Facebook: Warum das Konto kündigen, wie das Profil löschen?

Nach dreieinhalb Jahren halbherziger Mitgliedschaft habe ich mich entschlossen, das Facebook Konto von INVENTUR dauerhaft zu kündigen. Es fühlt sich wunderbar an. Aber warum sollte man sein Konto schließen? Und wie lässt sich das eigene Profil löschen? Die Fakten, eine Anleitung – und eine kleine Geschichte.

Warum Facebook kündigen? Eine Geschichte

Es gab damals dieses kleine Café, in das alle gingen. Man traf interessante Leute und war immer auf dem Laufenden. Wer am Eingang seine Telefonnummer zurückhielt und sich weigerte, ein endlos langes, kleingedrucktes Dokument zu unterschreiben, wurde nicht reingelassen. Aber was soll’s, alle taten es.

Irgendwann brachten die Kellner mit jeder Bestellung eine Menge Werbung an den Tisch. Das nervte, doch ich nahm es in Kauf, um dabei bleiben zu können.

Dann hörte der Besitzer auf, das vielfältige Zeitungsangebot auszulegen, das ich so gerne las. Schade eigentlich. Und immer, wenn ich mir Notizen machte, verlangte er eine Durchschrift. Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. Eine Kellnerin flüsterte mir zu, dass die Gespräche im Café aufgezeichnet würden und überall kleine Kameras versteckt seien, die die Gesichter der Gäste aufnahmen. Das mochte ich nun aber nicht glauben.

Obwohl die Zustände im Café immer unbehaglicher wurden, verbrachte ich mehr und mehr Zeit dort, viele Stunden am Tag. Ich war oft müde und unkonzentriert, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Wo sollte ich auch sonst hingehen? Die Sache mit den Kameras, den Durchschriften, der Telefonnummer, dem undurchsichtigen Dokument, der Werbung, dem Abbestellen der Zeitungen – ich sehe das entspannt. Es ist doch nur ein Ort, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu bleiben.

Warum Facebook kündigen? Die Fakten

Die Softwareexpertin Vicki Boykis hat einen exzellenten Text verfasst, der solide, detailliert und verständlich darlegt, welche Daten Facebook sammelt, wie das geschieht und was mit den Daten passiert. Das Soziale Netzwerk hat die dort recherchierten Informationen nie bestritten. Hier eine Zusammenfassung:

Datenkrake Facebook

Facebook sammelt private Daten von Nutzern und Nicht-Nutzern, auch ohne dass diese hinreichend darüber informiert werden oder zustimmen. Ein Like-Button oder ein Facebook-Login-Feld auf einer beliebigen Website genügen, damit Facebook das Surfverhalten Einzelner verfolgen kann.

Sobald man auf der Website oder der App eingeloggt ist, speichert der Konzern eingetippte Texte auch dann, wenn man sich gegen deren Veröffentlichung entscheidet und sie wieder löscht. Er zeichnet Cursorbewegungen seiner Mitglieder auf und nutzt Heatmap-Technologien, um Blickbewegungen beim Betrachten von Videos zu verfolgen. Zudem nutzt die Firma biometrische Verfahren, um Gesichtsbilder von seinen Nutzern zu erstellen.

Facebook kündigen

Nach dem Ausloggen verfolgt Facebook das weitere und möglicherweise auch frühere Surfverhalten der Mitglieder, sofern ihr Browser darüber Auskunft gibt.

Gesammelte Daten werden an Dritte wie den Datenhändler Acxiom und die US-Regierung weitergegeben. Acxiom verfügt über Profildaten von nahezu jedem deutschen Haushalt, ohne dass die Betroffenen (also Sie und ich) jemals eingewilligt hätten oder auch nur darüber informiert worden wären. Bereits E-Mail-Adresse oder Telefonnummer genügen, um Anonymisierungen außer Kraft zu setzen, berichtete die FAZ.

Boykis resümiert:

„Facebook started as a way for college students to connect with each other, and has eventually gotten to the point where it’s changing people’s behavior, tracking their usage, and possibly aggregating information for the government.“

„The problem is that each person, whether he or she uses Facebook or not, is implicated in its system of tracking, relationship tagging, and shadow profiling. But this is particularly true if you are an active Facebook user.“

„Essentially, what this means is that you need to go into Facebook assuming every single thing you do will be made public, or could be used for advertising, or analyzed by a government agency.“

