INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Objektstunden. Materialbildung im Museum der Dinge

Object Lessons. Material begreifen in 8 Lektionen heißt die aktuelle Wechselausstellung im Werkbundarchiv – Museum der Dinge in Berlin. Die Objektstunden sind eine Fundgrube für alle, die sich mit materieller Kultur und ihrer Vermittlung befassen.

Eine Entdeckung: Die Kuratorinnen Ann-Sophie Lehmann und Imke Volkers haben ein Lernkonzept aus dem frühen 19. Jahrhundert rekonstruiert, dem im Zuge des verstärkten Interesses der Kulturwissenschaften an der Materialität von Kultur (material turn) eine überraschende Aktualität zukommt. Die sogenannten Object Lessons (Objektstunden) entstanden auf der Grundlage Pestalozzischer Reformpädagogik in England, wo 1830 das Lehrbuch Lessons on Objects von Elizabeth Mayo (Abbildung 1) erschien. Es bezog sich auf den Unterricht von Kindern im Alter zwischen sechs und acht Jahren und zielte darauf ab, Materialien und Dinge durch Sinneswahrnehmung zu erkunden. Diese befanden sich in eigens angefertigten Materialkabinetten, den Object Lesson Boxes (Abbildung 2). Seither gab es viele Versuche, Materialwissen aus seiner Expertenbindung zu lösen und eine konkrete und populäre Materialbildung anzustoßen. Die Ausstellung zeigt eine ganze Reihe von Lehrmittelkästen und Material-Musterkollektionen (Abbildung 3 bis 6), darunter natürlich auch die Werkbundkiste der 1950er Jahre (Abbildung 6), und macht auf eine Vielzahl von Versuchen aufmerksam, der wissenschaftlichen Distanz zu konkreten Objekten und zum unverarbeiteten Material entgegenzuwirken.

Objektstunden
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Objektstunden Museum der Dinge
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Objektstunden Werkbundarchiv
Werkbundkiste

Bis 16. Januar 2017

Abbildungen:
Elizabeth Mayo, Lessons on Objects: as given in a Pestalozzian School at Cheam, Surrey, London, 1838, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge / Foto: Armin Herrmann
Object Lesson Box (Detail), nach 1830, Sammlung Museum of the History of Science, Technology & Medicine, University of Leeds / Foto: Armin Herrmann
Gläser aus Lehrmittelkoffer zur Papierfabrikation, Lehrmittel-Verlag Friedrich Rausch, um 1920, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge / Foto: Armin Herrmann
Musterkasten für Edelputze, Tebolith-Edelputz-Werk, Tettenborn a. H., Gebrüder Beyermann, 1932, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge / Foto: Armin Herrmann
Lehrmittelkasten „Die Leichtmetalle“, Lehrmittel-Verlag Eugen Emde, nach 1945, Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge / Foto: Armin Herrmann
Schülerinnen mit Werkbundkiste, 1950er Jahre / Foto: Landesbildstelle Berlin, Bildbericht Orgel-Köhne, Berlin

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