iPad Pro Erfahrungen: Arbeitsgerät oder Konsumgadget?

Wozu braucht man ein iPad Pro? Ist Apples Premium-Tablet ein nice-to-have oder der Computerstandard der Zukunft? Seit einigen Wochen nutze ich das iPad Pro mit 10,5 Zoll Bildschirmdiagonale, seit Dienstag auch das neue Betriebssystem iOS 11. Welche Erfahrungen habe ich gemacht?

Die Suche nach dem Universalgerät

Smartwatch, Smartphone, Tablet, Laptop, Desktop: wollte man sämtliche Geräte besitzen, die Computerhersteller anbieten, man gäbe eine Menge Geld dafür aus und verbrächte mehr Zeit damit, als Produktivität und Entspannung zuträglich sind. Aber für welche soll man sich entscheiden? Gibt es ein universal einsetzbares Gerät?

Apples aktuelles Produktportfolio stellt sich, pointiert zusammengefasst, folgendermaßen dar:

Die Watch bleibt ein Gadget, das teils als überflüssig, teils sogar als schädlich wahrgenommen wird. Das mag sich mit den neuen, LTE-fähigen Modellen ändern. Ein Gerät, das für alle oder auch nur für viele Funktionen taugt, ist es jedenfalls nicht und kann es wegen seiner Größe auch nie werden.

Das iPhone, so schimmernd das teure neue X-Modell mit seinem Ganzglasdisplay, der Gesichtserkennung und dem drahtlosen Aufladen auch sein mag, wirkt keineswegs wie ein zwingender, alle Computerprobleme mit einem Schlag lösender Kauf, auch nicht im Plus-Format. Mit dem vor drei Jahren eingeführten iPhone 6 beispielsweise kommt man nach wie vor bestens zurecht, und es ist kein Zufall, dass die Upgrade-Neigung der Kunden nachlässt. Denn zehn Jahre nach seiner Einführung ist das iPhone von einer Sensation zu einer Selbstverständlichkeit und von einer Selbstverständlichkeit zu einem Stressverstärker geworden.

Der Mac als stationäres Gerät kann in mobilen Zeiten nicht als Universalcomputer fungieren. Mit dem MacBook Pro verfügt man zwar über ein grundsolides Arbeitsgerät, an dessen Tastatur mögen sich viele Nutzer allerdings auch nach langem Gebrauch nicht gewöhnen. Begeisterung sieht anders aus.

iPad Pro Arbeitsgerät

Bleibt das iPad, bislang ein notorisches Drittgerät nach iPhone und Mac, wie fürs Sofa gemacht, von Om Malik treffend als „a consumption device and perfect for communication“ beschrieben. Das iPad schien in so hohem Maße ein Instrument der Zerstreuung zu sein, dass selbst Apple Gründer Steve Jobs es seinen Kindern lieber nicht in die Hand gab.

Doch jetzt hat Apple es neu positioniert und viel Arbeit in seine Optimierung gesteckt, sowohl hardware- und als auch softwareseitig. Haben wir das iPad unterschätzt? Ist es gar das Modell künftiger Computernutzung? Oder das lang ersehnte Universalgerät?

Mein Leben, ein Werbespot


INVENTUR profitiert nicht von eingebetteten Videos und mit diesen möglicherweise verbundenen kommerziellen Aktivitäten.

Werbung weckt Wünsche, doch wer will schon wie in einem Werbespot leben? Harun Farockis formidabler Film Ein Tag im Leben der Endverbraucher hat diesen Alptraum in Szene gesetzt.

Seit ich jedoch mit meinem 10,5“ iPad Pro und dem Apple Pencil in der Umhängetasche durch Berlin laufe, damit lese, Interviews aufzeichne und schreibe, komme ich mir bisweilen vor wie jemand, dessen eigenes Klischee sich in einen Werbefilm verirrt hat. Apples Spot spielt nämlich in Berlin, rasant zoomt die Kamera jene Treppe hoch, die am Bahnhof Friedrichstraße von der Spree zur S-Bahn führt und an der Jason Bourne spektakulär seinen Verfolgern entkam. Was die Kameras nicht zeigen, ist der Taubendreck unter der Brücke und der verlässlich unangenehme Gestank an diesem Ort. So wirft einen die Wirklichkeit dann doch aus der Inszenierung eines Berlin, in dem die Wischgesten auf dem Computer mit dem rasanten Rhythmus der Großstadt zur Einheit eines Lebensgefühls verschmelzen.

Das iPad Pro als Arbeitsgerät

Während Apple das iPad mit dem Slogan „Macht einfach Spaß“ bewirbt, verbindet die Firma mit dem Pro-Modell ein Produktivitätsversprechen: „Alles, was du machst, machst du besser.“ Technisch besteht daran kein Zweifel. Experten wie John Gruber loben die sogar das MacBook Pro überragende Rechenleistung, das phänomenale Display, die flüssige Nutzung, den ausgeklügelten Formfaktor. Kein Wunder, dass Gruber seine Rezension als „the easiest product review I’ve ever written“ bezeichnet.

