INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Erinnerungen an Michael Rutschky. Ein Nachruf

In der Nacht zum Sonntag verstarb im Alter von 74 Jahren der Berliner Autor und Fotograf Michael Rutschky. Unaufgeregte Neugier auf das Alltägliche bestimmte sein Schreiben; seine Wortprägungen fanden Eingang in die Umgangssprache. Erinnerungen an einen beispielgebenden Autor.

Berlin, den 5. September 2017

Im Spätsommer 2017 traf ich Michael Rutschky bei einem Empfang im Haus des Verlegers Heinrich von Berenberg in Berlin. Wir hatten bereits eine Reihe von E-Mails gewechselt, da ich zum Erscheinen seiner Tagebücher für den WDR Interviews mit ihm vorbereitet hatte. Rutschky war ein Gesprächsgast, wie man sich ihn nur wünschen konnte: verbindlich, unkompliziert und frei von Allüren.

Michael Rutschky

Obwohl es ein sehr heißer Sommerabend war, legte der Autor das für ihn so typische Sakko nicht ab. Wir sprachen über den Gleisdreieckpark, Karl Ove Knausgård (den er natürlich gelesen hatte) und Fernsehserien (zu denen er präzise Vorstellungen äußerte). Später kam Kurt Scheel dazu, es wurde viel Weißwein getrunken, am Ende sah ich die beiden Freunde in der Berliner Nacht verschwinden, sich noch immer angeregt unterhaltend.

Wer von Rutschky Stellungnahmen erwartete, lief ins Leere. Seine Sätze waren ebenso genau wie entwaffnend. Doch führt eine solche Haltung nicht ins Spannungslose? Gehört zum Intellektuellen nicht eine gewisse Entschiedenheit? Irgendwann im Laufe des Abends stellte ich die Frage nach Qualitätskriterien. Scheel gab eine skeptische Antwort; Rutschky beschränkte sich auf zustimmendendes Nicken und einen freundlichen Blick, der mich über die Frage noch einmal nachdenken ließ.

Der Blogger Michael Rutschky

Rutschky hatte bei Adorno und Habermas studiert, doch sein eigentlicher Referenzautor hieß Siegfried Kracauer. An dessen Nähe zum Alltagsmaterial schloss er an, während die anderen sich noch am Systematischen abarbeiteten. So fand er einen neuen, für viele vorbildhaften Ton, indem „sein Essay vom Imperativ der Allgemeinbegriffe weg und hin zur Alltagsneugier lenkte“, wie Erhard Schütz, der Kenner der Kleinen Form, es treffend formuliert hat.

Rutschky war ein ungemein produktiver Autor. Allein im Merkur erschienen 103 Texte von ihm. Der Redaktion der Zeitschrift gab er noch im November letzten Jahres ein langes Interview:

2008, im Alter von 64 Jahren, öffnete der Verfasser von zwei Dutzend Büchern sich dem Internet und gründete den Blog Das Schema. Autoren wie Kathrin Passig und David Wagner schrieben für die Website, deren Erscheinungsbild mit 14px Schrift und Tagcloud bis heute an die wilden Anfangsjahre des Mediums erinnert. Einmal mehr, schreibt Harry Nutt in seinem Nachruf, hatte Rutschky „seine zeitdiagnostische Aufgeschlossenheit unter Beweis gestellt“.

„Alles notiert“

2009 veröffentlichte Rutschky einen Post mit dem Titel Der junge Mann / der alte Mann, in dem er zwei Fotos des Autors gegenüberstellte und schonungslos kommentierte.

„Einst war man hübsch und cool, jetzt ist man ‚uffjedunsen‘ (Max Goldt) und hat Tränen in den Augen vor Wut (wenn man das Bild des jungen Mannes, der man einst war, betrachtet). Was von einst nach jetzt abrollt, das ist ein Prozess des Verfalls, der im Tod der Person endet, womit der individuelle Lebenslauf abschließt. Wenn der Tod eintritt, wird der individuelle Verfall so weit fortgeschritten sein, dass man das Ende begrüßt.“

Der Text wäre nicht von Rutschky gewesen, wenn er nicht mindestens eine weitere Volte enthielte:

„So könnte man zwischen Einst und Jetzt, statt einer des Verfalls, eine Erfolgsgeschichte ausspannen. Der Lauf der Begebenheiten führt von unten nach oben; der Fortschritt bestimmt das Verhältnis von Einst und Jetzt. Dass der junge Mann hübsch aussieht, der alte scheiße, das ist ohne Belang.“

Rutschky, der unbeirrbar Unaufgeregte, hat mit Wortschöpfungen wie „Erfahrungshunger“, „Jungmenschen“, „Meinungsfreude“ oder „Soziotop“ den öffentlichen Diskurs mehr geprägt als zahllose Leitartikel. Titel wie „Unterwegs im Beitrittsgebiet“ werden noch lange nachwirken, weil sie vor allem eines lehren: genaues Hinschauen. Die letzte E-Mail, die ich von Michael Rutschky erhielt, bestand aus nur zwei Wörtern. Sie lauten:

„Alles notiert.“