Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Subskription, Wein und Zeit. Eine kleine Philosophie der Vorbestellung

Bücher und Weine zählen zu den wenigen Gütern, die man subskribieren kann. Subskription bedeutet: man bezahlt jetzt und erhält später. Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Bordeaux subskribiert. Geliefert werden die Weine erst im Herbst 2022. Der Kauf en primeur, wie er im Französischen heißt, ist ein Erlebnis, das ins Innerste des Weingenusses führt: die Zeit.

Warentermingeschäft Weinbestellung

Während das Subskribieren mehrbändiger Enzyklopädien aus der Mode gekommen ist, stellt die Vorauszahlung hochwertiger Weine für Genießer, Sammler und Spekulanten nichts Ungewöhnliches dar. Man bestellt vor, um überhaupt an bestimmte Weine zu kommen, bei denen die Nachfrage das Angebot übersteigt. Oder man subskribiert, weil man auf einen steigenden Preis wettet und Geld sparen beziehungsweise mit Gewinn verkaufen will.

Seit Robert Parker Mitte der 1980er Jahre seine Punktebewertung etablierte, kletterten die Preise für Weine aus Bordeaux in nie gekannte Höhen. Um ein extremes Beispiel zu nennen: Für eine Flasche Château Petrus aus dem Jahr 2015 zahlt man derzeit 4999 Euro. Wer sucht, findet freilich schon um die 15 Euro gute Weine aus dem Bordelais – und hinreißende für deutlich weniger als 50 Euro.

Subskription

Die Weingüter haben die Verhandlungsmacht und verkaufen deshalb in der für sie vorteilhaftesten Weise, eben der Subskription. So kommt das Geld schon in die Kassen, bevor der Wein überhaupt abgefüllt ist. Bereits vor zehn Jahren beschrieb Weinkenner Jens Priewe anschaulich die Dynamik der Spekulation:

„Spit­zen­jahr­gän­ge sind noch nie im Preis gesun­ken, zumin­dest lang­fris­tig nicht. Alle guten Jahr­gän­ge der letz­ten 20 Jah­re haben sich als gute Invest­ments erwie­sen. Wer den 1982 Pichon Lalan­de für 40 Mark in der Sub­skrip­ti­on erwor­ben hat­te, könn­te ihn heu­te locker für 500 Euro ver­kau­fen. Das ent­spricht rech­ne­risch einem Wert­zu­wachs von 2400 %. Der 1990er Latour hat bei einem Ein­stands­preis von 150 Mark bis heu­te über 1000 % zuge­legt (jet­zi­ger Markt­preis: ca. 850 Euro).

Freilich gab es auch Jahrgänge, die im Nachhinein enttäuschten und bei denen die Preise unter den Subskriptionswert fielen. Subskribiert man nicht um der Wertsteigerung, sondern um des Weingenusses willen, vergisst man am besten den Preis und freut sich auf das zukünftige Trinkvergnügen. Damit ist der Subskribent freilich nicht alle Sorgen los, denn er erwirbt ein Produkt, von dem er erst Jahre später wissen wird, ob es ihm gefällt.

Bordeaux subskribieren

Da man den Wein vor dem Kauf nicht probieren kann (lediglich ausgewählten Experten stehen die Fassproben der Châteaux offen), ist die Vorbestellung Vertrauenssache. Man vertraut nicht nur darauf, dass Hersteller und Händler ihre Gegenleistung erbringen, sondern auch der Einschätzung der Kritiker und Käufer, die die Fassproben bewerten. Da diese den Wein lange vor seiner Trinkreife verkosten, basiert ihr Urteil nicht nur auf Geschmackskriterien, sondern auch auf einer Mutmaßung über die Entwicklung des Weins.

Subskription: ein Spiel mit der Zeit

Zahlreiche Subskriptionsweine sind binnen kurzer Zeit ausverkauft. Das Tempo des Verkaufs steht in auffälligem Gegensatz zur Zeit der Herstellung, der Lagerung und des Genießens. Denn große Weine reifen lange, zuerst im Faß, dann in der Flasche. Daher müssen viele Subskriptionsweine nach der Lieferung erst einmal gelagert werden; sie sind von ihrem Höhepunkt noch weit entfernt.

