Ratgeberliteratur: zwischen Lebensverbesserung und Optimierungsdruck

Ratgeberliteratur ist eine ebenso erfolgreiche wie umstrittene Sachbuchgattung. Was ist dran an den Verhaltenslehren der Ratgeber? Und welche lohnen die Lektüre?

Ratgeberliteratur: ein Produkt der Moderne

Ratgeber bieten Entscheidungshilfe in allen nur erdenklichen Lebenslagen und versprechen beruflichen Erfolg, persönliches Glück, aufgeräumte Finanzen, klug eingeteilte Zeit und überhaupt ein unkomplizierteres Leben.

Von Gustav Großmanns 1927 zum ersten Mal erschienenen Erfolgstitel Sich selbst rationalisieren, der, wie die Neue Zürcher Zeitung urteilte, „fast allen heutigen Ausführungen über persönliche Arbeitstechnik zu Gevatter steht“, über Dale Carnegies Optimismus-Klassiker How to Win Friends and Influence People (1936) bis hin zu Werner „Tiki“ Küstenmachers simplify-Beratungsuniversum reicht das Spektrum der Ratgeberliteratur. Bisweilen – wie im Fall der japanischen Aufräum-Ikone Marie Kondo – prägen die Autoren eigene Begriffe („KonMari-Methode“) oder finden sogar Eingang in die Alltagssprache (das Verb to kondo bedeute, so jedenfalls Wikipedia , einen Schrank aufzuräumen).

Ratgeber passen in eine Zeit postkonventioneller Verunsicherung. Wo überkommene Orientierungen an Verbindlichkeit verlieren oder sogar ganz verschwinden, können selbsternannte Experten an die Stelle geteilter Traditionsbestände treten. Die Grundüberzeugung aller Ratgeber, dass nämlich Erfolg erlernbar ist, fügt sich überdies nahtlos in die neoliberale Grundidee einer nie zur Ruhe kommenden Selbstoptimierung.

Positive Effekte von Ratgebern

Ratgeber besagen, dass andere sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen wie man selbst, worin bereits ein erster Trost liegt. Vor allem aber zeugt jeder neue Ratgeber für den tragenden Impuls der Moderne: dass es möglich und richtig ist, die Beschränkungen seiner Herkunft hinter sich zu lassen und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Solange es Ratgeberliteratur gibt, bleibt zumindest ein individualisierter Fortschrittsglaube in der Welt.

Einwände gegen das Ratgebergenre

Es ist leicht, Ratgeberliteratur zu kritisieren und zu belächeln, verleitet sie doch zu der Illusion, der bloße Kauf eines Ratgeberproduktes könne die unbequeme Veränderung eingeschliffener Lebensgewohnheiten ersetzen. Sollte es sich bei Ratgeberbüchern etwa um eine Form der Unterhaltungsliteratur handeln?

Viele Ratgeber bleiben folgenlos, weil ihr Rat entweder zu unspezifisch und damit banal oder überkonkret und damit bürokratisch (mit zahlreichen Arbeitsblättern und Checklisten versehen) ausfällt.

Schließlich neigen gerade Ratgeber amerikanischer Provenienz dazu, gesundheitliche Dispositionen, soziale Umstände und Zufälle zu ignorieren. Der Soziologin Stefanie Duttweiler zufolge kann dies zu Selbsttäuschungen und Frustrationen führen. Ratgeber dieser Art setzen von Natur aus unvollkommene Wesen unter Selbstoptimierungsdruck und suggerieren, Unverfügbares könne aktiv herbeigeführt werden.

Fünf Ratgeber, die sich wirklich lohnen ;)

Gute Ratgeber machen Angebote und reflektieren ihre eigene Rolle. Häufig sind sie wissenschaftsbasiert oder beruhen auf nachprüfbaren Erfolgen und erwiesener Expertise ihrer Autoren. Die folgenden fünf Ratgeber fallen in diese Kategorie:

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein (1983)

Der Systemtheoretiker Dirk Baecker hat Watzlawicks paradoxe Lebensanleitung als „wahrscheinlich das einzige Buch aus dem weiten Feld der Selbsthilfe ist, das man wirklich gelesen haben sollte“ bezeichnet. Es ist eine Popularisierung von Einsichten, die Watzlawick zusammen mit Janet H. Beavin und Don D. Jackson in seinem bahnbrechenden Buch Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien zunächst 1969 wissenschaftlich dargelegt hatte, einem Buch, das bis heute eines der anregendsten Beispiele lebensrelevanter Wissenschaft darstellt.

