDE AUS BILDRECHTLICHEN GRÜNDEN ENTFERNT. DIE KUNSTHALLE MANNHEIM ERLAUBT DIE NUTZUNG VON BILDDATEIEN NUR BIS MAXIMAL VIER WOCHEN NACH BEENDIGUNG DER AUSSTELLUNG.

Andreas Gursky: New York Mercantile Exchange, 1999, C-Print, Deutsche Börse Photography Foundation, © Andreas Gursky / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Um eine überragende gegenwartskünstlerische Auseinandersetzung mit der Ökonomie zu finden, hätte das Kuratorenteam freilich nicht lange suchen müssen. Sie findet sich im eigenen Haus, gleich neben der Wechselausstellung. Die Rede ist von William Kentridge‘ Installation The Refusal of Time.

Kunst und Ökonomie bei William Kentridge

Zuerst auf der documenta 13 gezeigt und dauerhaft in Mannheim zu sehen, handelt es sich bei der 2012 von William Kentridge geschaffenen Arbeit The Refusal of Time um eine Fünfkanal-Videoinstallation mit Ton, Megaphonen und einer atmenden Maschine. Das folgende Video des Wexner Center for the Arts gibt einen Eindruck der mit tickenden Metronomen, Karten und Schrift arbeitenden Installation, ohne die reale Erfahrung im Raum ersetzen zu können:

Die Wandtafel in der Mannheimer Kunsthalle beschreibt die Arbeit treffend als „roh, dunkel und laut“. Sie greift den unbarmherzigen Rhythmus des Kapitalismus auf, macht ihn spürbar, wendet ihn ins Existentielle des endlichen Lebens. Ökonomie ist hier keine materielle Basis und keine gesellschaftliche Superstruktur, sondern: der Mensch im unausweichlichen Überschießen seiner Begehren.

Die Formeln des Kunstdiskurses, von der Irritation bis zur Immersion, werden bei Kentridge vorausgesetzt, bestätigt und hinter sich gelassen. Vermessener Raum, begrenzte Zeit, Feier des Tuns, bis ins Burleske zur Freiheit drängendes Leben: Der südafrikanische Künstler setzt diese Elemente in Bewegung, gewährt Atempausen, lässt rückwärts laufen, bis die Bilder wieder anziehen und das Schreiben stockt, arrangiert einen Sog aus Funktion, Kraft und Zeit, der packt und lange nachwirkt.

Zwischen Tretmühle und Vitalität, bei befristeter Zeit: das ist Ökonomie, und die Kunst des William Kentridge macht sie erfahrbar.

Bis zum 3. Februar

Kataloge:
Eckhart J. Gillen, Ulrike Lorenz (Hg.): Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie 1919–1939. Kerber Verlag Bielefeld. 58 Euro.
Sebastian Baden, Ulrike Lorenz (Hg.): Konstruktion der Welt. Kunst und Ökonomie 2008–2018. Kerber Verlag Bielefeld. 40 Euro.

Mehr über die Künste und die Wirtschaft finden Sie im Archiv.

Verwendung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Kunsthalle Mannheim und des Kerber Verlages.

3. Januar 2019