Wortwörtlich (150): Rückkehr nach Reims

Mit seinem Buch Rückkehr nach Reims ist Didier Eribon ein Überraschungserfolg gelungen. Es verbindet auf beeindruckende Weise anrührende biografische Passagen mit soziologischer Zeitdiagnose. Eribon versucht zu erklären, wieso Teile der traditionell linken französischen Arbeiterschaft heute dem Front National folgen. Es ist ein Buch über die zahlreichen Ambivalenzen des persönlichen und politischen Aufstiegs, und einen Nebenaspekt macht auch der Konsum aus:

„Mit all ihrer Kraft strebten sie danach, auch die üblichen Konsumgüter zu besitzen, und ich sah in der tristen Realität ihres Alltags, in ihrem Wunsch, an einem Lebensstandard teilzuhaben, der ihnen lange verwehrt geblieben war, ein Zeichen, dass ihre ‚Verbürgerlichung‘ zugleich eine soziale ‚Entfremdung‘ war. (…) Wo immer möglich, kauften sie – die Summe der Kredite, die sie aufgenommen hatten, wuchs und wuchs – all die Waren ihrer Träume. Einen Gebrauchtwagen, einen Neuwagen, einen Fernseher, Möbel aus dem Katalog (…) Ich bemitleidete sie für ihren ständigen, neidgetriebenen Materialismus (…) In meiner Familie brüstete man sich mit dem Preis der Anschaffungen um herauszustellen, dass man sich etwas leisten konnte oder dass man es ‚geschafft‘ hatte.“

Quelle: Didier Eribon, Rückkehr nach Reims, Berlin: Suhrkamp 2016, S. 79f.