Ratgeberliteratur Watzlawick

Roger Fisher, William Ury & Bruce Patton: Das Harvard-Konzept. Sachgerecht verhandeln – erfolgreich verhandeln (1981)

Dieser Ratgeber stellt das sogenannte Harvard-Konzept des sachbezogenen Verhandelns vor, das auf dem Program on Negotiation der Harvard Law School basiert. Das Ziel der Methode ist eine Einigung in Konfliktsituationen mit größtmöglichem beiderseitigen Nutzen. Das Buch beeindruckt durch die Vielzahl der behandelten Situationen und die Bereitschaft, das vorgestellte Konzept durch Grenzfälle in Frage zu stellen.

Ratgeber Harvard Konzept

François Lelord & Christophe André: Der ganz normale Wahnsinn. Vom Umgang mit schwierigen Menschen (1996)

In diesem Buch liefern zwei französische Psychologen eine ebenso anschauliche wie sehr konkreten Rat gebende Popularisierung der Persönlichkeitspsychologie. Das Buch liefert genau das, was es im Untertitel verspricht: Klugheitsregeln für den Umgang mit schwierigen, also: allen Menschen. Zu seinen Stärken zählt, dass es von der grundlegenden Einsicht ausgeht,

„daß ihre Kritik nicht das Ziel haben soll, den anderen zu einer veränderten Welt- und Selbstsicht zu bringen, sondern daß sie ihn lediglich zur Modifizierung bestimmter Verhaltensweisen veranlassen soll.“

Ratgeberbuch Lelord

James Carville & Paul Begala: Buck Up, Suck Up… and Come Back When You Foul Up (2002)

Im Gegensatz zu den drei zuvor genannten Titeln basiert dieser nicht auf akademischem Wissen, sondern auf praktischer Erfahrung. Es stammt von zwei Politstrategen der Demokratischen Partei. James Carville wird der berühmte Slogan „It’s the economy, stupid“ zugeschrieben, den er als Berater Bill Clintons im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf geprägt haben soll. Carville hat in politischen Talkshows viel Bullshit von sich gegeben, aber die Ratschläge dieses Buches haben es in sich, nicht zuletzt deshalb, weil seine Autoren wissen, wie leicht es ist, mit seiner Meinung daneben zu liegen.

Ratgebergenre James Carville

Cal Newport: Digital Minimalism. Choosing a Focused Life in a Noisy World (2019)

Cal Newport ist Professor für Computerwissenschaft, Betreiber des Study Hacks Blog und Verfasser von sechs Sachbüchern zum Thema Produktivität. Es gelingt ihm, einen seriösen Stil mit schlafwandlerischem Instinkt für Themen und Titel zu verbinden. Newport ist ein Phänomen: allem Anschein nach hält er sich an seine eigenen Ratschläge und ist bestens organisiert, seine Texte sind fundiert, klug, gut geschrieben und praktisch anwendbar. Chapeau!

Ratgeberliteratur Cal Newport

Was kein Ratgeber lehren kann

Paul Jarvis, selbst ein erfolgreicher Akteur im Ratgebergeschäft, machte kürzlich auf eine Grenze des Ratgebens aufmerksam:

„A lot of advice-asking is really just permission-asking.“

Jarvis unterstreicht damit, dass jede Art von Selbstverbesserung bereits Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen voraussetzt. Kein Ratgeber kann sie vermitteln oder ersetzen. Dasselbe gilt für Urteilskraft. Prinzipien und Regeln, Tricks und Kniffe haben nur dann wirklich Wert, wenn sie unter unvorhergesehenen, unübersichtlichen Umständen angewendet werden können, wenn bei schlechter Tagesform zwischen einander ausschließenden Alternativen gewählt werden muss, wenn unter Zeitdruck zu entscheiden ist, ob man sich zurückhält oder springt. Man kann alles wissen – im richtigen Moment den richtigen Anschlag zu treffen, erfordert Übung und Urteilsvermögen.

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