INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Haltung. Ein Besuch bei Vitra, Weil am Rhein

Wer die Bushaltestellen begreift, dem erschließt sich das ganze Gelände. Denn sie wurden 2006 von Jasper Morrison entworfen, und die Wartenden sitzen auf Wire-Chairs von Charles und Ray Eames. Erstklassige Architektur und Klassiker der Sitzmöbelgestaltung: Vitra in einer Nussschale.

Vitra Bushaltestelle

Das Eames-Design entdeckte Unternehmensgründer Willi Fehlbaum 1953 bei einer Amerikareise. Fehlbaum, der im Alter von 20 Jahren ein Ladenbaugeschäft übernommen und zu einem Möbelhersteller mit markantem Namen ausgebaut hatte, erwarb sogleich die Vertriebslizenzen und legte damit das Fundament einer beispiellosen Unternehmensentwicklung. Seither steht die bei Basel ansässige und in Deutschland fertigende Firma für hochwertiges Design.

Vitra Siza

An ikonischen Objekten aus dem Hause Vitra mangelt es nicht. So ging in den 1960er Jahren der geschwungene Panton-Chair in Serie, andere Modelle stammen von Antonio Citterio, Maarten van Severen oder Jasper Morrison.

Vitra Hadid Siza

Doch 1981 stand die Firma vor einem Desaster: ein Großbrand hatte weite Teile der Produktionsstätten vernichtet. Wie es sich für einen echten Unternehmer gehört, erkannte Gründersohn und Firmenleiter Rolf Fehlbaum darin eine Chance und brachte den einzigartigen Ausbau des Firmengeländes zu einem Ensemble der Spitzenarchitektur auf den Weg. Wozu die Haltestellenunikate von Jasper Morrison nur der Auftakt sind. Wer das 250 000 Quadratmeter große, Vitra Campus genannte Gelände besuchen möchte, sollte sich einen Tag Zeit nehmen. Denn hier gibt es reichlich zu erkunden – und eine Haltung zu verstehen.

Vitra SANAA

Allein die Architekturführung, die den Zugang zu Werkshallen und Tagungsräumen einschließt, dauert zwei Stunden. Zu sehen gibt es Produktionshallen von Nicholas Grimshaw (die nach dem Brand innerhalb von sechs Monaten hochgezogen wurden), Frank Gehry (der 1989 auf dem Gelände – lange vor Bilbao – seine ersten Projekte in Europa realisierte), àlvaro Siza (dessen 1994 errichtete Halle eine imposante Brückenkonstruktion einschließt) und dem japanischen Büro SANAA, das 2012 eine 20 000 Quadratmeter große Halle mit reinweißer Vorhangfassade baute. Aus dem Brandschaden klug geworden, gründete man bei Vitra eine Werksfeuerwehr. Seit 1993 war sie in einem Haus von Zaha Hadid untergebracht – dem ersten Gebäude, das die spätere Pritzker-Preisträgerin überhaupt realisieren durfte und das ihrer Karriere den entscheidenden Auftrieb gab.

Vitra Haus

Es wäre beeindruckend genug, gönnte sich das Unternehmen imposante Fertigungsstätten, in denen die Endmontage übrigens von Hand geleistet wird. Doch eine Reihe weiterer Gebäude dient der öffentlichen Wirkung. Da ist zum einen das von Herzog & de Meuron 2010 entworfene VitraHaus, das spektakuläre Blickachsen nach Frankreich, in die Schweiz und auf die benachbarten Weinberge bietet. Neben Showroom, Shop und Café beherbergt das VitraHaus auch ein offenes Atelier, in dem man Handwerkern bei der Fertigstellung Eames’scher Lounge-Chairs zuschauen kann. In einer Vitrine ist – neben einer Stuhl-Miniatur – ein alter Baseballhandschuh ausgestellt. Die überraschende Zusammenstellung lässt den Ausspruch der Designer, man habe dem Stuhl den warmen, einladenden Look eines vielbenutzten Baselballhandschuhs geben wollen, unmittelbar einleuchtend erscheinen.

Vitra Design Museum

Einen Grund, immer wieder zum Vitra Campus nach Weil zu reisen, bildet das ebenfalls von Gehry gebaute, in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag feiernde Design Museum. An diesem Wochenende endet eine Konstantin-Grcic-Schau, die nächste Ausstellung wird sich dem finnischen Gestalter Alvar Aalto widmen, dessen Entwürfe nach der Übernahme der vom Designer mitgegründeten Firma Artek durch Vitra ebenfalls zum Programm des Unternehmens zählen. Das Museum verfügt über eine vorzügliche Sammlung industrieller Möbel und Leuchten, verwaltet aber auch bedeutende Nachlässe, darunter diejenigen von Charles & Ray Eames sowie Verner Panton.

Vitra Tankstelle Prouvé

Damit nicht genug, finden sich auf dem Werksgelände verstreut eine Reihe von Kleinodien: eine Tankstelle von Jean Prouvé (ca. 1953/2003), ein als Kiosk fungierender Airstream Wohnwagen (1968), eine geodätische Kuppel nach Richard Buckminster Fuller (1975/2000) und eine Diogene – ein Miniwohnhaus – von Renzo Piano und seinem Building Workshop (2013). Eine Skulptur von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen (1984) sowie ein Rutschturm von Carsten Höller (2014) runden das Ensemble ab.

Vitra Ando

Dass diese Fülle nicht erstickend wirkt, mag zum einen an der Vielfalt selbst liegen, aber auch an der Größe des Geländes und der Umgebungssensibilität einiger Gebäude. So greifen Herzog und de Meuron die Hausformen des Umlandes auf und Tadao Ando, der 1993 einen Konferenzpavillon errichtete, nahm bei seinem Entwurf auf die am Baugelände stehenden Kirschbäume Rücksicht. Andos reduzierende, materialexponierende Formsprache, seine raffinierten Blickachsen und die subtilen Licht-Schatten-Spiele machen den Pavillon nicht nur zu einem der stärksten Gebäude des Ensembles, sondern auch zu einem Gehrys benachbarten Dekonstruktivismus erdenden Ruhepunkt.

Vitra Ando

Was die Vitra-Welt zusammenhält, ist ein umfassender Sinn fürs Detail. „Das Detail ist das Produkt“, werden Charles und Ray Eames in der Daueraustellung zitiert. Man mogelt hier nicht hinter den Kulissen – das ist der Eindruck, der sich allenthalben aufdrängt. Ob bei einer Architektur, die – soweit sich dies dem Besucherauge erschließt – auch im Inneren solide ausgeführt ist. Oder bei Produkten, die durch ihre außergewöhnliche Lebensdauer und natürlich ihr gestalterisches Format beeindrucken. Wenn dann auch noch die Buchauswahl im Museumsshop von den Berliner Spezialisten doyoureadme kuratiert wird und der Käse im Café von der Elsässer Eleveurlegende Antony stammt, fällt es schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten.

Vitra, so lautet die Botschaft dieses Geländes, ist eine Haltung. Eine Haltung, die dazu führt, dass man langfristig mit Gestaltern zusammenarbeitet, bereits 1986 ökologisches Denken in der Unternehmensstruktur verankerte und einen so ausprägten Sinn fürs Detail pflegt, dass beispielsweise bei den aus Shoji-Papier handgefertigten Akari-Leuchten Isamu Noguchis auch noch die richtige Kabelfarbe gewählt wird. Ein dunkles Beerenrot.

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