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Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von Dirk Hohnsträter.

Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler und Autor. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim. Zudem ist er Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin.

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Haushaltswarenläden, neu erfunden

Haushaltswarenläden alten Typs sind selten geworden. Vielerorts haben Baumärkte und Webshops traditionsreiche, inhabergeführte Geschäfte verdrängt. Seit einigen Jahren jedoch reüssiert ein neuer Typ von kuratiertem hardware store, der Haushaltswaren mit frischen Ladenkonzepten wieder attraktiv machen möchte. Robuste Gebrauchsgegenstände werden dort mit einer Herkunftsgeschichte versehen und in attraktiven Ladenlokalen präsentiert. Ein Einkaufsbummel zu einer Zeit, in der die Ausstattung des eigenen Zuhauses unerwartet an Bedeutung gewonnen hat.

Geschichten vom Verlust

Alteingesessene Haushaltswarengeschäfte sind in vielen Ländern Europas zu einer Rarität geworden. In Berlin etwa existieren nur noch wenige, darunter die 1898 gegründete Institution C. Adolph und die 1906 gegründete Eisenwarenhandlung Döring; in Köln halten Läden wie Filz Gnoss und Gummi Grün die Stellung. Außerhalb Deutschlands, beispielsweise in Portugal, findet sich erfreulicherweise noch ein breiteres Spektrum kleiner Eisen- und Haushaltswarenhandlungen. Vereinzelt, wie etwa im Fall des legendären Mailänder Ladens G. Lorenzi, werden Familienbetriebe unter dem Dach von Luxusmarken fortgeführt. Insgesamt jedoch sind gut sortierte Eisen- und Haushaltswarenläden mit fachkundiger Beratung von einer Normalität zu einem Ausnahmefall geworden.

Kuratierte Konzepte

Man kann das Versand- und Warenhaus Manufactum, aber auch die japanische Kette Muji als Nachfolger klassischer Haushalts- und Eisenwarenhandlungen interpretieren, doch ist deren Sortiment einerseits schmaler (weil es beispielsweise keine Nägel und Schrauben enthält), andererseits breiter (weil unter anderm auch Textilien und Lebensmittel angeboten werden) als das der alten Läden.

Eher ließe sich Labour and Wait anführen, ein Geschäft, das seit 2000 im Londoner Osten „functional products for everyday life“ anbietet, darunter eine Reihe reizvoller Eigenerzeugnisse. Eine ähnliche Richtung schlägt Objects of Use in Oxford ein, laut Eigenbeschreibung „a modern-day hardware store“. Einen interessanten Sonderfall stellt der Londoner Laden des Designers Jasper Morrison dar, weil er Fundstücke anonymen Designs mit Entwürfen des Betreibers mischt, um dessen Philosophie des super normal zu verdeutlichen.

Haushaltswarenläden

Zu den Geschäften, die einen frischen konzeptuellen Zugang auf das Thema Haushaltswaren bieten, zählt auch Utensil in Köln, wo Dinge aus der Industrie- und Arbeitswelt für den Gebrauch im Alltag zusammengetragen werden. Eine Besonderheit vieler Haushaltswaren-Konzeptgeschäfte, nämlich Produkte aus dem professionellen Bereich für den Alltag zugänglich zu machen, wird am Beispiel von Utensil besonders deutlich.

In Toronto und Vancouver orientiert sich der 2010 gegründete Old Faithful Shop nach Angaben des Betreibers am Laden seines Großvaters und bietet „good quality goods for simple, everyday living“ an, darunter viele Produkte japanischer Herkunft – ein Land, dessen Produktkultur die Referenz vieler Haushaltswarenläden neuen Typs bildet.

In Zürich exisiert mit Fabrikat eine gestalterisch besonders ambitionierte Möglichkeit „working goods“ zu erwerben, wobei sich darunter ein großer Anteil von Schreibwaren und Atelierbedarf befindet. Die Website spart nicht mit philosophischer Überhöhung („Mit Fabrikat soll das Internet wieder ein Stück manueller werden.“) und sortiert die angebotenen Artikel nicht nur nach den üblichen Kategorien, sondern auch nach Herkunftsort (Deutschland, Japan, Schweiz, Spanien, UK, USA) oder Material (Baumwolle, Holz, Kupfer, Leder, Messing, Stahl).

Haushalts- und Eisenwaren

Haushaltswarenläden zwischen Brauchbarkeit und Atmosphäre

Insgesamt zeichnen sich die neuen Haushaltswarenläden durch ihr Interesse für Waren aus professionellen Zusammenhängen, Industrieprodukte ohne bekannten Designernamen und eine starke Affinität zu japanischen Erzeugnissen aus. Die Art und Weise der Präsentation wertet robuste Gebrauchsgegenstände atmosphärisch auf. Dies birgt jedoch auch zwei Risiken: zum einen können wohlformulierte Marketing-Legenden kompetente Fachberatung nicht ersetzen, zum anderen sind die Sortimente oftmals so konsequent kuratiert, dass letztlich genau das fehlt, was eine klassische Eisen- und Haushaltswarenhandlung eigentlich auszeichnet: den richtigen Nagel für jede Gelegenheit bereit zu halten.

Abbildungen: Round Icons*