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Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von Dirk Hohnsträter. Keine Anzeigen, wenig Bilder, überlegte Texte.

Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler und Autor. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim. Im Sommersemester 2020 ist er Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin.

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Die neue Wirklichkeit. Denkanstöße zur (post-)pandemischen Welt

Was hat sich verändert? Wie geht es weiter? In den vergangenen Wochen war viel über die „neue Normalität“ während und nach der Corona-Krise zu lesen. Wandelt sich die Wirtschaft, schlägt die Konsumkultur eine neue Richtung ein? Hier kommt eine Auswahl nachdenkenswerter Sätze: im Zitat verdichtete Denkanstöße, Kontroverses in knapper Form. Die Textauszüge sind verlinkt, denn die Artikel, aus denen sie stammen, lohnen die komplette Lektüre.

Die Corono-Krise ist ein Weltanschauungsverstärker ersten Ranges. Wer vorher für Entschleunigung plädiert hat, sieht jetzt die Chance dafür gekommen. Wer sich schon immer auf die nächste Party gefreut hat, kann das Entkorken der Champagnerflaschen nach der Krise kaum erwarten. Vieles, was über die post-pandemische Zeit spekuliert wird, dürfte sich als Wunschdenken herausstellen. Andererseits bietet jede Krise Chancen zur Überprüfung der Agenda. Ob vor, während oder nach COVID-19: nichts ist herausfordernder, als gewohnte Denkbahnen zu verlassen.

Angst, Freiheit, Ökologie: Denkanstöße zur neuen Wirklichkeit

„Whenever crisis visits a given community, the fundamental reality of that community is laid bare. Who has more and who has less. Where the power lies. What people treasure and what they fear. In such moments, whatever is broken in society gets revealed for just how broken it is, often in the form of haunting little images or stories. In recent weeks, the news has furnished us with countless examples. Airlines are flying large numbers of empty or near-empty flights for the sole purpose of protecting their slots on prime sky routes. There have been reports of French police fining homeless people for being outside during the lockdown. Prisoners in New York state are getting paid less than a dollar per hour to bottle hand sanitiser that they themselves are not allowed to use (because it contains alcohol), in a prison where they are not given free soap, but must buy it in an on-site shop. But disasters and emergencies do not just throw light on the world as it is. They also rip open the fabric of normality. Through the hole that opens up, we glimpse possibilities of other worlds.“
Peter C. Baker, The Guardian

„Vielleicht ist es falsch, sich in die Zeit nach der Krise zu versetzen, während das Gesundheitspersonal, wie man sagt, ‚an der Front‘ steht, Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und viele trauernde Familien ihre Toten nicht einmal begraben können. Und doch müssen wir gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wieder herstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. (…) Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es möglich ist, innerhalb weniger Wochen ein Wirtschaftssystem (überall auf der Welt und zur gleichen Zeit) auszusetzen, von dem uns bisher gesagt wurde, es sei unmöglich, es zu verlangsamen oder gar umzugestalten. (…) Wenn alles angehalten wird, kann alles in Frage gestellt, umgesteuert, ausgewählt, sortiert, endgültig unterbrochen oder, im Gegenteil, beschleunigt werden. (…) Das Letzte, was wir tun sollten, wäre, wieder alles genau so zu machen, was wir vorher gemacht haben. So wurde beispielsweise neulich im Fernsehen ein niederländischer Florist mit Tränen in den Augen gezeigt, der Tonnen versandfertiger Tulpen wegwerfen musste, die er nicht mehr per Flugzeug in die ganze Welt schicken konnte, weil er keine Kunden hatte. Wir können ihn natürlich nur bedauern. Es ist nur fair, dass er entschädigt wird. Doch dann bewegte sich die Kamera zurück und zeigte, dass er seine Tulpen unter künstlichem Licht wachsen lässt, bevor er sie in einem Regen aus Kerosin an den Frachtflugzeugen in Schiphol ablieferte. Daher der Ausdruck des Zweifels: ‚Aber lohnt es sich wirklich, diese Art der Produktion und des Verkaufs dieser Blumenart zu verlängern?‘ (…) Das bedeutet nicht den Rückgang des Wachstums oder dass wir von Liebe und Wasser leben, sondern dass wir lernen, einzelne Segmente dieses berühmten, angeblich unumkehrbaren Systems auszuwählen, jede der angeblich unverzichtbaren Verbindungen in Frage zu stellen und Schritt für Schritt zu erproben, was wünschenswert ist und was nicht mehr wünschenswert ist.“
Bruno Latour, Sozialwissenschaftler

