INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter

Lohnt sich ein Abonnement der New York Times?

Von vielen Faktoren in ihrer Leitstellung bedroht, hat sich die New York Times klar positioniert: politisch, digital – und mit Blick auf das wachsende Interesse am guten Leben. Lohnt es sich, die Zeitung zu abonnieren?

„All the news that’s fit to print“ lautet das legendäre Motto der New York Times. Das Leitblatt der Weltöffentlichkeit gibt seit der Jahrtausendwende ein ambivalentes Bild ab. Einerseits litt die Zeitung unter Verstößen gegen ihr journalistisches Ethos, sei es durch erfundene Reportagen im Jahr 2003, sei es durch die Verwischung der Linie zwischen kommerziellen und redaktionellen Inhalten. Zudem drohen immer neue, immer tiefer einschneidende Sparmaßnahmen die journalistische Substanz des Traditionsblattes auszuhöhlen. Andererseits hat die Times nicht ohne Erfolg an einer zukunftsweisenden Digitalstrategie gearbeitet und sich klar und „without fear or favor“ gegen die Politik des Postfaktischen positioniert, exemplarisch mit einer grafisch hervorragend aufbereiteten Liste der Lügen von Präsident Trump. Vanity Fair sieht die Zeitung daher als

„a bastion of sanity, a daily reminder of why journalism is necessary and why dead-tree media is best equipped to supply it“

Die New York Times und das gute Leben

Als ich die New York Times Ende der 1990er Jahre in den USA für mich entdeckte, war sie nicht nur eine vorzügliche Quelle politischer und wirtschaftlicher Berichterstattung und eine Reisevorbereitung auf New York aus erster Hand, sondern brachte dem deutschen Leser zudem ein neues Presseerlebnis: Das Blatt schrieb über Mode, Jazz und die Bedeutung Frank Sinatras, als handele es sich um Themen, die die gleiche Ernsthaftigkeit und das gleiche Niveau beanspruchen dürfen wie die Weltnachrichten. Lange bevor das Feuilleton deutscher Zeitungen aufschloss, ernannte die Times mit Chandler Burr ihren ersten offiziellen Parfümkritiker, schickte Ruth Reichl mit Perücken getarnt durch die Restaurants Manhattans und ließ den unvergessenen Architekturkritiker Herbert Muschamp die Signatur des Zeitalters an der Sprache ihrer Gebäude ablesen.

New York Times Abonnement

Und heute? Hat die Times mit der von Tara Parker-Pope begründeten Rubrik Well das vielleicht beste journalistische Angebot zu Fragen des guten Lebens entwickelt. Relevant, wissenschaftsbasiert und grafisch attraktiv aufbereitet, bietet die „consumer health site with news and features to help readers live well every day“ Artikel über physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden.

„Expect the World“ hieß ein Slogan der New York Times. Es zählt zu den Stärken dieser Zeitung, dass sie ihr Weltverständnis nicht auf das sogenannte Weltgeschehen reduziert, sondern sämtliche Bereiche der Kultur und des Lebens in gleicher Qualität einbezieht.

Lohnt sich ein Abonnement?

Als ich die Times um die Jahrtausendwende zu lesen begann, handelte es sich um die Printausgabe, zunächst in den USA selbst, dann im Berliner Amerikahaus. Wie aufwendig, hoffnungslos zeitverzögert und herrlich entschleunigt! Zwar gibt es nach wie vor eine gedruckte Ausgabe, teils in reduzierter Form als Beilage zur Süddeutschen Zeitung, doch ist das digitale Angebot die eigentliche Attraktion. Wer einmal die Leseerfahrung der iPad-App gemacht hat, wird sie nicht mehr missen wollen. Für Nicht-Abonnenten ist der freie Zugriff allerdings auf zehn Artikel pro Monat beschränkt. Wer will, kann mit mehreren Geräten und IP-Adressen tricksen und dabei hoffen, Beiträge nicht versehentlich anzuklicken, um auf diese Weise ein Abonnement zu umgehen. Doch hat man die Erfahrung unbegrenzten Nutzens einmal genossen, erledigen sich solche Umständlichkeiten von selbst – man will den Vollzugriff nicht mehr missen. Vom persönlichen Nutzen abgesehen ist eine Zeitung, deren Verlust einen nicht auszudenkenden Schaden für die Weltöffentlichkeit bedeutete, ohnehin jede Unterstützung wert. Noch dazu, wenn ein Abonnement im Rahmen von Aktionspreisen bisweilen für nur einen Euro pro Woche zu haben ist. Lohnt sich also ein Abo der New York Times? Ja.

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