INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Kertész als Konsument

In seinen späten Tagebüchern schreibt Literaturnobelpreisträger Imre Kertész über Politik, körperlichen Verfall und schwindende Schaffenskraft, aber auch über das Glück des guten Lebens. Ein carpe diem.

Imre Kertész Letzte Einkehr

Welche Perspektive auf Leben und Werk von Imre Kertész könnte unerheblicher sein als das Konsumverhalten des ungarischen Autors? In der Tat gibt es weitaus Wichtigeres über ihn zu sagen. Und doch überrascht die prominente Rolle, die das gute Leben in seinen dieser Tage erschienenen, späten Tagebüchern spielt:

„Ich genieße es, mir jetzt leisten zu können, was ich mir vor vielen Jahrzehnten, als ich mit meinen Freunden noch auf der Terrasse des Bristol saß, nicht leisten konnte. (…) Tröstet es mich, daß ich wenigstens jung war? Als wirklichen Trost empfinde ich es nicht. Ich bin lieber alt und habe ein bißchen Geld in der Tasche.“

Kertész in Berlin

Imre Kertész lebte von 1954 bis 1991 mit seiner ersten Frau in einer 28 qm großen Einzimmerwohnung in Budapest. Im Alter von 72, knapp ein Jahr vor den Möglichkeiten, die ihm das Nobelpreisgeld erlauben wird, zieht der Schriftsteller in die Berliner Meinekestraße.

„Die Leute sagen, ich sei in Berlin freier und besser gelaunt. (…) Als wir in Tegel gelandet waren und im Taxi saßen, sagte ich zu M., ich lebe zum ersten Mal so, wie ich immer gern gelebt hätte.“

Die Singularität seines Blicks macht Kertész‘ keineswegs immer schmeichelhafte Wahrnehmung des Westens zu einer lohnenden Lektüre. Man sieht Vertrautes wie den wiederholt beschriebenen Kurfürstendamm anders, wenn man es durch die Augen dieses Autors betrachtet hat:

„Die Melancholie des dämmernden Kurfürstendamms am Nachmittag. Interessanterweise erinnert mich diese nördliche Großstadt viel mehr an das Budapest meiner Kindheit als Budapest selbst. Die Abendstimmung in einer Weltstadt, die eilenden Menschen, die erleuchteten Häuser, ein gewisser herber Duft, das Angebot – von Waren, Menschen, nicht existierenden Abenteuern (…)“

Mit seinem Lob der westlichen Welt erinnert Kertész in manchem an seinen Nobelpreiskollegen V. S. Naipaul, trotz gänzlich unterschiedlichem Hintergrund ebenfalls ein selbstdenkender Solitär, dessen Biografie die unorthodoxe Position beglaubigt. Kertész schreibt:

„Mich ergreift Selbstmitleid, wenn ich daran denke, daß ich den größten Teil meines Lebens in der nichtswürdigen Diktatur eines charakterlosen, provinziellen Landes verbracht habe, während in der besseren Hälfte Europas das süße Leben blühte, vierzig glückliche, von Verantwortung freie Jahre in Glanz und Wohlstand, mit all deren einzigartigen Möglichkeiten.“

Der Schriftsteller genießt „das Geld und die höheren Honorare“, geht regelmäßig essen, lässt sich bei Volkmar Arnulf einkleiden, erwägt, einen Mercedes zu kaufen.

„Am Ende des Spaziergangs verfallen wir in einen Kaufrausch, kaufen Winterschuhe, einen Gürtel und spitze schwarze Schlangenlederschuhe für mich (…).“

Gleichwohl hebt Kertész die Gefahr hervor, die ein wohlgeordnetes und in Wohlstand gebettetes Gemeinwesen für einen Schriftsteller bedeuten kann:

„Hätte sich mir die Gelegenheit in jüngeren Jahren geboten, sie hätte mich möglicherweise korrumpiert oder verkommen lassen. Aber vielleicht auch nicht.“

Die Form des Tagebuches, dem Verlag zufolge weitgehend unredigiert, bringt ein hohes Maß an Konkretion mit sich. Kertész notiert die Namen der Restaurants, die er besucht, darunter Michael Hoffmanns Margaux, das Stammhaus des Einstein in der Kurfürstenstraße und eine Reihe von Lokalen im Umkreis seiner Charlottenburger Wohnung:

„Auf dem Ludwigkirchplatz, wo ich neulich mit M. auf der Terrasse des Hamlet saß, ist mir auf einmal bewußt geworden, was dort mit mir geschieht. Ganz abgesehen von dieser Ruhe, den mächtigen Bäumen, den weißen Häusern an diesem Platz, von der Sicherheit und Gelassenheit, diesen äußeren Zeichen geistig-materiellen Wohlstands – sagte ich zu meiner Frau – habe ich noch niemals in Frieden gelebt.“

Auf einer Romreise wohnt das Ehepaar Kertész in der Nähe der Piazza di Spagna:

„Kertész de luxe. Ein rares Geschenk guten Lebens, und so muß man auch damit umgehen: ohne Dünkel und schlechtes Gewissen.“

Zwischen symbolischer Bedeutung, spätem Genuss und humorvoller Abstandnahme changierend, notiert Kertész immer wieder Reflexionen über das materielle Wohlergehen:

„Ein wenig Lebenskunst aber zählt ja noch nicht zu den größten Fehlern. Ich liebe das schöne Leben, dem sich dunkle Gedanken zugesellen.“

Der Konsument und die Literatur

Kertész‘ Tagebücher lassen keinen Zweifel daran, dass das literarische Werk und ein geistiges Leben für den Autor die höchsten Werte darstellen. Umso bemerkenswerter sind diejenigen Passagen, die sich mit den materiellen Korrelaten der Freiheit befassen. Als sich eine Tumordiagnose bei seiner Frau bestätigt, schreibt er:

„Mir ist bewußt, daß mit dem gestrigen Tag der schönere Teil meines Lebens zu Ende gegangen ist. Woraus bestand dieser schönere Teil, wenn ich vom Schöpferischen – dem Schönsten – absehe? Nie mehr werden wir mit dem Auto durch die Provence fahren, nie mehr werden wir sorglos und frei sein.“

Doch Kertész‘ Stimmungen schwanken. Auf deprimierte Einträge folgen Zeilen in heiterer Stimmung, „die alten bekannten Glücksanfälle“:

„Was ich gegenwärtig stark empfinde: das unbeschreibliche Erlebnis des Lebens, die Lust zu leben.“

Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001 – 2009. Mit einem Prosafragment. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2013. 464 Seiten.

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