INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Terroir. Das terrestrische Manifest des Winzersohns Bruno Latour

Am Vorabend des 200. Geburtstags von Karl Marx stellte der französische Denker Bruno Latour in Berlin sein Buch Das terrestrische Manifest vor und führte dazu ein Gespräch mit dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Ein Bericht mit überraschendem Ausflug ins Burgund.

Bruno Latour

Wenige Denker der Gegenwart sind so herausfordernd, gedanklich agil und disziplinübergreifend einflussreich wie der französische Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour. Als Mitbegründer der Akteur-Netzwerk-Theorie hat er die Frage nach den Elementen des Sozialen neu gestellt, die Handlungsmacht (agency) der Dinge in den Blick gerückt und unsere Vorstellung von Moderne und Kritik grundlegend herausgefordert.

Von frühen wissenschaftsethnografischen Studien führte Latours Denkweg zur politischen Ökologie; in seinen Äußerungen schwingt das Versprechen mit, nicht nur neue Denkzonen zu erkunden, sondern auch einen politischen Umschlagpunkt zu markieren. Seine jüngste Buchveröffentlichung O๠atterrir? Comment s’orienter en politique erschien dieser Tage als Sonderdruck im Suhrkamp Verlag. Der Titel der deutschen Übersetzung lautet: Das terrestrische Manifest.

Das terrestrische Manifest und das Terroir

Bruno Latour entstammt einer französischen Winzerfamilie. Nicht dem berühmten Château im Bordeaux, sondern einem Traditionsgut im Burgund, das seit 1797 Wein erzeugt. Wie jedes Weingut, das etwas auf sich hält, betont auch die Maison Louis Latour wie wichtig ihr das terroir ist, jenes komplexe Zusammenspiel von Boden- und Klimafaktoren, das die Qualitäten eines Anbaugebietes bestimmt. Wer sich für biografische Prägungen interessiert, kann darüber spekulieren, ob der Winzersohn seinen Sinn für die Wechselwirkungen von Erde, Klima und menschlichem Handeln auf dem familiären Weingut gewonnen hat. Peter Sloterdijk jedenfalls bezeichnete Latours Denken als „primären Burgundismus“. In einem Interview gestand Latour freilich, niemals selbst im Weinberg gearbeitet zu haben:

„No, I was always terrible, I couldn’t do what I was supposed to do, so I shifted to philosophy. I have an older brother who took over the business, so they didn’t need me. But the wine business is very interesting. It’s globalized now. Burgundy has been globalized since the Romans, of course. I don’t know if the idea of a multiplicity of disciplines comes from that historical fact – because you have to be interested in the commercial business and also in the very complex chemistry of the soil.“

Wein, argumentiert Henning Schmidgen in seiner Einführung in Latours Denken, sei geradezu exemplarisch für die Akteur-Netzwerk-Theorie, weil es sich um ein Produkt handle, das die Unterscheidung von Natur und Kultur hinter sich lasse. Und Latour selbst sieht in Weinproben einen Paradefall für das Registrieren von Differenzen (in: Das Parlament der Dinge, S. 119):

„Nehmen wir an, Sie seien zu einer Weinprobe in einem Weinkeller in Burgund eingeladen (…) Bevor der Alkohol Ihre Vernunft endgültig benebelt hat, werden Sie während einer oder zwei Stunden durch den ständig wiederaufgenommenen Vergleich der Weine für Unterschiede sensibel, die Ihnen am Vortag noch völlig unbekannt waren.“

Der Weg vom Terroir zum Terrestrischen ist in Latours Welt nicht weit. Von Boden, Erdverbundenheit und Klima ist auch im „bewusst sprunghaften“ (10) terrestrischen Manifest die Rede, und gegen Ende etwa 120 Seiten starken Textes beschreibt der Autor sich als einen Globalisierungsgewinner, „ohne aber das Terrroir vergessen zu haben, an das mich eine Familie von Winzern bindet“ (115). Das terrestrische Manifest von Bruno Latour denkt geopolitische Diagnosen mit der „Frage der Verbundenheit, der Lebensweise“ (17) zusammen und verwirft sowohl den Rückzug ins Lokale als auch eine Differenzen einebnende Globalisierung.

Das terrestrische Manifest

Im für ihn typischen Schreibgestus („Was für die Modernisierung aufgegeben werden musste, war das LOKALE.“), durchsetzt mit Schaubildern voller „Attraktoren“, plädiert Latour in Das terrestrische Manifest für eine Neuausrichtung des Denkens, die das ‚Terrestrische‘ nicht nur als Rahmen menschlichen Handelns begreift, sondern als einen Teil davon: „sich an einen Boden binden einerseits; welthaft werden andererseits“ (107). Was das konkret bedeutet, umkreist er in immer neuen Anläufen, bittet aber auch um Verständnis dafür, dass er nicht „schneller ist als die sich vollziehende Geschichte“ (106).

Witz und Wein

Vergangenen Freitag stellte Latour sein Manifest in Berlin vor, im Rahmen einer Anthropocene Lecture im Haus der Kulturen der Welt. Als Gesprächspartner hatten die Veranstalter Hans Joachim Schellnhuber gewonnen, den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Was einen langweiligen Gipfel gleichgesinnter Weltretter befürchten ließ, stellte sich als Nebeneinander zweier grundverschiedener Zugangsweisen heraus: dort ein Denker, der große Geste und Humor auf sympathische Art zu verbinden verstand, hier der pragmatisch-szientifische Politikberater, der das Publikum mit sonorem Autoritätsgehabe wie eine unkundige Schulklasse ansprach. Wo Latour an Politaktivisten erinnerte, kokettierte Schellnhuber mit seiner Nähe zu den Mächtigen der Welt. Während Latour gewitzt und mit zurückgelehnter Aufmerksamkeit auftrat, präsentierte sich Schellhuber zum Befremden des Auditorums im steten Vollgefühl seiner eigenen Bedeutsamkeit. Am Ende blieb der Eindruck zurück, dass der Klimaforscher genau dasjenige Modell selbstbezogener Subjektivität personifizierte, das der französische Denker in seinen Schriften als unhaltbar herausarbeitet.

O๠atterrir? Wo landen? Oder: sich erden? lautet der Originaltitel von Latours terrestrischem Manifest. Der deutsche Titel sei vom Verlag gewählt worden, teilte Latour schmunzelnd mit. Er mache sein Buch grandioser als es gemeint sei. Und tatsächlich trat Latour in Berlin als ein angenehm geerdeter Meisterdenker auf, dessen Gestus seiner Denkbewegung entsprach.

Das terrestrische Manifest

Latours Inbewegungbringen begrifflicher Elemente erinnert in seinen besten Momenten an das gustatorische Erleben eines großen Weines: das Lokale (terroir) und das Globale (ein nichtprovinzieller Stil) koexistiert spannungsreich, im Rausch der sensorischen Ereignisse formiert sich Welt neu, Sprache gerät zur ergründenden Suchbewegung, staunend tritt das Ich zurück. Schon 1993 sagte der Winzersohn in einem Interview:

„my only ambition is that people would say „I read a Latour 1992“ with the same pleasure as they would say „I drank a Latour 1992″!“

Bruno Latour: Das terrestrische Manifest. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018. 136 Seiten. 14,80 Euro.

Abbildung: Round Icons*