Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Die Welt von morgen: Monocle’s Forecast

Wenigen Menschen gelingt es, in ihrem Leben gleich zwei Erfolgsgeschichten zu schreiben. Der kanadische Journalist und Unternehmer Tyler Brà»lé hat es geschafft. Mit dem Magazin Forecast schaut er jetzt in die Zukunft. Was sieht er?

Tyler Brà»lé war bereits gut im Geschäft, als er 1994 bei einer Reportagereise in Afghanistan von den Kugeln einer Kalaschnikow getroffen wurde. Auf dem Krankenbett in London konzipierte er das Designmagazin Wallpaper*, das – 1994 gestartet und bis 2002 von ihm geleitet – zur Lebensstilinstanz der 1990er Jahre wurde. Unter dem Slogan The stuff that surrounds you bot das Magazin einen blasierten Ton „far removed from the barricades or the boardrooms“, wie das New York Times Magazine schrieb. Als Brà»lé spürte, dass sich der unbeschwerte Hochglanzzeitgeist der späten Neunziger seinem Ende zuneigte, zog er sich zurück und lancierte 2007 ein neues Magazin: Monocle. Das neue Journal fiel ernster aus, politischer, ökonomischer, weit weniger an Marken und betont nicht an Prominenten ausgerichtet. Es forcierte den Trend zu herkunftsorientiertem Konsum und traf den Ton vielfliegender Gutverdiener.

Monocle

Mit dem Monocle-Mix erfand sich der Medienmann neu – und dies mindestens so erfolgreich wie zuvor. Wer je mit ihm zu tun hatte, ahnt warum: Brà»lé ist äußerst verbindlich, lässt niemals locker und weiss sehr genau, was er will. Zudem verfügt er über einen unfehlbaren Geschmack. Was als Printprodukt begann, wuchs zu einem kleinen Medienunternehmen heran: eine Website, eine Radiostation, zwei halbjährlich erscheinende Zeitungen und zwei Bücher folgen der ursprünglich fürs Magazin entwickelten Gestaltungssprache. Die Formel funktioniert überdies für die Vielzahl an Advertorials, die dem Heft beigefügt sind – und für Brà»lés Werbeagentur Winkreative. Darüber hinaus verkauft er im Netz und in kleinen Läden ein streng kuratiertes Sortiment hochwertiger Produkte, die oftmals in Kooperation mit den Herstellern entwickelt werden. Abgerundet wird das Portfolio durch Cafés in London und Tokyo.

Monocle Forecast

Dieser Tage nun kam ein neues Produkt aus dem Hause Brà»lé auf den Markt: The Forecast, ein Jahrbuch, das auf 244 Seiten „our take on the people, places, businesses und forces you’ll want to get close to“ ausbreitet. Die neue Publikation teilt alle Merkmale der alten: eine klare, unaufdringlich moderne Anmutung, Liebe zum grafischem Detail, klassische Schrifttype und angenehme Haptik. Die Breite der Berichterstattung beeindruckt; es ist, als kenne das Korrespondentennetz von Forecast noch die abseitigsten Gegenden. Allenortens entdeckt das Monocle-Team beispielhafte Praxis und schöne Dinge; der Ton ist optimistisch, konstruktiv, ohne jeden Anflug von Abgründigkeit. Diplomatie, Militär, Wirtschaft: alte Zielscheiben der Systemkritik werden als innovative Kräfte wahrgenommen. Ein besonders Faible hat man für den Luftverkehr. Berichte über die Lebensqualität einzelner Städte und sympathische Nischenunternehmen sowie aus aller Welt zusammengestellte Stilanregungen bilden die Stärke des Buches. Am Ende ist es – bei aller Ambition, Nachrichtenmagazin zu sein – das Werk eines liberalen Ästheten.

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23. Januar 2015