Denkanstöße

„Faktisch sterben jedes Jahr auf der ganzen Welt Millionen von Menschen an unserer Konsumwirtschaft, an den Folgen des Klimawandels, im motorisierten Verkehr und in gewaltsamen Konflikten. Wenn wir nun also wegen der Corona-Pandemie in Krisenzeiten angeblich alles Mögliche unternehmen müssen oder wollen, um die Zahl der Menschenopfer zu minimieren, und zwar unter Inkaufnahme unvorstellbarer wirtschaftlicher Kosten, die auch wiederum menschliches Leid verursachen, nun ja, dann müssten wir auch in Normalzeiten alles unternehmen, um Menschenopfer zu minimieren. Wir müssten den Individualverkehr abschaffen. Wir müssten den Alkohol verbieten, dem nun alle mehr noch als sonst frönen. Aber das tun wir nicht. Und da zeigt sich die ganze Schizophrenie des gesamtgesellschaftlichen politischen Handelns heute.“
Markus Gabriel, Philosoph

„Ist es nicht wahrscheinlich, dass nach der Corona-Krise ein Kaufrausch und ein Reiseboom sondergleichen ausbrechen? Wird uns nicht jetzt schon von den Wirtschaftsweisen nahegelegt, durch verstärktes Wirtschaftswachstum das Versäumte nachzuholen, um möglichst schnell normal zu werden? Im Gegensatz zur durchschlagenden Digitalisierung der Gesellschaft müssen wir uns eigens bemühen, das, was wir an Möglichkeiten, anders zu leben gelernt haben, auf Dauer zu stellen. Unsere Einsichten in das, was humanes Leben ist, nicht gleich im Betrieb wieder zu vergessen.“
Gernot Böhme, Philosoph

„Die Metapher von der Bekämpfung des Virus täuscht darüber hinweg, dass es nicht besiegt werden kann; nur ein anderer Umgang miteinander in sozialen Gesellungen wird seine Ausbreitung mindern oder sehr einschränken. Unser Verhalten wird sich anpassen müssen (…) Ich überlege mir, um die Idee eines Beispiels zu geben, ob ich jemals jemandem noch die Hand geben werde. Man kann auch anders grüßen. (…) immer wieder neue Wellen, Mutationen, die dann die erforschten Impfstoffe doch nicht passgenau genug wirken lassen, neue Viren, Bakterien, Pilze etc. – wird unsere Lebensform genauso ändern, wie es die Entdeckung des Bakteriums seit dem 19. Jahrhundert getan hat (Hände waschen, überhaupt mehr waschen, Wäsche kochen, nicht mehr in der Gegend herumspucken, sondern ins Taschentuch, Wasser abkochen, wenn die Herkunft unbekannt ist etc.). Die Neukultivierung, die wir zivilisatorisch und kulturell längst vollzogen haben, zeigt den Pfad, auf dem wir mit dem Virus gehen werden. (…) Für die Viren sind wir die ideale Natur. Wenn wir sie nicht vollständig ausrotten können, wie wollen wir mit ihnen leben? (…) Die Antwort kann nur eine Art neuer Umgangsformen miteinander sein, die die Produktionsbedingungen der Viren schmälern. Wir schränken dann ihre ökologische Nische ein. Die Form von Ökopolitik gegenüber den Viren kann nur als Kulturpolitik stattfinden. In der Form künftiger höherer Distanziertheit und Achtsamkeit. (…) Ist es zu abgehoben, darüber nachzudenken, dass die Digitalisierung vielleicht ein Segen ist, der uns hilft, die neuen distanten kulturellen Formen zu entwickeln?“
Birger Priddat, Wirtschaftswissenschaftler