So wird die Subskription endgültig zu einem Spiel mit der Zeit: zuerst muss man rasch handeln, dann lange warten. Zwischen Kauf und Lieferung vergehen Jahre, zwischen Lieferung und Genuss weitere Jahre. Es ist noch nicht einmal klar, wann der optimale Trinkzeitpunkt ist. Öffnet man eine Flasche zu früh, begibt man sich um den höchsten Genuss. Entkorkt man sie zu spät, verschwindet das Investment im Abfluss. Aus diesen Gründen – und weil einzelne Flaschen einen Korkfehler aufweisen können – empfiehlt es sich, von ein und demselben Wein eines Jahrgangs mehrere Flaschen zu subskribieren und diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu öffnen. Freilich erhöhen sich damit der Geldeinsatz und das Risiko, viel Geld für Weine auszugeben, die einem am Ende gar nicht schmecken.

Subskription Wein

Worin liegt in Anbetracht dieser vertrackten Zeitlichkeit der Reiz der Subskription, sieht man vom Kitzel des Spekulativen einmal ab? Glücksforscher haben herausgefunden, dass es die Zufriedenheit von Konsumenten steigert, bereits bezahlte Güter mit Verzögerung zu genießen. Vorfreude sei auch im Zeitalter des One-Click-Shopping und der Same-Day-Delivery die größte Freude und füge dem unmittelbaren Genuss zusätzliche Befriedigung hinzu. So lässt sich die Subskription als ein ins Extrem getriebenes Beispiel dessen interpretieren, was Psychologen als Belohnungsaufschub (deferred gratification) bezeichnen.

Hinzu kommt, dass die der Subskription innewohnende Zeitlichkeit aus einer Besonderheit des Produktes Wein hervorgeht. Guter Wein braucht Zeit und will aufmerksam, also langsam genossen werden. Für eine Flasche Bordeaux kann man sich einen Abend lang Zeit nehmen – oder auch mehrere Tage, um zu verfolgen, wie eine möglicherweise etwas zu früh geöffnete Flasche sich an der Luft entwickelt.

Schließlich ist die Subskription Ausdruck des Glaubens an die Zukunft. Der Subskribent wettet darauf, noch ein paar Jahre zu leben und genießen zu können – oder die gelagerten Weine an die nächste Generation weiterzugeben..

Worauf sollte man bei der Subskription von Weinen achten?

Da man subskribiert, ohne zuvor verkosten zu können, ist es ratsam, Weine auszuwählen, von denen einem bereits frühere Jahrgänge geschmeckt haben. Die Menge hängt natürlich vom Budget ab – und davon, wie viel Platz im Keller ist. Sicherlich empfiehlt es sich, mehr als eine Flasche zu bestellen, um den Wein zu unterschiedlichen Zeitpunkten trinken zu können und bei Weinfehlern eine Konterflasche im Regal zu haben. Zwei ist das Minimum, drei ist besser, eine Kiste am besten – aber auch am riskantesten, wenn man den Wein am Ende gar nicht mag.

Was die Frage nach dem richtigen Trinkzeitpunkt betrifft, so sollte man die von den Winzern angegebenen Lagerungsfenster als Anhaltspunkte, aber nicht als Garantien auffassen. Denn bislang gibt es wenig Erfahrung mit Weinen, die in den klimawandelbedingt beispiellos heißen Sommern der vergangenen zwanzig Jahre angebaut wurden. Vieles spricht dafür, dass diese Weine immer früher trinkreif werden. Zudem unterliegt die Antwort auf die Frage nach dem Höhepunkt eines Weines durchaus subjektiven Vorlieben. Nicht jeder Weintrinker schätzt Alterungstöne; es ist vollkommen legitim, Primärfrucht und Frische vorzuziehen. Am Ende des Tages geht es schließlich auch bei einem so sehr auf Zeit spielenden Produkt wie dem Subskriptionswein um die Gegenwart des Genießens.

Abbildungen: Round Icons*

7. Mai 2020