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Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von Dirk Hohnsträter. Keine Anzeigen, wenig Bilder, überlegte Texte.

Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler und Autor. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim. Im Sommersemester 2020 ist er Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin.

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Manufakturen im 21. Jahrhundert – eine Bücherschau

Zeitgenössisches Handwerk und moderne Manufakturen stoßen auf immer größeres Interesse. Vielen gelten Werkstätten als ein Ort, an dem Tradition und menschliches Maß, Nachhaltigkeit und Kreativität auf gelungene Weise zusammenfinden. Handelt es sich dabei um die Verklärung nostalgischer Nischen oder erfinden sich Manufakturen im Zuge des digitalen Wandels neu? Ein Blick auf aktuelle Neuerscheinungen.

Literatur über Manufakturen zwischen Werbung und Forschung

Auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen immer häufiger Titel zu den Themen Handwerk und Manufaktur. Dabei handelt es sich zum einen um regionale Handwerksführer wie diejenigen über Berlin (Ulla C. Binder bei nicolei 2016), Frankfurt (Susanne Stahl bei Henrich Editionen 2015), Hamburg (Mathias Thurm bei Junius 2015) und Sachsen (Peter Ufer bei Saxophon 2014). Zum anderen sind es überregionale Darstellungen wie das 2012 von Florian Langenscheidt und Peter May herausgegebene Buch „Handgemacht: Die schönsten Manufakturen Deutschlands“ oder der 2014 bei Gestalten erschienene Bildband „The Craft and the Makers. Tradition with Attitude“.

Korbinian Ludwig Heß
Korbinian Ludwig Heß, Maßschuhmacher. Foto: Martin Smolka und Tommi Aittala, © Korbinian Ludwig Heß

2015 gaben Wigmar Bressel, Pascal Johanssen und Olaf Salié das Buch „Deutscher Manufakturenführer: Ein Reiseführer zu den schönsten Manufakturen Deutschlands“ heraus. Zwei der drei Herausgeber legen nun fünf Jahre später ein jeweils eigenes Buch über Manufakturen vor, einerseits Pascal Johanssen mit Handmade in Germany. Manufactory 4.0, andererseits Olaf Salié mit Das große Buch der Manufakturen.

Auf den ersten Blick erscheinen die Bücher sowohl thematisch als auch hinsichtlich ihrer Machart vergleichbar, enthalten beide doch eine Fülle eindrücklicher Fotos, Informationen über bemerkenswerte Betriebe und Interviews mit deren Betreibern. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten bereits. Salié gliedert sein Buch nach Metiers, Johanssen nach übergreifenden Kategorien wie „Unabhängigkeit“, „Zeit“ und „Verantwortung“. Salié beschränkt sich auf ein anschaulich erzähltes Vorwort (und ein Grußwort von Frank Müller), Johanssen leitet sein Buch mit einem programmatischen Aufsatz ein, gefolgt von vertiefenden Überlegungen der Designtheoretikerin Anette Geiger zu einer „neuen Ethik der Dinge“. Geht es Salié eher um ein opulentes Kompendium, so setzt Johanssen auf eine inhaltliche Durchdringung des Themas, geleitet vom Gedanken einer zeitgemäßen Erneuerung des Manufakturgedankens zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Manufakturen
Pascal Johanssen (Hg.): Handmade in Germany. Manufactory 4.0, Stuttgart 2020. 256 Seiten. 38 Euro.

Es gibt noch einen zweiten, für uneingeweihte Leserinnen und Leser jedoch nicht unerheblichen Unterschied zwischen den beiden Büchern: ihr Finanzierungsmodell. Während Johanssen gegenüber INVENTUR erklärte, dass keiner der in seinem Buch vorgestellten Betriebe finanziell an der Publikation beteiligt war, liegen die Dinge bei Saliés Buch anders. Wie der Callwey Verlag auf Nachfrage bestätigt, hatten Unternehmen im Vorfeld die Möglichkeit, gegen Bezahlung ein „umfangreicheres Porträt zu beauftragen, das z.B. Interview und ein Fotoshooting beinhaltete“. An dieser Praxis stieß sich Saliés ehemaliger Mitherausgeber Wigmar Bressel und veröffentlichte eine überaus kritische Rezension, in der er „Das große Buch der Manufakturen“ als einen „Katalog mit 380 Seiten Advertorials“ bezeichnet. Auf Nachfrage von INVENTUR betont Salié jedoch, dass kein einziges Unternehmen für die Aufnahme zahlen musste und der Verzicht auf eine erweiterte Darstellung nicht zum Ausschluss aus dem Buch geführt habe.

