INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



INVENTUR macht Inventur (4): Kleidung

Beobachtet man die Textilbranche im gehobenen Preissegment, so scheint es, zugespitzt gesagt, zwei Geschäftsmodelle zu geben: Fertigungskompetenz ohne Design oder Design ohne Fertigungskompetenz. Die vorletzte Folge von INVENTUR macht Inventur widmet sich dem Thema Kleidung.

Kleidung I: Fertigungskompetenz bei Belvest

Für das erste Modell steht der 1964 in Piazzola sul Brenta nahe Padua gegründete und seither dort ansässige Anzughersteller Belvest.

Kleidung von Belvest

Belvest beschäftigt etwa 300 Mitarbeiter und hat sich auf Jacken spezialisiert, denen das Steife fehlt, ohne dass sie deshalb aus der Form gerieten. Die Firma lebt davon, Teile für große Marken wie Prada und Hermès im Auftrag zu fertigen. Die eigene Linie hingegen besteht aus ebenso tadelloser wie unscheinbarer, mit viel Handarbeit hergestellter Herrengarderobe. Das ambitionierteste ‚Designprojekt‘ des Hauses ist das 1996 eingeführte Jacketinthebox, ein Sakko, das ohne Knittern rollbar und daher reisetauglich ist. Was nach einem Knüller klingt, ist leider kaum je im Handel zu finden; man muss lange suchen, um Händler ausfindig zu machen.

Kleidung von Belvest

Kleidung 2: Design bei Kitsuné

Für das andere Geschäftsmodell steht Maison Kitsuné, eine Marke, die damit angetreten war „japanische Wurzeln, Pariser Seele und italienisches Handwerk“ zu verbinden, wie die vom Netz genommene Website The Corner schrieb. Die frühen Kollektionen bestanden aus japanischem Molton, französischem Piké, schottischem und italienischem Strick, britischen Wachsjacken, Harris Tweed & Mackintosh Regelmänteln.

Mackintosh Regenmantel

Penibel gab die Firma an, woher die Stoffe stammten und ob sie in Japan, Frankreich oder Italien verarbeitet wurden. Dann kamen Erfolg und Expansion, und heute sucht man vergebens nach Hinweisen zur Herkunft. Äußerlich hat die Verarbeitungsqualität nicht nachgelassen, doch wird die Linie Parisien neuerdings in Portugal produziert wird, anderes in Slovenien oder Bulgarien. Man investiert in spektakulär schöne Ladenlokale, Kommunikation und ‚Design‘ – und verkauft erste Anteile an Investoren.

Akris und die Textilregion St. Gallen

Während also die einen kaum auffindbares Handwerk anbieten, verstehen es die anderen, anzuregen, aufzutreten und auszuverkaufen. Um eine Verbindung von Fertigungswissen und gestalterischer Phantasie zu finden, muss man unter Umständen weit reisen – zum Beispiel in die traditionelle Textilregion der Schweiz, nach St. Gallen, wo der Marke Akris (deren Sitz das nächste Foto zeigt) die Verbindung beider Aspekte zu gelingen scheint.

Akris

Dass es allerdings selbst im Wohlstand der Schweiz schwierig ist, lokale Produktion lukrativ zu gestalten, zeigt ein Besuch des örtliche Textilmuseums. Aus historischer Perspektive erweist sich nämlich das, was heute in St. Gallen an Spitze, Mode und Bekleidung gefertigt wird, als bloßes Residuum einer ehemals blühenden Industrie.

Bischoff Outlet St Gallen

P.S.: Ein Souvenir aus St. Gallen

Das ultimative Souvenir aus St. Gallen: eine tatsächlich „Anstreicherli“ genannte Auftragsbürste der legendären Schuhpflegefirma Burgol. Für erschwingliche 12 Franken bekommt man ein aus Rosshaar und Buchenholz hergestelltes Objekt, das so putzig, praktisch und perfekt ist, dass man die Zukunft der Kleidungskultur optimistischer zu sehen beginnt.

Burgol

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