INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter

Newsletter
Willkommen

Unabhängiges Bloggen seit 2013

Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von Dirk Hohnsträter. Alle vierzehn Tage erscheint ein neuer Artikel. Keine Anzeigen, wenig Bilder, überlegte Texte.

Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler und Autor. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur an der Universität Hildesheim.

Jeder zweite Artikel antwortet auf Fragen von Leserinnen und Lesern. Schreiben Sie mir! Sie erreichen mich über das Kontaktformular.

Aktuell

Neues Buch

Konsumkultur

Vor Kurzem erschien im Berliner Kulturverlag Kadmos der von Dirk Hohnsträter und Stefan Krankenhagen herausgegebene Band Konsumkultur. Eine Standortbestimmung. Er enthält Beiträge von Siegrid Baringhorst, Heinz Drügh, Moritz Ege, Kai-Uwe Hellmann, Jörn Lamla, Christoph Ribbat, Manuel Schramm, Wolfgang Ullrich und Katharina Witterhold.

Der neueste Artikel

Israel. Eindrücke eines Konsumforschers

Israel ist ein besonderes Land – und zugleich die Welt in einem Brennglas. Religiöse Unbedingtheit und politische Spannungen, Sicherheit und Hochtechnologie, globaler Markt und unbändige Lebenslust: jeder Aspekt unserer Gegenwart tritt hier mit besonderer Intensität zutage. Vergangene Woche hatte ich Gelegenheit, an der Hebrew University eine internationale Konferenz zu besuchen und das Land zu bereisen. Eindrücke mit dem Blick eines Konsumforschers.

Sabich

Israel McDonalds

Vor Sonnenuntergang sinken die Preise. Die Händler auf Jerusalems Shuk Mahane Yehuda versuchen, verderbliche Ware loszuwerden, bevor mit dem Sabbat eine ungewöhnliche Ruhe auf Israels größtem freistehenden Markt Einzug hält. Ob hier, auf dem Shuk HaCarmel in Tel Aviv oder dem Flohmarkt von Jaffa, wer Märkte in ihrer elementaren Form erleben will, sollte nach Israel reisen. „Zehn Schekel mit Falafel“, ruft ein Straßenhändler, den ich in Ostjerusalem nach dem Preis eines Sesamgebäcks frage, das er bereits einpackt, bevor ich auch nur antworten kann. Ich winke ab, drehe mich zum Weitergehen um, und schon beginnt er runterzuzählen: „Neun, acht, sieben, sechs, fünf.“ Wir haben einen Deal.

Israel

Episoden wie diese verdecken leicht, dass Israel ein hochmodernes Land ist, in dem Technologie, Tourismus und brand culture nicht weniger präsent sind als Tradition und Religion. Man sieht Orthodoxe mit AirPods durch die engen Gassen von Jerusalems Altstadt eilen und kann Kippot mit jedem erdenklichen Markenmotiv erwerben (allerdings, versichert mir ein Israeli, sehe man eine solche Jarmulke kaum je auf dem Kopf eines ersthaften Synagogenbesuchers).

Israel Konsum

Beim Abendessen erzählt Eva Illouz von ihren Interviews. Die Soziologin ist Israels bekannteste Konsumforscherin. In ihren Studien widmet sie sich dem Schicksal von Emotionen im digitalen Kapitalismus. „Emodities“ (Gefühlswaren) nennt Illouz die neuen Produkte, bei denen nicht ein realer oder symbolischer Nutzen, sondern das Design von Gefühlen im Vordergrund steht. Die Dating App Tinder ist für sie das Paradebeispiel einer Ware, die Subjektivität und Sozialität auf beunruhigende Weise transformiert. Aufmerksam hört Illouz an diesem Abend den Berichten von Nutzerinnen zu, die souveräner und spielerischer mit der App umgehen, als ihre Theorie es vorsieht. Welche Richtung wird die Entwicklung einschlagen?

Poli Tel Aviv

„Tel Aviv, Tel Aviv, Tel Aviv“, ruft der Fahrer eines Sammeltaxis, während er so lange durch Jerusalem kurvt, bis auch der letzte Platz des Kleinbusses besetzt ist. Ein Wunder der Allokation. Bestimmen in Jerusalem Religion, Politik und Tourismus das Bild, so sind es im repräsentativen Teil von Tel Aviv das Bauhaus und die Lebensfreude. Rund 4000 Gebäude im modernen Stil entstanden hier zwischen 1931 und 1937, errichtet von Emigrantinnen. Es sind mehr als irgendwo sonst in der Welt. Während Bauhausgebäude in Deutschland oder Ungarn sich aus heutiger Sicht als Klimatisierungsdebakel erwiesen haben, stellten sich die Architekten in Tel Aviv auf die Bedingungen einer Wüstenstadt am Meer ein, ersetzten Fensterfronten durch Lichtleisten und sorgten für gute Belüftung. Allerdings hat die heiße, salzige Luft vielen Fassaden zugesetzt. Weiß ist die sogenannte Weiße Stadt nur dort, wo kostspielig in Renovierung investiert wurde.

Tel Aviv Bauhaus

Sitzt man kaffeetrinkend an einem der Kioske auf dem breiten Mittelstreifen des baumbestandenen Rothschild-Boulevard, wo, wie an vielen Orten, vorbildlich ausgebaute Radwege dafür sorgen, dass alle gut vorankommen, gewinnt man rasch den Eindruck, in dieser für ihre Toleranz bekannten, kosmopolitischen Stadt seien die Ideale progressiver Vertreter des Bauhauses tatsächlich Realität geworden: nicht nur als Stil und Designmöbel, sondern als Lebensqualität, als beschwingtes modernes Leben. Der Preis dafür ist freilich, wie andernorts auch, eine kaum geregelte Gentrifizierung mit exorbitanten Mieten. So kostete eine „echte“ Bauhaus-Dreizimmerwohnung in Tel Aviv bereits vor zwei Jahren etwa viertausend Dollar Miete im Monat, Tendenz steigend.

Israel Ökologie

„Remember the trash“, sagt meine Gastgeberin, damit ich den Weg zum Quartier im infrastrukturell schwachen Ostjerusalem nicht vergesse. Die überquellenden Mülltonnen zeugen von der in den Stadtzentren gut versteckten Kehrseite des Konsums. Das Land ist so sehr mit Sorgen um seine Sicherheit beschäftigt, dass es ökologische Probleme wie sinkende Wasserspiegel, Luftverschmutzung und Abfall vernachlässigt. Auch in dieser Hinsicht ist Israel ein Brennglas der Welt.

Mehr lesen

Die Ästhetik der neuen Weinszene

In meiner Designkolumne für die Herbstausgabe der Zeitschrift POP. Kultur und Kritik widme ich mich der neuen Weinszene und ihrer Ästhetik. Ausgangspunkt meiner Analyse…

Mehr lesen

Warenhäuser im Wandel

Anlässlich der Krise Schweizer Kaufhäuser befragte mich SFR Kultur zum Thema Warenhaus. Das mit Mirja Gabathuler vom Schweizer Rundfunk geführte Interview fand Eingang in…