Wie auch immer man ein solches Finanzierungsmodell bewertet, transparent sollte es sein. Wohlwollend ließe sich die auf den ersten Seiten des Buches abgedruckte Dankestafel mit den Logos der zum „Partnerkreis“ zählenden Unternehmen als Hinweis auf eine nicht nur ideelle Unterstützung lesen. Doch wüsste man als ahnungsloser Leser darüber hinaus schon gerne, wenn im Buch vorgestellte Unternehmen für einen besonders umfassenden Auftritt bezahlt haben.

Zwischen Nostalgie und Technologie

Zahlreiche der in beiden Büchern präsentierten Manufakturen setzen moderne Technologien ein, unter ihnen die Deutschen Werkstätten Hellerau und der Kamerahersteller Leica. Mit dem Untertitel „Manufactory 4.0“ will Johanssen darauf hinweisen, dass viele Manufakturen im 21. Jahrhundert versuchen, das klassische Selbstverständnis einer Werkstatt mit digitalen Zukunftstechnologien zu verbinden. Nach Ansicht des Herausgebers stehen sie „für ein zukunftsweisendes unternehmerisches Modell, bei dem nachhaltige Produktion bereits Realität ist“.

Leica
Leica Kamera. Foto: © Leica

Zu Recht betont Johanssen, der auch die internationale Wanderausstellung Handmade in Germany entwickelt hat, die weltweit einzigartige Unabhängigkeit vieler mittelständischer Unternehmen in Deutschland, die nicht von Wagniskapitalgebern, Aktionären, Luxuskonzernen (wie zahlreiche métiers d’art in Frankreich), Regierungen oder digitalen Plattformen abhängen – und entsprechend darauf angewiesen sind, dass ihre Arbeit auch honoriert wird. In seinen Texten plädiert er für Produkte, die klassische Solidität mit einem zeitgemäßen Niveau der Herstellung verbinden und denen „eine ethische Komponente eingewoben“ ist.

Tasatsas Taschen
Tsatsas Tasche. Foto: © Gerhardt Kellermann

Fast möchte man meinen, dass von Ruskin über Sennett bis zu den aktuellen Neuerscheinungen nicht ohne positive Parteinahme über das Handwerkliche geschrieben werden kann. So groß scheint die Sehnsucht nach unentfremdetem Produzieren, dass Handwerksbetriebe und Manufakturen nun schon seit über 150 Jahren als Modell eines besseren Lebens umschwärmt werden. Auch Johanssen ist nicht frei von solcher Bewunderung, stellt seinen Gesprächspartnern aber ernsthafte Fragen und sucht spürbar nach einer „jungen Maker-Avantgarde“, die neben altbewährtem Können beispielsweise digitale Arbeitsschritte in der Produktion einsetzt oder internetbasierte Verkaufsplattformen nutzt.

Das Interessanteste an Johanssens gründlich gemachtem, überlegt auswählenden Buch ist ohnehin nicht die darin bezogene, bisweilen etwas überschwängliche programmatische Position. Es sind die hochinformativen Interviews mit den Manufakturbetreibern, die dem eingerasteten öffentlichen Diskurs über das Wirtschaften frische Impulse geben können. Auf dem Weg zu einer neuen Qualitätswirtschaft gibt es nämlich wenig bessere Fundstellen als das Praxiswissen der Macher, das sich normalerweise nur indirekt, über deren Produkte mitteilt. Wer über die Zukunft der Ökonomie nachdenken will, sollte ihnen zuhören.

Weitere Informationen zum Thema Manufaktur finden Sie hier:

Lesen Sie auch meinen Artikel über die Tage der Manufakturen.

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