Ergänzung August 2017

Das Wall Street Journal berichtet, dass Facebook die Datenbank der 2013 erworbenen Sicherheits-App Onavo (Slogan: „Onavo Protect (…) helps keep you and your data safe when you go online“) nutzt, um das Verhalten von deren Nutzern zu verfolgen und auf diese Weise Konkurrenten zu identifizieren, die der Konzern dann kopiert oder aufkauft. John Gruber:

„So Facebook is using a VPN app that is supposed to protect users’ privacy to violate their privacy by analyzing which apps they use.“

Eine geschlossene Welt

Das Unternehmen tut alles, um das Internet durch ein geschlossenes Parallelnetzwerk zu ersetzen: Es verweigert die Erfassung öffentlich publizierter Posts durch Suchmaschinen oder das unabhängige Internet Archive und entzieht sie damit dem offenen Netz. Es erschwert die Lektüre für nicht registrierte oder nicht eingeloggte Leserinnen und Leser durch aggressive Pop-Overs („Um auf Facebook mehr von XY zu sehen, melde dich an oder erstelle ein Konto.“).

Facebook kündigen

Zudem verhindert Facebook den Bezug von Nachrichtenströmen außerhalb des eigenen Netzwerkes, wie es beispielsweise die Websites der Qualitätspresse sowie unabhängige Blogs durch datenschutzfreundliches RSS ermöglichen.

Wer Facebook nutzt, spürt an jeder Stelle, wie das Interface Datenpreisgabe forciert. Beispielsweise war es beim Einrichten des INVENTUR-Kontos erforderlich, Geburtsdatum und Mobilnummer zu verraten, um eine sogenannte vanity url zugeteilt zu bekommen, also eine verständliche Adresse (in meinem Fall: inventurblog) anstatt einer, die nur nur aus willkürlichen Zeichenfolgen besteht. Umgekehrt tut das Unternehmen jedoch alles, den Zugang zu den von seinen Nutzern frei geteilten Inhalten zu erschweren, wenn man sich nicht in das geschlossene Netzwerk einloggt.

Der Technologieexperte John Gruber schreibt:

„Facebook is designed from the ground up as an all-out attack on the open web“

Urheberrechtsmissachtung

Der Konzern nimmt Urhebern, also allen, die dort Texte oder Bilder veröffentlichen, die Kontrolle über ihre Erzeugnisse, kann sie an Dritte weitergeben und ändert dieses Verhalten auch nach einer Kündigung nicht, fasst die unabhängige Website Terms of Service; Didn’t Read zusammen.

Verhaltensformatierung

Der laxe Gebrauch des Wortes „Freund“, die schlichte Daumenrauf-Daumenrunter-Logik sind nur der Anfang. Facebook leugnet nicht, Menschen manipulieren zu wollen. Nutzer des Netzwerks werden für sozialpsychologische Studien herangezogen; das Interface von Facebook konditioniert in hohem Maße die Anwender.

Anleitung zum Ausstieg: Facebook deaktivieren oder endgültig löschen

Facebook unterscheidet zwischen dem Deaktivieren und dem Löschen eines Profils. Ein deaktiviertes Profil wird für die Nutzer weitgehend unsichtbar, bleibt aber bestehen und kann jederzeit reaktiviert werden.

Will man sein Konto endgültig löschen, benötigt man diesen gut versteckten Link:

FACEBOOK LÖSCHEN

und folgt den weiteren Anweisungen. Doch Achtung:

  • loggt man sich innerhalb der nächsten 14 Tage ein, wird der Löschvorgang unterbrochen,
  • der Löschvorgang kann bis zu 90 Tage dauern,
  • das Löschen ist unter Umständen nicht komplett; Nachrichten an Freunde beispielsweise bleiben in deren Profil bestehen,
  • „Kopien einiger Materialien (z. B. Protokolle)“ werden aus der Datenbank des Unternehmens nicht entfernt.

Mehr Lebenszufriedenheit

Das unabhängige dänische Glücksforschungsinstituts Happiness Research Institute fand 2015 in einer vergleichenden Studie heraus, dass Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden deutlich zunehmen, wenn man auf Facebook verzichtet. Teilnehmer eines Experiments berichteten, dass sie sich ohne das Soziale Medium weniger einsam, weniger traurig, weniger besorgt und weniger aggressiv fühlten, stattdessen konzentrierter, entschlossener und enthusiastischer. Ihr Stressniveau sank um 55%.

Facebook kündigen

Diese Woche habe ich das Facebook Konto von INVENTUR gekündigt. Wer INVENTUR folgen möchte, kann dies unkompliziert mit dem kostenlosen, datenschutzkonformen E-Mail-Newsletter tun und den Blog ohne Vorbedingungen und ohne Barriere lesen: im freien Web.

Icons: Manuella Langella