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Kulturelle Aspekte der Wirtschaft

Dirk Hohnsträter

INVENTUR ist ein digitales Journal über kulturelle Aspekte der Wirtschaft, betrieben von dem Kulturwissenschaftler und Autor Dirk Hohnsträter.

Dirk Hohnsträter leitet die Forschungsstelle Konsumkultur der Universität Hildesheim und ist Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin.

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Wie man nicht zynisch wird. Ein Zitat von Mara Gay

Was helfen schon die kleinen Dinge, die man im Alltag tun kann, wenn Krieg, Klimawandel und kulturelles Auseinanderdriften die Welt bestimmen? Wie vermeidet man es, in Anbetracht der Weltlage verzweifelt und zynisch zu werden? In den vergangenen Monaten habe ich kaum eine Vortragsdiskussion, kaum ein Interview, kaum eine Lehrveranstaltung erlebt, in der Fragen wie diese nicht irgendwann zur Sprache kamen. Die beste Antwort fand ich bei der New Yorker Journalistin Mara Gay.

Mara Gay ist Redakteurin der New York Times. Vor ihrer Aufnahme in die Redaktion der Times schrieb sie unter anderem für das Wall Street Journal und The Atlantic. Gay berichtet schwerpunktmäßig über „New York State and local affairs“. Überregionale Beachtung fanden ihre persönlichen Texte, in denen sie ihre Vergewaltigung als junge Frau öffentlich machte und über ihre schwere Covid-Erkrankung sprach.

Mara Gay New York Times

Wie sie sich vor Verzweiflung und Zynismus schütze, fragte ihr Studienfreund Brad Stulberg Mara Gay vor einem guten Jahr in seinem Podcast. Die Antwort verdient es, transkribiert und übersetzt zu werden. Hier kommt eine leicht gekürzte Mitschrift, gefolgt von meiner Übersetzung.

„You know, you have to stay on guard for that kind of weariness.

I think cynicism is (…) pretty overrated and it’s pretty dangerous and a lot of reporters get very cynical and it’s not a great place to be because you give up your power to make change when it happens.

And it’s also just disrespectful to those who are out there every day making change in a good way.

So part of that is just endurance and resilience, part of that is celebrating the wins when they come. (…)

In my case, how do I stay optimistic? I mean, you are talking to a liberal city kid (…) I also stay sane running and pre-covid spending time with my little nephew and doing all kinds of like healthy activities, baking, whatever, whatever you need to do.

But I just think getting into cynicism is… it reaches a point where you may as well just stop doing journalism. If you don’t believe that change is possible then what are you doing here? And I think I’m fortunate there are some people who feed into that.

And it masquerades in the industry socially as though it’s a sense of sophistication, like, in order to be sophisticated you need to be cynical. And I think that’s really ridiculous.

As a black American, you know (…) my dad, literally grew up drinking out of segregated water fountains, and you know, now I work at the New York Times. And it’s just to say that to be cynical dismisses what that change means and what that has meant to my life, to my father’s life. So, I do think it helps to be black in that way because you just have a larger sense of history.

That doesn’t mean you don’t get discouraged or exhausted, you do, there is a weariness to it, but you have to really guard against that, so I just kind of roll my eyes when some of my colleagues (…) in journalism are supercynical about things. It’s like: you don’t take a longer view, and if you aren’t ready to do that, then let somebody else have it.“

„Weißt du, man muss auf der Hut sein vor dieser Art von Überdruss.

Ich denke, Zynismus wird (…) ziemlich überbewertet und ist ziemlich gefährlich, und viele Reporter werden sehr zynisch, und es ist keine tolle Sache, weil man dadurch die Möglichkeit aufgibt, Veränderungen herbeizuführen, wenn sich die Chance dazu ergibt.

Und es ist einfach auch respektlos gegenüber denen, die jeden Tag da draußen sind und auf eine gute Weise etwas verändern.

Ein Teil davon ist also einfach Ausdauer und Belastbarkeit, ein Teil davon ist es, Siege zu feiern, wenn sie kommen. (…)

Wie ich persönlich optimistisch bleibe? Naja, du sprichst mit einem liberalen Stadtkind (…) Ich sorge auch dadurch für mein Wohlbefinden, dass ich laufe und vor Covid habe ich viel Zeit mit meinem kleinen Neffen verbracht, und ich unternehme alle möglichen ausgleichenden Aktivitäten wie das Backen, was auch immer einem gut tut.

Ich denke nur, wenn man sich auf den Zynismus einlässt… erreicht man einen Punkt, an dem man genauso gut aufhören kann, Journalismus zu machen. Wenn du nicht glaubst, dass Veränderung möglich ist, was machst du dann hier? Und ich denke, ich habe das Glück, dass es einige Leute gibt, die sich darauf einlassen.

Zynismus maskiert sich in der Branche als ein Gefühl von Kultiviertheit, also, um kultiviert zu sein, muss man zynisch sein. Und das finde ich wirklich lächerlich.

Als schwarze Amerikanerin, weisst du (…), mein Vater ist buchstäblich damit aufgewachsen ist, aus Wasserfontänen trinken zu müssen, die nur für Schwarze gedacht waren, und ich arbeite jetzt bei der New York Times. Ich will damit sagen, dass man mit Zynismus verkennt, was diese Veränderung bedeutet und was sie für mein Leben bedeutet hat und für das Leben meines Vaters. Also, ich denke, hier hilft es, schwarz zu sein, weil man dadurch einen größeren geschichtlichen Horizont hat.

Das bedeutet nicht, dass es keine Momente der Entmutigung und Erschöpfung gäbe, die gibt es, es gibt eine Müdigkeit, aber du musst dich wirklich davor schützen. Deshalb verdrehe ich nur die Augen, wenn einige meiner Journalisten-Kollegen (…) superzynisch daherkommen. Das bedeutet nur: du nimmst keine langfristige Perspektive ein, und wenn du dazu nicht bereit bist, dann solltest du deine Arbeit lieber anderen überlassen.“

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