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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Kunststoffklassiker (3): MUJI, das bessere IKEA

Muji ist das bessere Ikea. 1980 in Japan gegründet, steht der Firmenname für Mujirushi Ryohin, auf Deutsch: markenlose Qualitätsware. Das Unternehmen verkauft Utensilien und Aufbewahrungssysteme, Reisebedarf und Möbel, Textilien, Kosmetik und zahlreiche weitere Alltagsartikel, seit 1983 in eigenen Läden. Es sind intelligent gemachte, funktional und formschön gestaltete Dinge, die erschwinglich sind, haltbar und zumeist lange Zeit im Programm. In den 1980er Jahren mit dem Gedanken der Ressourcenschonung vermarktet, brachte der Minimalismus-Trend der 1990er Jahre dem Unternehmen den internationalen Erfolg: 1991 eröffnete die erste Londoner Filiale, und auch Deutschland zählt zu den 24 Ländern, in denen Muji präsent ist. Aus anfangs 40 wurden zeitweilig über 7000 Artikel.

Muji

Auf den Waren fehlt ein eingeprägter Markenname, und auch die bisweilen prominenten Produktdesigner werden auf den Objekten nicht vermerkt. Verpackung und Etikettierung reduziert Muji auf ein Minimum. Konsequent setzt man auf Dinge, die sich als selbstverständlich empfehlen, weil sie gut gemacht sind. Wie gut, zeigt sich an idealtypischen Formen und intelligenten Details: da gibt es beispielsweise Notizbücher, deren Seitenzahl einem Kalendermonat entspricht; Stifte, deren Kopf verschiedene Strichstärken ermöglichen; einen Regenschirm, dessen Griff ein Loch hat, damit der Besitzer ihn mit einem Band individualisieren kann.

Seit 2001 ist Kenya Hara bei Muji für Identität und Kommunikation zuständig, seit 2002 Naoto Fukasawa für das Produktdesign. Auf der Liste der Kooperationspartner finden sich Namen wie Enzo Mari, Jasper Morrison, Konstantin Grcic und die Designagentur IDEO. Für Aufsehen sorgte eine Zusammenarbeit mit dem deutschen Möbelhersteller Thonet, in deren Rahmen Muji günstigere Interpretationen moderner Klassiker wie des seit 1859 produzieren Bugholzstuhls No.14 und des in den 1920er Jahren von Marcel Breuer entworfenen Stahlrohrstuhls B32 anbietet. Man will, so der Grundgedanke, die gegen ursprüngliche Absichten zur teuren Design-Ikone gewordenen Möbel (wieder) breit zugänglich machen.

Muji

Während Muji-Produkte aus japanischem Porzellan, Aluminium oder Ahornholz hergestellt sein können, zählen eine Reihe von Kunststoffartikeln wie die reisefreundlichen PET-Kosmetikbehälter und das modulare Schubladensystem aus ungefärbtem, halbdurchsichtigen Polypropylen zu den Höhepunkten des Sortiments. Im Gegensatz zu Acrylbehältnissen treten in mattem PP aufbewahrte Gegenstände auf eine diskrete Weise in den Hintergrund – und bleiben doch von Außen erkennbar. Mujis stapelbare Aufbewahrungsmodule sind vielseitig, praktisch und langlebig. Aus einer Kultur stammend, in der Wohnraum knapp ist und Alltagsästhetik einen hohen Stellenwert genießt, stellen sie eine Alternative dar sowohl zu wenig nachhaltigen Pressholzschränken mit albernen Namen wie zu hochwertigen, bei Umzügen jedoch unflexiblen Einbaulösungen.

Mujis Philosophie der Zurückhaltung blieb nicht unkritisiert. Es handle sich um ein No-Branding-Brand für marketingmüde Hipster. Um Sekundärstatus für Prestigekritiker. Der Produktdesigner Jasper Morrison argumentiert dagegen (in: Masaaki Kanai et al.: Muji. New York 2010, S. 18). Wäre Muji vor allem Marketing, ließe es sich kopieren. Wäre es nur Status, erschlösse sich der Gebrauchswert nicht. Muji entstamme einer tiefergelegten Haltung:

„If you take away MUJI there is a big hole which nothing else can fill. If the MUJI concept is just another marketing theme then how come there are no others copying it as they do every other theme which has originality?“

So plausibel es sein mag, Muji als No-Logo-Marke zu lesen, ergiebiger ist eine Kritik, die das Unternehmen am eigenen Maßstab misst. Dann stellt sich beispielsweise die Frage, ob es dem Qualitätskonzept der Firma entspricht, wenn das klassische Stapelsystem seit kurzem nicht mehr in Japan, sondern in China gefertigt wird. Oder ob die Anzahl der angebotenen Produkte nicht viel zu hoch geworden ist, um noch dem Kriterium des Essentiellen gerecht zu werden.

Muji

Und schließlich fragt man sich, warum perfekte Produkte wie eine formvollendete Wasserflasche oder konkurrenzlos gute Kleiderbügel aus dem Sortiment genommen wurden. Haben sie sich etwa nicht gut genug verkauft? Der wohlverstandene Muji-Geist geböte in diesem Fall ein größeres Durchhaltevermögen.

Wie Sie bei Muji Fehlkäufe vermeiden, können Sie hier nachlesen.

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