INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Welcher Reiseführer ist der beste? Rat eines Reiseautors

Da stehen wir nun, voller Vorfreude auf den Urlaub, voller Lust auf neue Entdeckungen, stehen vor den einschüchternd hohen Regalen des sogenannten KulturKaufhauses in der Berliner Friedrichstraße, konfrontiert mit dem wohl umfassendsten Reisebuchsortiment in Deutschland. Apps hin, Buchmarktschwäche her, an gedruckten Reisebüchern hat es keinen Mangel. Groß ist die Vielfalt, schwer fällt die Wahl. Welchen Reiseführer soll man nehmen?

Reiseführer

Ich bin, das muss vorweggeschickt werden, nicht unbefangen, denn ich habe in der Reihe Piper-Gebrauchsanweisungen ein Reisebuch veröffentlicht und auch im Merian-Magazin publiziert. Auf die Empfehlungen dieses Artikels hat das freilich nur insofern Einfluss, als ich aus eigener Erfahrung weiß, wie Reiserführer entstehen. Und auch ein professioneller Autor ist bei der Vorbereitung einer Reise ins ihm bislang Unbekannte darauf angewiesen, erst einmal das Angebot zu sichten.

Reiseführer

Es gibt, so viel steht von vornherein fest, viele ernstzunehmende Kandidaten für die Kaufentscheidung: Neigt man zu Klassikern wie dem bildungssatten Baedecker und dem kultivierten DuMont oder zieht man die pragmatische Pointierheit englischsprachiger Reihen wie Lonely Planet und Time Out vor? Tut’s vielleicht auch ein Kompaktführer? Genügt gar ein Geo-Special-Heft? Bevor (oder während) man sucht, muss man herausfinden, was man eigentlich will. Doch auch dann bleibt mehr als nur eine Möglichkeit: Kulinarisch Interessierte mögen zwischen Guide Michelin und Slow-Food-Führer schwanken, Lifestylereisenden stehen von den Wallpaper City Guides über Monocles neue Stadtreisebücher bis zur deutschsprachigen Smart-Traveling-Reihe zahlreiche attraktive Optionen zur Verfügung. Woran also lässt sich ein guter Reiseführer erkennen?

Reiseführer

Wer schon einmal an seinem Ziel war oder eine Reihe stichprobenartig testen will, nimmt einfach die entsprechenden Bücher aus dem Regal und prüft, was sie über die eigenen Lieblingsorte schreiben. So kann man ein Gespür dafür bekommen, wie sehr bestimmte Reihen die eigenen Vorlieben teilen und wie verlässlich sie sind. Freilich werden einzelne Empfehlungen immer wieder enttäuschen, und sei es nur, weil beispielsweise die Betreiber eines Lokals gewechselt haben. Auch sind ausgeplauderte Geheimtipps nicht mehr geheim – und verlieren durch den Ansturm an Besuchern möglicherweise gerade jenen Reiz, der sie zum Tipp qualifizierte.

Reiseführer

Wer trotz Bestimmung der eigenen Bedürfnisse und Vertrauen in geprüfte Marken noch immer unsicher ist, der dürfte mit der Reihe MERIANmomente gut fahren. Das Reisemagazin verlangt von seinen Autoren eine sehr strenge Dokumentation, was der Verlässlichkeit der Informationen zugute kommt. Die Momente-Reihe hat ein kompaktes, griffiges Format mit einer eingesteckten sowie weiteren aufklappbaren Karten und zeichnet sich durch eine ebenso abwechslungsreiche wie übersichtliche grafische Gestaltung aus. Inhaltlich bietet sie einen gelungenen Mix aus kürzeren Hintergrundtexten, Fotos, Informationen und Adressen. Rubriken wie Empfehlungen Einheimischer oder „Grüner reisen“ mit Hinweisen zur nachhaltigen Reisegestaltung bezeugen die Ambition, die hinter dem Format steht.

Erster Nachtrag: Will man nicht nur Sights, Shoppingtipps und Bildungshäppchen, gehören neben Reiseführern auch literarische Anthologien und die Bücher einzelner Autoren ins Gepäck. Verlage wie Insel und Wagenbach bieten viele wunderbare Reiseanthologien an.

Zweiter Nachtrag: Wer die Journalform schätzt, ist mit der prächtig gestalteten, von Autoren herausgegebenen Corsofolio-Reihe gut bedient.

Dritter Nachtrag: Ganz hinreißend, nicht zuletzt für Kinder: Die illustrierten Städte- und Länderbücher, die Miroslav Sasek seit 1959 veröffentlich hat.

Und zu guter Letzt: Nicht vergessen: Am meisten sieht, wer den Reiseführer irgendwann zuklappt und sein Reiseziel mit den eigenen Augen erkundet.

Lesen Sie auch den Artikel über die Frage, woran man ein gutes Hotel