Was lehrt Mad Men über Konsumkultur und Kreativität?

Die von Matthew Weiner kreierte Fersehserie Mad Men widmet sich den Werbern in New Yorks Madison Avenue, umfasst die Jahre 1960 bis 1970 und wurde zwischen 2007 und 2015 ausgestrahlt. Sie gilt als eine der besten Serien aller Zeiten. Beinahe zwei Jahre lang habe ich auf diesem Blog jede Woche eine der insgesamt 92 Episoden vorgestellt. Hier kommt das Fazit. Welches Bild der Konsumkultur entwirft Mad Men? Und was verrät die Serie über Kreativität?

Mad Men über Konsumkultur

Drei Kernaussagen sind es, die Mad Men über den Konsum trifft.

Einsicht 1: Konsum ist großartig

Mehr noch als der Protagonist Don Draper verkörpert der entwaffnend lebenslustige Roger Sterling den Geist glücklichen Konsumierens. In Episode 20 kommentiert er den Kauf eines luxuriösen Automobils mit den Worten:

„Do you know how invigorating it is to go in and write a check for sixty-five hundred dollars, and not care?“

Doch auch Don Draper weiß natürlich, wie großartig es sich anfühlt, ein neues Auto zu fahren oder in elegantem Ambiente zu versacken.

Was beide unterscheidet, ist ihr Verhältnis zum Geld: Don musste seines hart erarbeiten, doch letztlich bedeutet es ihm nichts; Roger hingegen hatte nie Geldprobleme, weiß aber sehr wohl, dass im Leben jeder Tat eine Rechnung folgt:

„Eventually, an accountant is gonna read the mail.“

Einsicht 2: Es gibt Wichtigeres im Leben als zu konsumieren

Mad Men, so sehr eine Serie über Wirtschaft wie über Gesellschaft und Leben, zeigt nicht nur den Reiz der Konsumkultur, sondern auch ihre Unerheblichkeit.

Don Draper mag den Kapitalismus am Laufen halten, doch er verschenkt im Laufe der Serie immer wieder erhebliche Geldbeträge und kostspielige Gegenstände. Er mag ein Mann des Mainstream sein, aber nichts zieht ihn so sehr an wie die kalifornische Gegenkultur. Er bewahrt sich die Freiheit, einfach aufzustehen, loszufahren und woanders neu anzufangen. Ausgerechnet derjenige, der sein Innerstes zu Markte trägt, hegt keine Illusionen darüber, dass nach jedem Kauf ein unstillbares Verlangen bleibt.

Und wenn der Erzkapitalist Bert Cooper sich mit dem Lied The best things in life are free verabschiedet, steht das nicht einmal im Widerspruch zu seinem unsentimentalen Geschäftsgebaren. Schließlich lautet eine der tiefsten, desillusionierendsten und zugleich tröstlichsten Botschaften dieser langen Serie, dass das Leben weitergeht, welche Wendung die Welt auch immer nehmen mag. Das gilt sogar für den eigenen Tod: Auch danach wird es gute Drinks geben – was könnte für einen säkularen Menschen tröstlicher sein?

Einsicht 3: Die Konsumkultur überführt Proteste in Produkte

Mad Men lehrt, dass die Konsumkultur Proteste in Produkte zu überführen vermag, dass sie politische Positionen in Stilentscheidungen transformieren und jedes noch so funktionsverweigernde Außen absorbieren kann.

Der American Way of Life wird im Laufe der Episoden immer brüchiger, das gesellschaftliche Selbstverständnis bekommt Risse und gerät ins Wanken – erweist sich zugleich aber als aufnahmefähig für die Neukalibrierungen der Zeitgeschichte.

In den Sechzigern begann nicht nur ein gesellschaftlicher Wandel, sondern auch die nächste Ökonomie.

Mad Men über Kreativität

Mad Men ist ein Film über Kreative, gemacht von Leuten, die selbst kreativ sind. Wie fasst er Kreativität auf?

Vom genialischen Einfall unter Alkoholeinfluss bis zur computergestützten Marktforschung kommen sämtliche Spielarten kommerzieller Kreativität in der Serie vor. Am interessantesten ist jedoch, was Don über viele Folgen verteilt an Peggy zum kreativen Schaffensprozess weitergibt. Hier die Schlüsselzitate:

Episode 11:

„Just think about it. Deeply. Then forget it. And an idea will jump up in your face.“

Episode 84:

„Well, whenever I’m really unsure about an idea, first I abuse the people whose help I need, then I take a nap (…) Then, I start at the beginning again and see if I end up in the same place.“

Episode 27:

„You’re not an artist Peggy. You solve problems.“

Episode 14:

„You are the product. You – feeling something. That’s what sells. Not them. Not sex. They can’t do what we do. And they hate us for it.“

Episode 45:

„The best idea always wins, and you know when you see it.“

Episode 33:

„You’re good. Get better. Stop asking for things.“

Bonuseinsicht

Joan zum Weltkriegsteilnehmer Roger über dessen Kriegstrauma:

„Roger, I know it was awful and I know it’ll never seem like it was that long ago. But you fought to make the world a safer place. And you won. And now it is.“
Roger: „You think so? Really?“
Joan: „I have to.“

Der Dialog enthüllt die wohl grundlegendste Einsicht der Serie: Es gibt kein Leben, erst recht kein Weiterleben ohne blinde Flecken. Don am Neujahrsmorgen zu Lane:

„We could pretend it’s New Year’s. I mean, it actually is.“