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Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von Dirk Hohnsträter. Keine Anzeigen, wenig Bilder, überlegte Texte.

Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler und Autor. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim.

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Welche Weinhändler sind die besten?

Gute Weinhändler helfen bei der Wahl der richtigen Weine. Aber wer hilft bei der Wahl einer guten Weinhandlung? Die folgenden Überlegungen basieren auf langjähriger Erfahrung, dem Rat passionierter Weintrinker und sorgfältiger Recherche. Sie stellen bewährtes Wissen zusammen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und frei von kommerziellen Interessen.

Was zeichnet einen guten Weinhändler aus?

„Nie zuvor, zu keiner Zeit in der Weingeschichte, haben die Menschen aus einem so breit gefächerten Angebot exzellenter Weine auswählen können wie heute“, sagt die Münchener Spitzensommelière Paula Bosch. Das gilt nicht zuletzt für Deutschland, wo erstklassige Weine oft zu besseren Preisen zu haben sind als etwa in der Schweiz oder den Vereinigten Staaten. Allerdings macht die große Auswahl kundig zusammengestellte Sortimente und kompetente Beratung um so wichtiger. Worauf sollte man bei der Händlerwahl achten?

Weinhändler

Gute Weinhändler verkaufen guten Wein zu fairen Preisen. Sie entdecken gute Winzer, indem sie viel verkosten. Oftmals halten sie persönlichen Kontakt zu ihren Winzern. Sie vermitteln Weinwissen und Lust am Genuss. Und geben präzisen Rat, beispielsweise bei der Einschätzung eines Jahrgangs.

Quellen wie der mittlerweile 1000 Seiten starke Katalog von Lobenbergs Gute Weine, derjenige von Wein & Glas oder das Magazin Pinwand des Saarländischen Händlers Pinard de Picard sind Warenkunden mit Bestellmöglichkeit. Sie geben Auskunft über Regionen und Winzer sowie Informationen zu wichtigen Faktoren wie Frucht, Säure, Körper und Holzeinsatz bei einzelnen Weinen. Bei der Lektüre sollte man freilich nicht vergessen, dass das Ziel dieser Publikationen letztlich der Verkauf ist.

Heiner Lobenberg
Der Bremer Weinhändler Heiner Lobenberg bei einer Weinprobe. Foto: © Lobenbergs Gute Weine

Zwei Extreme, von denen auch gute Händler nicht frei sind, können Kunden getrost ignorieren: blumige Verkostungslyrik auf der einen, vermeintlich objektive Punktzahlen auf der anderen Seite. Was erstere betrifft, so spricht Eric Asimov, der Weinkritiker der New York Times, treffend von

„those comically over-specific efforts to capture aromas and flavors in a phrase (…) Frankly, wine is greater and more interesting than that.“

Punktbewertungen, die nicht das ganze Spektrum nutzen, mögen verkaufspsychologisch sinnvoll sein, den Konsumentinnen helfen sie wenig. Warum eine Skala von 0 bis 100 zugrunde legen, dann aber nur 92 Punkte aufwärts vergeben? Die Ausrichtung auf Parker-Punkte und dergleichen zeugt Asimov zufolge von „a lack of confidence, laziness or abdication of critical responsibilities“.

Es ist leicht, einen guten Wein für 300 Euro pro Flasche zu empfehlen. Gute Weinhändler sollten jedoch vor allem eine breite Auswahl in der mittleren Preisliga bereithalten, die vielfach das beste Preis-Genuss-Verhältnis bietet. Ebenso zeichnet es einen guten Händler aus, ein qualitativ hochwertiges Basis-Sortiment zusammenzustellen, das auch gute Weine ab 8 Euro enthält.

Viele Händler pflegen intensive Kontakte zu ihren Winzern und sichern sich auf diesem Weg überdurchschnittlich gute Fässer. Solche als „Edition“ vermarkteten Sonderabfüllungen lohnen in vielen Fällen den geringen Aufpreis.

Schließlich versteht es ein guter Händler, seinen Kunden durch überlegt zusammengetragene Probierpakete und auf den Einzelnen zugeschnittene Verkaufsgespräche Entdeckungen zu ermöglichen.

Wie findet man eine gute Weinhandlung?

Zeitschriften wie Weinwirtschaft und Selection küren regelmäßig „Weinhändler des Jahres“. Solche Auszeichnungen können eine Anregung sein, doch sinnvoller erscheint es mir, seine Weinhändler nach den eigenen Vorlieben auszuwählen. Wer beliefert mein Lieblingslokal? Wer führt meine Lieblingswinzer?

Gute Weinhändler sind Persönlichkeiten, ihr Sortiment zeichnet sich durch ein unverwechselbares Profil aus. Teilt man die stilistischen Vorlieben eines Händlers und schätzt eine Anzahl von Weinen aus seinem Angebot, liegt es nahe, dass einem auch andere Weine aus dem Sortiment schmecken.

Besucht man ein Weingeschäft, sollte man offen über Budget, Trinkanlass und Vorlieben sprechen. Je genauer man sich äußert, desto gezielter kann beraten werden. Asimov gibt einen guten Tipp:

„Wine professionals like sommeliers and retail merchants are skilled at translating emotions to wines. Articulating those emotions is a first step to gaining a satisfying bottle.“

Wo findet man guten Wein?