Lokales Leben und Menschlichkeit in der (post-)pandemischen Welt

„Wäh­rend des Lock­down in Ita­li­en, als die öf­fent­li­chen Plät­ze zum Schwei­gen ge­bracht wur­den, Ein­kaufs­stra­ßen sich in trost­lo­se Rei­hen her­un­ter­ge­zo­ge­ner Roll­lä­den ver­wan­del­ten und auf den Stra­ßen nur noch Po­li­zei­au­tos und Kran­ken­wa­gen un­ter­wegs ge­we­sen sind, da wa­ren klei­ne Le­bens­mit­tel­lä­den in vie­len Vier­teln das ein­zi­ge Zei­chen von Le­ben über­haupt. Aber auch jetzt, da Ita­li­en die stren­ge Aus­gangs­sper­re ge­lo­ckert hat, sind Obst­händ­ler, Metz­ger und Bä­cker das sicht­bars­te Zei­chen, dass das Le­ben wei­ter­geht. (…) Nun, da die Wirt­schafts­kri­se im­mer deut­li­cher wird, füh­len sich vie­le oh­ne­hin woh­ler, ihr Geld nicht in gro­ßen Su­per­märk­ten aus­zu­ge­ben, son­dern in Lä­den, die oft seit Jahr­zehn­ten fa­mi­li­en­be­trie­ben sind. (…) Frü­her wa­ren [solche] Ge­schäf­te (…) ty­pisch für Ita­li­en. Seit der Aus­brei­tung der gro­ßen Su­per­märk­te gel­ten die we­ni­gen, die es noch gibt, als die letz­ten ih­rer Art. Die Men­schen ha­ben ih­ren so­zia­len Wert wie­der­ent­deckt, und das ist wahr­schein­lich ei­ner der we­ni­gen po­si­ti­ven Ef­fek­te der Pan­de­mie. Na­tür­lich ha­ben sie auch fest­ge­stellt, dass Obst und Ge­mü­se bes­ser schme­cken, wenn es nicht in Plas­tik ein­ge­schweißt ist und mit viel Sorg­falt aus­ge­wählt wur­de. Hof­fent­lich wer­den sie sich auch dann noch dar­an er­in­nern, wenn die Pan­de­mie vor­über ist.“
Karen Krüger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

„The Duplex Diner, as it is somewhat unimaginatively called, became a local institution on 18th Street. I took writers and friends there all the time; I had a weekly date with my bestie there; after a long day of writing or reading, I’d often hop on my bike, grab a seat at the bar, and unwind. I had a drink that would usually be poured as I walked in the door (…) It’s been shut now, like so many others, for weeks. The lights are out; the buzz is gone; the regulars dispersed. No one knows when it will be open again, or even if it will. (…) I read about and see all these other quarantined Whole Foods Instagrammers baking bread, chopping fennel, finessing recipes, and I don’t even feel envy. All I want is that sense of company, a place at the bar, a simple meal, and a drink that’s waiting for me again. And I have no idea if I’m ever getting it back.“
Andrew Sullivan, New York Magazine

Neue Wirklichkeit

„I’m still inspired by small companies, by craftspeople and old things that have survived for a long time. When you confront a generational event like this pandemic, you start to better understand what it might have been like to live through WWII or the Great Depression. It’s hard for businesses to navigate these events and we should better appreciate the things that have. They deserve a sort of preferential treatment from us.“
Michael Williams, Blogger

„But I have to say, I’m not very worried. I think fast fashion will suffer, and seem increasingly frivolous. But quality clothing, looked after well, might seem even more relevant. People will buy less, certainly. But we’ve always said people should buy less anyway – it’s the clearest factor in making fashion more sustainable. Companies will also go through very hard times, and some will fail. But I truly believe [quality brands] will be on safer ground. Why? Because people care.“
Simon Crompton, Blogger

Der Klang einer abwesenden Welt

Die New York Public Library hat ein Album mit dem Titel Missing Sounds of New York zusammengestellt. Zu hören ist der seit März abwesende Alltag jener Stadt, die wie keine zweite die Energien dieser Welt verdichtet. Stimmengewirr, das Schlagen einer Taxitür, ein Musiker in der Subway, die Stille der Bibliothek formen eine akustische Landschaft, die die New York Times als „a source of deep nostalgia and solace“ charakterisierte.

The Sound of New York
Abbildung ©: The New York Public Library

Zusammengefügt aus vielen kleinen Klang-Geschichten, evoziert der Soundtrack die Lebendigkeit des urbanen Lebens. Die Tracks tragen Titel wie „Romancing Rush Hour“, „Serenity Is a Rowdy City Park“, „Never Call It a Night Again“ oder „The Not-Quite-Quiet Library“. Zu hören ist das Album auf Soundcloud und auf der Website der New York Public Library.

Weitere lesenswerte Zitate finden Sie in der Rubrik Wortwörtlich.

Abbildungen: Round Icons*