Ich kann dem zustimmen. Das iPad Pro macht – analog dem Urteil von Technologieveteran Walt Mossberg über das MacBook Air – den Eindruck eines rundum ausgereiften Gerätes. Der wohl beste iPad-Kenner unter den Fachjournalisten, Federico Viticci nannte es „future-proof“ und nutzt es konsequent als Hauptarbeitsgerät.

Aber was kann man damit machen? Vittici stellt in einem ausführlichen Review heraus, dass erst iOS 11 das volle Potenzial aus dem iPad Pro herausholt. iOS 11, das wichtigste Update seit dem eine neue Designsprache einführenden iOS 9, bietet unter anderem die Möglichkeit, mit dem Pencil handschriftliche Notizen anzufertigen und diese dann zur Weiterverarbeitung in Text umzuwandeln. Das funktioniert mit Schreibanwendungen wie Nebo bemerkenswert gut. Kombiniert man diese Funktion mit dem Split View Modus, lässt sich beispielsweise auf der linken Bildschirmseite ein Buch, eine Zeitung oder ein Newsfeed lesen, während man sich auf der rechten Notizen macht.

Mit dem iPad lassen sich in Bibliotheken oder Archiven mühelos Dokumente aller Art einscannen; zudem können eingescannte Papiere, beispielsweise im pdf-Format, mit dem Pencil unterschrieben werden. Weitere Neuerungen sind eine automatische QR-Code Erkennung und die Möglichkeit, ausgewählte Dateien aus iCloud freizugeben und per Link zu teilen.

Unnötig zu erwähnen, dass sich mit dem iPad unterwegs Filme in ausreichender Bildschirmgröße ebenso anschauen lassen wie es die mühelose Lektüre von E-Books, Zeitungen oder RSS-Feeds ermöglicht.

Das iPad Pro als Notebookersatz?

Ein iPad Pro ist günstiger, mobiler (weil erheblich leichter) und in gewisser Weise auch vielseitiger als ein MacBook Pro. Man kann es unkompliziert in einer kleinen Tasche verstauen, bei Bedarf mit einer Tastatur versehen, dann aber auch stehend oder in der Liegeposition verwenden. Handelt es sich also um den lange gesuchten Universalcomputer?

Ich benutze seit anderthalb Jahrzehnten keinen Desktop-Rechner mehr. Er fühlt sich an wie ein Fossil. Mein Arbeitsgerät ist ein 15-Zoll-MacBook Pro. Aber möglicherweise handelt es sich dabei um das letzte Notebook, das ich mir jemals gekauft haben werde. Dann würde ein Tablet mit Peripherie das Notebook ablösen wie einst das Notebook den Desktop ablöste.

Noch freilich ist es nicht soweit. Apples externe Tastatur zum iPad Pro vermag nicht zu überzeugen, zudem hat sie kein Trackpad. Nach wie vor fehlen iOS im Gegensatz zu MacOS viele Kontroll- und Erweiterungsmöglichkeiten. Webdesign auf lokalen Umgebungen oder ernsthaftes Programmieren ist damit nicht möglich. Erst seit iOS 11 gibt es überhaupt eine Dateiverwaltung. Aber keiner dieser Einwände ist grundsätzlicher Art; die Mängel könnten in neueren Versionen systemkonform behoben werden.

Adobes Design-Chef Khoi Vinh sorgte bereits vor anderthalb Jahren für Aufsehen, als er einen Artikel mit dem Titel I’m Done with MacBooks veröffentlichte. Er schreibt:

„I suspect that laptops may be just a transitional form factor, one that helped us envision computing in a less tethered form, but that won’t sustain us over the long term. I also believe that the tablet is a better mobile device than the laptop; even if most people don’t see that today, it will become obvious soon.“

Ähnlich argumentiert der einflussreiche Technologie-Investor Om Malik:

„It is the future, which is very different from the one that has so far been built with desktops, keyboard and mice. It isn’t today, and it certainly isn’t tomorrow – but ten years from now, the world will be very different. I am happy I am learning new computing behaviors, interacting and imagining what the future will be.“

Vielleicht werde ich in ein paar Jahren nur noch ein iPad und ein iPhone oder eine Apple Watch benutzen – ersteres für Arbeit und Unterhaltung, letztere zum Telefonieren, Nachrichten austauschen sowie für Gesundheitsanwendungen.

Und vielleicht hat es ja einen heimlichen Grund, dass ich das Design dieses Blogs so angelegt habe, dass es auf dem iPad am besten zur Geltung kommt. Denn das iPad ist dasjenige elektronische Gerät, dessen Format dem Buch am nächsten kommt. Zusammen mit dem Pencil bildet es eine geradezu elementare Form: Es ist Buch, Blatt und Bleistift.


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Foto: © Apple