Guten Wein findet man

  • nicht beim Discounter (lesen Sie hier, warum das so ist)
  • bisweilen in den Weinabteilungen der Kaufhäuser, wo die Weine jedoch oft zu warm und zu hell gelagert werden
  • in Feinkostgeschäften, die auch ein Weinsortiment pflegen (wie Dallmayr in München, Goldhahn & Sampson oder Maitre Philippe in Berlin)
  • bei Weinhandelsketten wie Jacques oder Mövenpick Wein, die jedoch nicht das persönliche Profil eines inhabergeführten Geschäftes bieten
  • im qualitätsorientierten Weinfachhandel
  • bei den Winzern selbst.

Im folgenden stelle ich verschiedene Bezugsquellen vor. Natürlich ist die Liste nicht vollständig und spiegelt meine persönlichen Präferenzen. Aber sie basiert auf jahrelanger Erfahrung sowie gründlicher Recherche und enthält Einschätzungen, die sich über die Nennung von Namen hinaus als nützlich bei der Suche nach einem passenden Weinhändler erweisen können.

Weinfachhändler vor Ort

Der stationäre Handel bietet mit Tastings und Hausmessen gute Gelegenheiten, Weine vor dem Kauf kennenzulernen. Zu den Händlern, die beeindruckende Verkostungsveranstaltungen auf die Beine stellen, zählt beispielsweise das Weinrefugium in Heidelberg und Mannheim, das vor allem für Weine aus der Pfalz eine gute Adresse ist.

Während manche Weinhändler ganz auf ihre persönliche Präsenz setzen, kombinieren andere leidenschaftliche Beratung vor Ort mit einem Webshop, darunter der von Ronni Hoffmann und
Carsten Horstmann geführte Weinpunkt in Köln oder Johannes Lochners Rohstoff in Neustadt an der Weinstraße.

Zu den Vorzügen lokaler Weingeschäfte kann neben individueller Beratung ein Nischensortiment zählen, das auf persönlichen Kontakten der Inhaber zu den Winzern aufbaut.

Gute Weinhändler im Netz

Webshops sollten durch klare Benutzerführung, sichere Zahlungsabwicklung und zuverlässigen Versand überzeugen. Gute Online-Weinhändler bieten in ihren Mailings nicht nur Rabatte an, sondern auch informative Inhalte, die bei der Erschließung eines Themas (beispielsweise einer Weinregion) helfen.

Mit einem Umsatz von mehr als 15 Millionen Euro ist Lobenbergs Gute Weine das umsatzstärkste inhabergeführte Weinfacheinzelhandelsunternehmen in Deutschland, gefolgt von Pinard de Picard mit rund der Hälfte des Umsatzes, wie das Branchenmagazin Weinwirtschaft berichtet. Lobenbergs Website ist state of the art; der Bremer offeriert ein erstklassiges Sortiment, profundes Wissen und treffende Beschreibungen. Schmunzeln darf man über seine notorisch hohen Punktbewertungen. Pinard de Picard bietet nicht zuletzt bei Deutschland und Südfrankreich ein starkes Sortiment, das immer wieder mit Entdeckungen aufwartet, zuletzt mit vorzüglichem Chablis von Garnier & Fils. Zu den qualitätsorientierten, inhabergeführten Weinhändlern im Netz zählt auch K&U Die Weinhalle, deren Gründer Martin Kössler sich intensiv mit den kulturellen Aspekten des Weins auseinandersetzt.

Weinhandel

Interessant wird es sein, den Generationswechsel etablierter Weinhandlungen im Netz zu beobachten. So hat Heiner Lobenberg kürzlich seinen Sohn Luca mit ins Boot genommen; bei Pinard de Picard sorgt der junge Weinjournalist Markus Budai nach dem frühen Tod des Mitgründers Tino Seiwert für frischen Wind.

So sehr in diesem Artikel die qualitative Seite des Weinkaufens hervorgehoben wird, so sehr lohnen sich gerade online auch Preisvergleiche, etwa bei Großen Gewächsen vom Riesling. Beispielsweise kostet eine 75cl Flasche von Wittmanns „Aulerde“ aus dem aktuellen Jahrgang 2018 bei K&U oder Lobenberg 36 Euro, während Wein & Glas 43,40 Euro dafür haben will, eine Differenz von satten 20%.

Spezialisten

Eine Anzahl von Weinhändlern hat sich auf besondere Marktsegmente spezialisiert. So steht Viniculture für sogenannten Naturwein, Champagne Characters bietet erstklassige Schaumweine an, und Franz Keller lagert hochwertige Bordeaux- und Burgunderweine in über 100 Meter tiefen Bergkellern.

Out of This World

Gute Weinhandlungen sollten gute Weine jeder Preisstufe anbieten. Wer jedoch einmal erleben möchte, wie der Weinkeller eines Oligarchen aussieht, sollte Hedonism Wines im Londoner Stadtteil Mayfair aufsuchen. Das im August 2012 vom russischen Milliardär Evgeny Alexandrovich Chichvarkin eröffnete, atemberaubende Geschäft bietet etwa 6500 verschiedene Weine und 3000 Spirituosen der prestigereichsten Erzeuger an, nach eigener Auskunft „the finest and rarest“. Hier ein paar Einblicke, bereitgestellt vom Wall Street Journal. Cheers!

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