INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Nach der Designermode (4): Lederwaren von Valextra

Valextra, die 1937 von Giovanni Fontana in Mailands Piazza San Babila gegründete Lederwarenmarke, zeichnet sich durch eine einzigartige Kombination von hochmoderner Formgebung und handwerklicher Fertigung aus. In seiner knapp achtzigjährigen Firmengeschichte hat das Unternehmen eine Reihe ikonischer Modelle hervorgebracht, darunter die erste sogenannte 24-Stunden-Tasche und den Banknotenclip für Männer. 1963 entwarf Mailands radikaler Modernist AG Fronzoni für Valextra den Koffer Forma Zero.

Valextra: ergonomische Eleganz

Inspiriert von der Ära des Flugreisens, wurde Valextra in den 50er und 60er Jahren „a by-word for elegance in the jet-set era, with the refined travel bags used by Agnelli, Grace Kelly, Aristotle Onassis and his wife, Jacqueline Kennedy Onassis“, wie die New York Times schrieb, die der Marke eine „fusion of the ergonomic and the elegant“ attestierte. In der Formgebung zeigt sich diese Philosophie in schrägen Kantenverläufen und futuristischen Asymmetrien.

Valextra Babila

Nach einer Phase des Identitätsverlustes und der Auftragsfertigung erwarb Emanuele Carminati Molina im Jahr 2000 die Firma, zog einen radikalen Schnitt, holte alte Mitarbeiter aus dem Ruhestand und begann damit, die Marke neu zu beleben. Gut zehn Jahre später fertigten etwa 60 Handwerker in Pontirolo Nuovo nördlich von Mailand die unverkennbar geformten Taschen in klassischem Cremeweiß, tiefen Bordeaux- und satten Violett-Tönen sowie einem Spektrum verführerisch leuchtender Farben.

Keine Markendehnung

„At first glance, a Valextra briefcase doesn’t scream big money, but that’s because big money shouldn’t scream“, bemerkte die New York Times und brachte die Marke mit den Worten auf den Punkt: „nothing says reverse snobbery like Valextra“.

Anders als vergleichbaren Marken ist Valextra die Expansion zum Lifestyle-Brand bislang erspart geblieben. Bis heute bietet sie ausschließlich Lederwaren an. Zwar kooperiert man zu Präsentationszwecken temporär mit Designern wie Peter Saville, doch gibt es kein nach Außen sichtbares Logo oder gar ein wiedererkennbares Monogrammmuster. Valextras Luxus ist leise; die Objekte senden subtile Signale, lesbar nur für diejenigen, die sie zu identifizieren wissen.

Valextra Costa

Qualität bedeutet bei Valextra, dass vegetabil gegerbte Leder äußerst sorgfältig vernäht und mit der sogenannten Costa-Kantenverarbeitung versehen werden. Dazu schleift ein Handwerker rauhe Lederkanten von Hand mit Sandpapier, um sie im Anschluß in dreilagig zu lackieren. Besonders bei kontrastierenden Leder- und Lackfarben erzeugt diese Technik einen berückenden Effekt.

2013 erwarb Neo Investment Partners, eine Londoner Investmentfirma, die zuvor auch die Nischenparfümerie Miller Harris aufgekauft hatte, Mehrheitsanteile an Valextra. Molina blieb zwar Präsident der Firma, doch ließ er durchblicken, dass die im eigenen Haus produzierbaren Stückzahlen von etwa 37 000 Produkten jährlich nicht ausreichen werden, um die Expansion der Marke voranzutreiben. Bleibt zu hoffen, dass Valextra nicht die Fehler anderer Firmen wiederholt, die das Vertrauen in ihre Marke durch Qualitätseinbußen im Zuge von Expansionsbestrebungen ruiniert haben.

Weitere Folgen dieser Serie beschäftigen sich mit der bemerkenswerten Jackenmarke Harris Wharf London, den elementaren Schuhen von Common Projects und dem diskreten Strickwarenspezialisten Malo.