INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Raf Simons oder Was macht ein Kreativdirektor?

Zeichnen kann er nicht, nähen hat er nie gelernt, und eine Rampensau ist er auch nicht. Trotzdem verantwortet der aus einem kleinen Dorf in Belgien stammende Raf Simons seit 2012 die Haute Couture des Hauses Dior. Für sein erstes Defilee hatte er nicht das übliche halbe Jahr, sondern nur acht Wochen Zeit. Am Ende stand ein Triumph. Was sich in den dramatischen acht Wochen davor abspielte, ist das Thema des sehenswerten Dokumentarfilms Dior und ich, der momentan in den Kinos läuft.

Natürlich sieht man in diesem Film nur, was die PR-Abteilung des LVMH-Konzerns zu sehen freigab. Doch um zu verstehen, worin Talent und Tätigkeit von Raf Simons liegen, braucht man kaum mehr. Anders als sein exzentrischer Vorgänger und eher an den Gründer des Hauses erinnernd, wirkt Simons schüchtern, sensibel, ernst, aufmerksam. Er tritt ruhig auf, bleibt lösungsorientiert auch dann, wenn er echauffiert ist. Er hat ein Händchen für Mitarbeiter, gibt dem Team Freiräume, motiviert. Und er insistiert unnachgiebig, wenn ihm etwas wirklich wichtig ist.

Doch all das erklärt noch nicht, worauf Simons‘ Erfolg letztlich gründet. Es ist – in seinen eigenen Worten – seine Gabe, „Codes“ zu definieren. So gelang es ihm, mit seinem eigenen Männermodelabel die Impulse jugendlicher Lebenswelt und zeitgenössischer Kunst ernst nehmen, ohne wie Hedi Slimane zum Abziehbild seiner selbst zu werden. So gelang es ihm, die Marke Jil Sander aus dem Geist der Archive zu revitalisieren, zu verjüngen und sich dabei auch noch der Damenmode zu öffnen. Und so schaffte er es, bei Kooperationen mit kleineren Firmen durch ein paar gezielte Eingriffe einem Produkt den entscheidenden Unterschied einzufügen.

Zu den eindrücklichsten Szenen des Films zählt der Moment, in dem Simons sich kurz vor der Schau auf ein Pariser Dach flüchtet. Alles dreht sich um ihn, er ist das Auge des Orkans, und wenn sein Code nicht funktioniert, fallen Nimbus, Interesse und Geschäft in sich zusammen. Doch der Code funktioniert. Er habe, sagte Simons später sinngemäß, die Couture wieder zu einer Option für die moderne Frau machen wollen. Es war genau diese Klarheit, auf die alle gewartet hatten, ohne es bereits zu wissen.

Einen Artikel über Raf Simons‘ Zusammenarbeit mit Sterling Ruby finden Sie hier.

Lesen Sie auch die Texte über die Designer Azzedine Alaïa, Helmut Lang, Jil Sander, Hedi Slimane, Tomas Maier & Yohji Yamamoto.