INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Brigg? Maglia Francesco? Über Regenschirme

Was macht Regenschirme so interessant? Und welche sind die besten? Sollte man einen englischen Klassiker wählen? Oder ein farbenfrohes italienisches Modell? Fragen über Fragen zu einem Accessoire, das Richard O’Mahony als „a glorious marriage of elegance and utility“ charakterisiert hat.

Theorie des Regenschirms

Für kleines Geld feilgeboten, wenn den Reisenden in Rom schlechtes Wetter überrascht; das raffinierte Statement aus schwarzer Seide, mit dem der Gentleman rauem Inselwetter ein Schnippchen schlägt: am einen wie am anderen Ende der Preisskala ist der Regenschirm ein faszinierendes Objekt. Nicht ohne guten Grund nennt der Systemtheoretiker Dirk Baecker das halbkugelförmige, mobile Dach einen problematischen Grenzfall der Architekturtheorie:

„Er entspricht dem Maßstab des menschlichen Körpers, und er ist eine Abschirmung, die es erlaubt, Innen und Außen zu unterscheiden. Dennoch handelt es sich beim Regenschirm wohl nicht um Architektur. Aber warum nicht? Wir antworten: Was man mit sich herumtragen kann, ist keine Architektur.“

Theorie beiseite, steht man vor dem Kauf eines Schirmes vor der Wahl: wegwerftauglich oder hochwertig? Für letzteres sprechen Richard O’Mahony (in the gentlewoman 12/2015) zufolge nicht zuletzt akustische Gründe: der möglichst tiefe „sound of the snap enclosure“ und das „gentle, deep tapping (…) of the rain beating against the cloth when the umbrella is at full mast“. O’Mahony hebt die Romantik zweisamen Schirmgebrauchs ebenso hervor wie das mit einem schönen Schirm verbundene ästhetische Vergnügen:

„Rolled into perfect pleats, it’s an exquisite artefact, exuding that indefinable whiff of expensiveness.“

Bleibt die Frage: England oder Italien? Teure Modelle bieten beide Länder, doch stehen unterschiedliche Philosophien dahinter.

Regenschirme aus England: Swaine Adeney Brigg

Wer es schwarz, klassisch, ernst und beerdigungstauglich mag, greift zu einem Modell britischen Modell, erhältlich etwa im Londoner Traditionsgeschäft James Smith & Sons oder bei Fox Umbrellas Ltd in Croydon. Noch älter als diese 1868 gegründete Manufaktur ist das britische Traditionshaus Brigg. 1836 gegründet, bietet dieser vom Königshaus favorisierte Betrieb konservative Ausführungen an, sowohl in Nylon als auch – gegen 330 Pfund Aufpreis – aus echter Schirmseide. Gefertigt werden sie nahe Cambridge, wie eh und je von Hand. Extravagantere Versionen, die bisweilen einen Flachmann in sich bergen, können durchaus einen vierstelligen Betrag kosten.

Regenschirme aus Italien: Ombrelli Maglia Francesco

All jene, die sich weder von schlechtem Wetter unterkriegen lassen wollen und noch bereit sind, ihr Erscheinungsbild grauen Wolken anzupassen, finden im farbenfrohen Sortiment der 1854 nahe Mailand gegründete Manufaktur Maglia Francesco das richtige. Dieser Schirmmacher ist der letzte seiner Art in Norditalien: man fertigt komplett in der eigenen Werkstatt, mit speziell in Como gewebten Stoffen, in 75 bis 80 Arbeitsgängen. Verbliebene Mitbewerber beziehen bestimmte Einzelteile, etwa Kronen aus Messing, ebenfalls von Maglia, denn die Zulieferindustrie ist praktisch ausgestorben.

Maglia Francesco Regenschirme

Die Spezialität dieses Betriebs sind Stockschirme, die von der Spitze bis zum Griff aus einem durchgängigem Stück Holz gearbeitet werden. Der Vorgang, bei dem der Holzstock über Wasserdampf gebogen wird, kann bis zu sechs Monate dauern.

Wer sich nicht zwischen britischer und italienischer Regenschirmkultur entscheiden kann, dem ist vielleicht mit der Kombination eines echten Mackintosh-Regenmantels mit einem Mailänder Schirm geholfen. Und wer Sorge hat, seinen mehrere hundert Euro teuren Schirm zu verlieren, der nehme sich an Francesco Maglia persönlich ein Beispiel. Der sieht die Sache nämlich so:

„I still have my grandfather’s umbrella. If you take care of an umbrella it lives as long as you.“

Mehr über Kleidung und Accessoires finden Sie im Archiv.

Abbildung: © Maglia Francesco