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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Wein, Essen, Genuss: Empfehlungen aus drei Jahren Pfalz

Die Pfalz ist eine Genussgegend. Drei Jahre habe ich dort gelebt, in Neustadt an der Weinstraße, bis es zurück nach Berlin ging. Grund genug zu fragen, was sich aus dieser Region über Qualitätskonsum und Lebensart lernen lässt. Erfahrungen und persönliche Empfehlungen.

Die Pfalz: Eine Genussgegend

Wer bei der Pfalz noch immer an bräsige Kanzlergemütlichkeit denkt, liegt falsch. Denn die Pfalz ist eine Genussgegend mit einer in Deutschland einzigartig entspannten Mischung: keine barocke Bierseligkeit, kein karger Protestantismus, sondern eine geradezu französisch anmutende Selbstverständlichkeit des im Alltag verankerten Genießens. Die Nähe zu Frankreich, die Tatsache, dass die Pfalz ans Elsass grenzt, macht sich nicht nur beim Rotwein positiv bemerkbar.

Woher Helmut Kohls berühmte Metapher von den blühenden Landschaften stammt, wird freilich jedem, der einmal zwischen Neustadt und Landau unterwegs war, sofort klar: die Mandelblüte, zum Pflücken einladende Feigen und zauberhafte Weindörfer säumen den Weg.

Ökologische und regionale Achtsamkeit sowie eine modernisierte Weinstilistik sorgen dafür, dass sich die Pfälzer Genusskultur an vielen Stellen nicht nur als saftig, sondern auch als finessenreich zeigt. Und dass der Pfälzer sich nicht gerne hetzen lässt, kann nervösen Großstädtern durchaus einiges an Geduld abverlangen, wirkt von Berlin aus betrachtet aber fast schon wie wohltuende Entschleunigung.

Wein aus der Pfalz: Tipps und Empfehlungen

Die Pfalz ist das zweitgrößte deutsche Weinbaugebiet und das größte Rieslinganbaugebiet der Welt. An der Weinstraße reiht sich Weinort an Weinort, 85 Kilometer lang. Irgendwo findet immer ein Weinfest statt, und wenn nicht, trinkt man mittags auf dem Marktplatz ein Glas.

Die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre bestand darin, dass die Südpfalz (mit Orten wie Birkweiler und Schweigen) sowie der Nordosten um Laumersheim gegenüber der klassischen Mittelhaardt an Profil und Qualität aufgeholt haben. Selbst aus so vergessenen Ecken wie dem Zellertal am nördlichen Ende der Weinstraße gibt es unterdessen spannende Weine. Verkosten und kaufen kann man bei den Winzern selbst und bei kompetenten Händlern wie dem Weinrefugium oder der Weinfachhandlung Rohstoff in Neustadt.

Pfalz Wein Empfehlungen

Meine Favoriten? Beim Weißen sind vor allem die steinig-klaren, mineralisch-präzisen, gradlinig-durchdachten und doch unendlich vielschichtigen Rieslinge einiger Winzer, die Lagen um den Ort Birkweiler bewirtschaften, insbesondere die Spitzenlage Kastanienbusch: Ökonomierat Rebholz, Gies-Düppel, Dr. Wehrheim.

Beim Roten – so sehr es sich unterdessen herumgesprochen haben mag – überzeugt Friedrich Becker aus Schweigen immer wieder als derjenige, an dem sich Burgunderwinzer in Deutschland messen lassen müssen. Größtenteils auf Weinbergen im elsässischen Wissembourg gewachsen, gelingen ihm hinreißende Rote von enormer Finesse, Struktur und Tiefe.

Neben den großen Namen etablieren sich junge Winzer, die oftmals ein spektakuläres Preis-Genuss-Verhältnis auf die Flasche bringen. Peter Siener mit seinen so günstigen und guten Basisrieslingen ist ebenfalls in Birkweiler beheimatet, während im äußersten Norden der Pfalz Stephan Schwedhelm mit dem „Schwarzer Herrgott Große Lage“ viel Wein fürs Geld gelingt. Und dass Wilfried Völcker aus Mussbach seit der Empfehlung durch Paula Bosch zum bestbekannten Geheimnis der Pfalz avanciert ist, sollte man eigentlich gar nicht weitererzählen. Seine formidablen Weine, darunter der herrliche Riesling Gimmeldinger Biengarten oder der grandiose Cabernet Franc aus der Wilfried Privat-Reihe sind schon jetzt im Nu ausverkauft.

Essen in der Pfalz: Tipps und Empfehlungen

Jahrelang gewährte mir Jochen Müller ein Privileg. Frühmorgens auf dem Weg zum Bahnhof durfte ich an der Backstube klingeln und noch vor Beginn des Verkaufs ofenfrische, leicht warme, zwischen buttriger Weichheit und blättrigem Biss verlockend changierende Croissants in Empfang nehmen. Der Konditor betreibt zusammen mit seiner Frau Petra die Confiserie Michel in Neustadt und verbindet handwerkliche Meisterschaft mit französische Raffinesse und regionaler Ausrichtung. Müller, der gute Kontakte ins Nachbarland pflegt und sogar seine Tortenschachteln aus Frankreich bezieht, versteht es, Kirsch- und Pflaumentaschen so zu backen, dass das ihn ihnen versteckte Marzipan den Gaumen erst nach einigen Bissen erobert, er kann feines Teegebäck ebenso gut herstellen wie mit Obst der Saison belegte Tartes oder – besondere Empfehlung – Pralinen, die Nuss- und Mandelnougat mit Krokantstücken und dunkler Schokolade auf köstliche, durch Kontraste an Reiz gewinnende Weise verbinden.

Die Pfalz – eine Genussgegend. Man kann dem Magazin Der Feinschmecker nur zustimmen, das in seiner Juliausgabe 2014 über die Südpfalz schrieb:

„Mit einer Mischung aus gehobener Regionalität und Ausflügen in die Spitzenküche ist sie in der Gourmetmoderne angekommen.“

Natürlich gibt es weiterhin klassische Adressen wie das Lokal Sankt Urban im Deidesheimer Hof, bekannt geworden durch zahlreiche Besuche politischer Prominenz, in dem Stefan Neugebauer und sein Mitstreiter Vladimir Holik einen mustergültigen Saumagen servieren.

Pfalz Essen Empfehlungen

Wer jedoch verstehen will, was ‚gehobene Regionalität‘ und ‚Gourmetmoderne‘ wirklich bedeuten, wenn sie grundlegend durchdacht und konsequent gelebt werden, der sollte ins nicht weit entfernte Ruppertsberg fahren und dort das von Jean-Philippe Aiguier betriebene Hofgut aufsuchen.

Hofgut Ruppertsberg

Das Hofgut Ruppertsberg steht auf meiner Liste persönlicher Lieblingsorte weit oben. Es handelt sich um einen bisweilen magischen Ort, an dem ökologische Sensibilität und der menschliche Umgang mit Mitarbeitern, regionale Lebensmittel (von Lieferanten wie dem Bärenbrunner Hof) und französisch inspirierte Kochkunst, Bodenständigkeit und Raffinesse immer wieder auf überzeugende Weise zusammenkommen. Seit nunmehr zehn Jahren gelingt dem Hofgut in seinen besten Momenten eine Gastlichkeit, bei der sich Werte in Lebensform übersetzen, bei der man Werte buchstäblich schmecken kann. Ein Ort der Vergewisserung für alle, die ein zeitgemäßes Verständnis von Lebensqualität suchen.

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