Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Salonkapitalismus. Über Ideen, Erfolg und blinde Flecken

Um unternehmerischen Erfolg zu haben, braucht man eine Idee und die Fähigkeit, sie in die Tat umzusetzen. So einfach – käme nicht etwas Drittes hinzu.

Ich hatte die richtige Idee, und ich hatte sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Es war Ende der 1990er Jahre, auf dem Höhepunkt der New Economy. Ich lebte in den USA, Bill Clinton spielte Saxophon im Weißen Haus, und alle liefen mit Smoothies durch die Straßen. Zurück in Berlin, gab es keine Smoothies. Man müsste das sämige Ganzfruchtgetränk, wie es wohl ungelenk hieße, wäre es eine deutsche Erfindung, nach Europa bringen, dachte ich. Ich war meiner Zeit voraus. Ich hätte reich werden können. Doch ich machte nichts. Warum? Weil ich als Intellektueller die Zweifel an der Idee unwillkürlich mitproduzierte und mir – anders als einem echten Unternehmer – die Bereitschaft fehlte, einen blinden Fleck zu kultivieren, weniger systemtheoretisch formuliert: an eine Idee zu glauben.

Armchair Entrepreneur

Wer dachte beim Lesen von Wirtschaftsnachrichten nicht schon einmal: Diese Idee könnte von mir stammen. Jenes hätte ich auch machen können. Zum Beispiel, die Suchseite von Google so ablenkungsfrei wie möglich zu gestalten und dadurch Yahoo abzuhängen, wie Marissa Mayer es tat, bevor sie zu Yahoo wechselte. Doch eine gute Idee genügt nicht, um Erfolg zu haben, man muss sie auch gegen Widrigkeiten durchsetzen, sei es innerhalb eines Konzerns, sei es gegen äußere Umstände aller Art. Und das geht nur, wenn man die Skepsis so weit ausschaltet, dass die Kernidee nicht in Zweifel gezogen wird, zugleich aber genug Offenheit für Feinjustierungen bestehen bleibt.

Online-Mode, Kapselkaffee

Modehandel übers Netz – zum Scheitern verurteilt. Schließlich wollen die Kundinnen ihre neue Kleidung vor dem Kauf anfassen und anprobieren. So kann man sich irren – bzw. die Möglichkeit garantierter Rücksendung unterschätzen. Federico Marchetti, der Gründer von Yoox, sah es anders – obwohl die Dotcom-Blase gerade geplatzt war.

Salonkapitalismus

Kapselkaffee, der dreimal so teuer ist wie herkömmlich verpackter und sich über ökologische Bedenken hinwegsetzt – aussichtslos. So kann man daneben liegen, wenn man nicht an das starke Verlangen der Kunden nach Bequemlichkeit glaubt. Die Leute von Nespresso sahen es anders – und ließen George Clooney die mühelose Lifestyle-Tasse in die Kamera halten.

Blinde Flecken kultivieren

Es liegt keine Abwertung darin, vom Kultivieren blinder Flecken zu sprechen. Mit dem Ausdruck ‚Kultivieren‘ wird bereits angedeutet, dass es sich dabei um einen besonderen, nämlich anpassungsbereiten Umgang mit Unumstößlichem handelt. Eine besondere Begabung, die sich vom Bescheidwissen distanzierter Beobachter ebenso unterscheidet wie vom kopflosen Durchziehen einer fixen Idee. Kein Wunder, dass unternehmerischer Erfolg so unwahrscheinlich ist.

27. April 2017