INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Dinglichkeit: Jasper Morrison in Zürich

Heute eröffnet im Museum für Gestaltung Zürich eine Retrospektive der unterdessen dreißig Jahre andauernden Karriere des Industriedesigners Jasper Morrison.

Jasper Morrison

Morrisons Designverständnis und viele seiner Arbeiten zählen zu den Favoriten von INVENTUR. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in der Unaufdringlichkeit und subtilen Durchdachtheit der Entwürfe, die Morrison weniger exponiert als kontextuiert sehen will, weshalb er sie häufig inmitten der Designs von Kollegen und anonymer Objekte zeigt. Er denkt nicht vom Gestalter aus, sondern vom Ding, seiner Vorgeschichte, seiner Wirkung, dem Umgang mit ihm und dem Gefüge, in dem es sich befindet. Dass die Ergebnisse dabei nicht banal und ohne Charme ausfallen, belegt der New York Times zufolge das überragende Talent dieses Designers:

„The risk of adopting a no-nonsense approach to design is that the outcome may seem so familiar that it is boring. The rigor and sensitivity of the objects in ‚Thingness‘ illustrate how a gifted designer can avoid that.“

Morrisons Ansatz zielt – in seinen eigenen Worten – nicht auf „ein spektakuläres Erscheinungsbild“, sondern auf „Problemlösungen oder Reflektionen über einen Gesamtzusammenhang und die Frage, was langfristig gesehen gutes Design ausmacht“. Die Überzeugung, designte Dinge nicht als isolierte, auffällige Hervorbringungen kreativer Starpersönlichkeiten aufzufassen, findet ihren Niederschlag auch in einer Reihe von Büchern, in denen der Brite ihn inspirierende Orte und Dinge präsentiert.

Jasper Morrison The Good Life

2014 erschienen gleich zwei davon: The Good Life schärft mit über viele Jahre aufgenommenen Fotos und ebenso humorvollen wie prägnanten Kurztexten die Wahrnehmung des Alltäglichen, indem es „clever solutions to everyday problems solved with modest resources“ versammelt. Source Material fragt 62 Kreative nach sie anregenden Objekten in ihrer Alltagsumgebung. Was drückt ihre Werte aus, was bedeutet ihnen etwas, was informiert ihr Werk oder verändert ihren Blick?

Jasper Morrison Ply Chair

Plakat und Video der Züricher Ausstellung zeigen die Skizze zu Morrisons Ply Chair. Ebenso skelettartig wie verlässlich benutzbar, ebenso reduziert wie überraschend bequem, vereint dieser Stuhl aus Birkenholz wie vielleicht kein zweites Objekt die Stärken des Designers. Leider hat Vitra die Produktion des 1988 entworfenen, elementaren Meisterstücks 2009 eingestellt. Glücklich, wer ein Exemplar davon sein eigen nennt.

Jasper Morrison Ply Chair Sketch

Erfahren Sie mehr über Jasper Morrison in den Artikeln über seinen Londoner Laden und seine Crate.

Abbildungen ©:
Jasper Morrison, Porträt, 2014, Kento Mori
Jasper Morrison, The Good Life, 2014, Lars Müller Publishers
Jasper Morrison, Plywood Chair, Skizze, 1988, Jasper Morrison
Jasper Morrison, Plywood Chair, Vitra, 1988, Foto: Studio Frei