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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Ein Hermès-Tuch zum 100. Geburtstag von Roland Barthes

Heute wäre Roland Barthes hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass legt Hermès ein Halstuch zu Ehren des französischen Kulturtheoretikers auf. Was ist davon zu halten?

Kein zweites Land definiert seine Lebensart so sehr über die Einheit von sinnlicher und intellektueller Raffinesse wie die Grande Nation. Kaum überraschend, dass an der Spitze französischer Luxusfirmen Philosophen ihr Auskommen finden, wie Le Monde vor einiger Zeit berichtete. So berät bei Hermès seit 2011 der Normalien Adrien Barrot die Direktion – etwa bei der Findung des jeweiligen Jahresthemas („la flânerie“ lautet es 2015), der Gestaltung des in einer Auflage von fast 70 000 Stück erscheinenden Kundenmagazins und bei besonderen Projekten. Zu letzteren zählt auch ein Halstuch, das zum hundertsten Geburtstag des Semiologen Roland Barthes aufgelegt wurde.

Barthes und Hermès

Barthes-Herausgeber Éric Marty soll höchstpersönlich an Pierre-Alexis Dumas, den Kreativdirektor der Maison, herangetreten sein, um ihn von einem Beitrag zum Centenaire des Denkers zu überzeugen. Dass die meisten Kunden, die sich das 140 x 140 cm große, zu 70% aus Kaschmir zu 30% aus Seide bestehende Carré leisten können, nicht einmal den Namen des Denkers kennen dürften, spricht nicht gegen dessen Auflage. Gleichwohl liegt es nahe, mit dem New Yorker von einer „bourgeoisification of his thought“ zu sprechen. Allerdings dürfte der Geehrte sich mit einer solchen Diagnose nicht lange zufriedengestellt haben.

Barthes Hermès Tuch

Bekanntlich legte Barthes, der in seinen 1957 erschienen Mythen des Alltags die bürgerliche Konsumkultur ideologiekritisch auseinandernahm, 1967 eine strukturalistische Entschlüsselung des Système de la mode vor. Ein Bezug zur Welt der Mode ist aus seinem Werk somit leicht herzustellen. Im aktuellen Kundenmagazin Le monde d’Hermès heißt es zudem, der Denker habe sich gerne bei Hermès eingekleidet und sei von der Hommage „sicher gerührt“ gewesen. Der Titel des Tuchs – Fragments d’un discours amoureux – zitiert Barthes‘ bahnbrechendes Buch über die Liebe. Im Rückgriff auf die Überlegungen des Semiologen zur Fotografie hat der Grafiker Philippe Apeloig die 292 Seiten der Originalausgabe mit einem Negativeffekt verfremdet und dabei vom für Barthes zentralen Differenzgedanken Gebrauch gemacht. Apeloig, einem Schüler Wim Crouwels, der unter anderem Directeur Artistique des Louvre war und auch als Typograf hervorgetreten ist, gelang mit dem in Schwarz, Preußischblau und Pflaume erhältlichen Design eine überzeugende motivische Hommage.

Barthes Hermès Tuch

Im Kundenmagazin rekurriert der Kunstkritiker Dominique Baqué auf Barthes‘ Verständnis des Textes als Textur und schlägt somit die Brücke zum Textilen. So weit, so einleuchtend. Dass er den Schal jedoch „nonchalant über die Schulter eines sensiblen, dezent distinguierten Dandy geschwungen“ sieht, der „durch die Straßen der Stadt der/m Geliebten entgegeneilt“, fällt hinter das gelungene Dessin zurück und steht in eklatantem Gegensatz zur intellektuellen Spannkraft und Klischeeverachtung, die Roland Barthes‘ Denken auszeichnete.

Wichtiger als persönliche, motivische oder textuelle Bezüge zwischen Carré und Kulturtheoretiker erscheint ein viel planerer Konnex: das Tuch ist unerhört teuer (man könnte 35 Exemplare der Neuausgabe des titelgebenden Buchs dafür kaufen), wunderschön, verschwenderisch groß, herrlich weich. In seiner ganzen Überflüssigkeit und imposanten Dimensionierung, der Schwere seines Stoffes, dem schützend-schmeichelnden Tragegefühl und der überschwänglich-jubilatorischen Geste seines Drapiertwerdens steckt tatsächlich ein Echo dessen, was Barthes als das Grundthema der Fragmentebezeichnet hatte – die Bejahung: „C’est donc un amoureux qui parle et qui dit:“

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