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Der Blog von Dirk Hohnsträter



3000 Jahre Wein, gesehen von Daniel Deckers

Wer hätte gedacht, dass es weltweit rund 8000 Rebsorten gibt und die Menschheit „weit vor dem Jahr 4000 zu Wein vergorenen Traubensaft gekannt hat“? Daniel Deckers, Redakteur der FAZ und Lehrbeauftragter für Geschichte des Weinbaus und Weinhandels an der Hochschule Geisenheim, hat ein Buch über die Kultur des Weines geschrieben. Lohnt sich die Lektüre?

Daniel Deckers: Wein – Geschichte und Genuss

In fünf Kapiteln, auf nur 128 Seiten geleitet Daniel Deckers seine Leser durch die Geschichte des Weinbaus und Weinhandels. Sein in der renommierten Reihe C.H.Beck Wissen erschienenes Buch enthält eine Fülle interessanter Fakten über die arbeitsintensivste landwirtschaftliche Kultur der Menschheit. Wein – lange Zeit als Mischgetränk beispielsweise mit Gewürzen versetzt genossen – wurde bereits vor Jahrtausenden angebaut; sogar der Steillagenweinbau reicht zurück bis in die Antike. In Catos De agri cultura aus dem Jahr 149 v.Chr. findet Deckers Ratschläge zur Weinbergsarbeit, die bis heute nicht an Geltung verloren haben. Und Plinius der Ältere nahm nach Deckers‘ Ansicht sogar moderne Vorstellungen von terroir und Biodynamie vorweg.

Wein: Funktionen und fun facts

Deckers arbeitet heraus, dass der Wein im Laufe seiner Geschichte eine Vielzahl unterschiedlicher Rollen einnahm: Er diente als Grundnahrungs-, Genuss- und Rauschmittel ebenso wie als Statussymbol. Zudem kam ihm eine kultische Funktion zu, die der studierte Theologe Deckers vergleichsweise ausführlich thematisiert. Doch auch die Verbindung von Technik- und Chemiegeschichte mit dem Weinbau findet Erwähnung.

Daniel Deckers Wein

Zu den interessantesten Einsichten des Buches zählt die überragende Rolle des Zisterzienserordens für den Qualitätsweinbau sowie die Zäsur, die der Beginn des 19. Jahrhunderts für den Weingenuss bedeutete. Denn seither hielt „die Verfügbarkeit von Wein“ erstmals „mit dem Wissen über sie Schritt“:

„Weinkennerschaft bedeutete nicht länger, Hüter eines kostbaren Schatzes zu sein, sondern mit dem sich stetig erweiternden Angebot Schritt halten zu können.“

Dass die Abfüllung auf dem Weingut erst spät (in Frankreich 1924) den Verkauf im Fass ablöste, bei der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 Wein des Pfälzer Gutes Reichsrat von Buhl ausgeschenkt wurde oder die Rebsorte Zweigelt ihren Namen einem „glühenden Verehrer der Nationalsozialisten“ verdankt, lässt sich Deckers‘ Buch über den Wein ebenfalls entnehmen.

Lohnt sich die Lektüre?

Deckers‘ Weinbuch liefert auf knappen Raum viel Wissen. Die ebenso bewährte wie einfallslose Gliederung nach historischen Epochen und das weitgehende, leider jedoch nicht reflektierte Aussparen der außereuropäischen Entwicklung, ja: die Konzentration auf Frankreich und Deutschland mögen der Preis für diese beachtliche Verdichtungsleistung sein. Irritierend ist, dass Deckers – in Anlehnung an zeitgenössische Terminologie – das Kapitel über das 20. Jahrhundert unter der Überschrift „Neuzeitlicher Weinbau“ verhandelt. Warum nicht von der Moderne sprechen? Ähnlich verhält es sich beim Begriff Naturwein, den Deckers stets im historischen Sinne verwendet, obwohl er heute anderes bedeutet.

Daniel Deckers hat ein grundsolides Buch vorgelegt, dem ein wenig mehr Esprit allerdings gut getan hätte – und bisweilen auch ein strengeres Lektorat, etwa bei folgendem Satz:

„Auch auf deutscher Seite durfte Alkohol nicht fehlen – im Westen war es Wein, im Osten durften Spirituosen nicht fehlen.“

Darin, dass Wein „eine Quelle zweckfreien Genusses, heiterer Geselligkeit und purer Freude am Leben“ ist, kann man dem Autor nur zustimmen. Gliche sein Buch ein wenig mehr erfrischendem Champagner, könnte es mit größerer Begeisterung empfohlen werden. So ist es eher einem ordentlichen Ortswein vergleichbar.

Daniel Deckers: Wein. Geschichte und Genuss. München: Verlag C.H.Beck 2017. 128 Seiten. 9,95 Euro.

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