INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Zwischen den Jahren

Der Moment, bevor die Geschenke unterm Baum ausgepackt werden; die Minuten, bevor das Klingen der Gläser die festliche Tafel eröffnet; die Tage, in denen Ruhe einkehrt, bevor der Betrieb wieder beginnt: Was könnte reizvoller sein als solche gleichermaßen von Loslassen geprägten und mit Erwartung gefüllten Anfänge? Wie kaum ein zweiter verstand es der Schriftsteller Raymond Chandler, die Augenblicke des Übergangs in Worte zu fassen. Beispielsweise in seinem 1954 erschienenen Roman The Long Good-Bye:

„Diese Bars, so kurz nachdem sie aufgemacht haben für den Abend – da fühle ich mich richtig wohl. Wenn die Luft drinnen noch kühl ist und rein und alles glänzt und der Barmann seinen letzten Blick in den Spiegel wirft, um zu sehen, ob seine Krawatte auch gerade sitzt und sein Haar schön glatt. Ich mag die sauberen Flaschenreihen auf dem Regal hinter der Theke und die blitzblanken Gläser und die ganze Erwartung, die darüber liegt. Ich sehe dem Mann gerne zu, wie er den ersten des Abends mixt und ihn auf einen frischen Untersatz stellt und die kleine gefaltete Serviette daneben legt. Ich liebe es, den ganz langsam zu kosten. Der erste stille Drink des Abends in einer stillen Bar – das ist etwas Wundervolles.“

Raymond Chandler: Der lange Abschied. Roman. Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Zürich: Diogenes 1975, S. 24.