INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Ein Nachruf auf Tino Seiwert, Weinhändler und Wortschöpfer

Wenn jemand stirbt, den man gar nicht persönlich kannte, und die Nachricht dennoch berührt, muss es sich um einen besonderen Menschen gehandelt haben. So erging es mir mit der Meldung, dass der leidenschaftliche Weinhändler Tino Seiwert am 13. November überraschend verstorben ist.

Tino Seiwert

Tino Seiwert, Weinhändler

Tino Seiwert war einer der Gründer des saarländischen Weinversandes Pinard de Picard, dessen – damals noch gedruckter – Katalog mir 2008 zum ersten Mal in die Hände fiel. Die 336 Seiten erwiesen sich als so ergiebig, dass ich sie in den folgenden Jahren mit zahlreichen Verkostungsnotizen versah. Hier ließ sich etwas lernen, über ‚kühle Stilistik‘, das ausgezeichnete Preis-Genuss-Verhältnis vieler südfranzösischer Weine sowie die Qualitätssprünge bei deutschen Spitzenerzeugnissen.

Das Fachblatt Weinwirtschaft schreibt in seinem Nachruf:

„Tino Seiwert und seine Mitstreiter bei Pinard de Picard haben den Weinfachhandel in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitgeprägt. Das Unternehmen wurde 2010 von Weinwirtschaft als Weinfachhändler des Jahres ausgezeichnet. Der ehemalige Lehrer und klassische Quereinsteiger Tino Seiwert war immer die Galionsfigur. Er rückte als einer der Ersten südfranzösische Spitzenweine ins Rampenlicht, erkannte, forcierte und prägte früh den Trend zum deutschen Wein, den er wortgewaltig inszenierte.“

Dass einer der besten deutschen Winzer, Tim Fröhlich, von seinem Riesling Schiefergestein eine Selection Tino Seiwert abfüllte und diese dann auch tatsächlich noch einen Zacken besser ausfiel als die ohnehin schon großartige Standardversion, sagt viel aus über Seiwerts Verkostungs- und Vermarktungsgenie.

Tino Seiwert, Wortschöpfer

„Text: Tino Seiwert“, hieß es lakonisch im Impressum des umfangreichen Katalogs von Pinard de Picard. Doch wenn Seiwert seine „werten Kunden“ ansprach, dann schwärmte und verführte er, pries überschwänglich an und machte Lust auf Genuss. Ein typischer Text aus seiner Feder las sich folgendermaßen:

„Welch superfrische Wahnsinnsnase, welche Nachhaltigkeit und Komplexität, wie sie in dieser Preisklasse völlig ungewöhnlich ist und eine Demonstration des qualitativen Höhenflugs, zu dem diese rheinhessische Urrebe in ihrer Heimat unter den Händen einer begnadeten Winzerpersönlichkeit wie Klaus-Peter Keller ansetzen kann.“

Diesem Enthusiasten gelang etwas, das nur wenigen Händlern gelingt: Er erfand seine eigene, unverwechselbare Katalogsprache. Sie verbindet Information mit Emotion, Manierismen („am Gaumen tanzen die Aromen Samba“) mit Neologismen („Weinwerte“), semantische Dichte mit syntaktischer Länge. Ihre Struktur weist eine auffällige Ähnlichkeit mit dem Weinverkosten auf: immer neue Eindrucke treten hervor, spielen ineinander, steigern sich emphatisch, wirken nach. Man hat sich über Seiwerts Superlative bisweilen amüsiert, aber schlechten Wein hat er nie verkauft. Im Gegenteil: Dieser Händler entdeckte für seine Kunden zahlreiche großartige Winzer und war in der Lage, sich für Weine jeder Preisstufe zu begeistern. Und dass er, wenn es um die ganz großen Tropfen ging, auch still werden konnte, sprach ebenfalls für ihn.

Tino Seiwert verstarb während einer Verkostungsreise im Burgund. Dass das Leben zu kurz ist, um schlechten Wein zu trinken, bleibt das Vermächtnis dieses zu früh verstorbenen Dionysikers. Er wurde nur 64 Jahre alt.

Foto: Pinard de Picard