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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Karl Marx und der Konsum

Was hat der politische Ökonom Karl Marx zur Konsumforschung beigetragen? Und wo würde er einkaufen?

Karl Marx

Nicht Produktionsverhältnisse oder Finanzströme sind es, mit denen Karl Marx‘ (1818-1883) wirkmächtigstes Werk einsetzt, sondern, wie man zunächst meinen könnte, die Konsumseite der Wirtschaft. Zwar heißt seine ab 1850 entstandene und 1867 erschienene „Kritik der politischen Ökonomie“ Das Kapital, deren erstes Kapitel aber trägt den Titel Die Ware. Es beginnt mit folgendem Satz:

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“

Es ist ein merkwürdiger, sperriger Text, der darauf folgt, weshalb Marx nicht ohne Grund im Vorwort notierte:

„Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird (…) die meiste Schwierigkeit machen.“

Klar ist: Marx sieht in der Warenform „die ökonomische Zellenform“ der bürgerlichen Gesellschaft – als spürte er etwas von jener Scharnierfunktion, die den Produkten im ökonomischen Gefüge zukommt und die den Soziologen Niklas Luhmann über 100 Jahre später veranlassen wird, den Konsum als jenes Dritte zu beschreiben, das „die Position des Kapitalisten und des Arbeiters auf ein Gemeinsames zurückführt“ (in: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main 1988, S. 166).

Marx Kapital

Gebrauchswert und Tauschwert

Was ist eine Ware? Marx beantwortet die Frage bekanntlich mit dem Hinweis auf ihren Doppelcharakter. Zum einen ist sie ein Gegenstand, der eine Funktion hat, einen Zweck erfüllt:

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt.“
„Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert.“

Vom Gebrauchswert unterscheidet Marx den Tauschwert. Für x von etwas bekomme ich y von etwas anderem. In seiner abstraktesten Form stellt das Geld die eine Seite dieser Gleichung dar. Das Geld macht noch das Unterschiedlichste gleich. Aus der Tauschwertperspektive betrachtet verschwinden daher die „sinnlichen Beschaffenheiten“ eines Gegenstandes und mit ihnen die Spuren menschlicher Arbeit:

„Abstrahieren wir von seinem Gebrauchswert, so abstrahieren wir auch von den körperlichen Bestandteilen und Formen, die es zum Gebrauchswert machen.“

Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis

Wirkmächtig wurde der vierte Abschnitt von Marx‘ Hauptwerk: Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis. Hier entwickelt Marx – nach langen Seiten ökonomischer Theorie – Begriffe und Gedanken, die bis in die heutige Kulturwissenschaft ausstrahlen. Die Ware, so leitet er ein, sei „ein sehr vertracktes Ding (…) voll metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken“. Sobald nämlich etwa ein Tisch „als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding“. In einer berühmten Formulierung schreibt Marx:

„Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“

Worin besteht nun das Geheimnisvolle der Warenform? Mit religionskritischem Gestus argumentiert Marx: So, wie der Mensch Götter erfinde, die dann als mächtige Gestalten auf den Menschen zurückwirken, so erscheinen menschengemachte, in menschlicher Arbeit entstandene Gegenstände als machtvolle Dinge, sobald man sie vom Tauschwertstandpunkt aus betrachtet. Auf einmal interessieren die Produktionsumstände nicht mehr, sondern nurmehr das Habenwollen unwiderstehlicher Dinge. Das „magical device“, wie Steve Jobs das iPad nannte, beginnt – wiewohl vom Menschen gemacht – sich zu verselbständigen, die Käufer in den Bann zu schlagen und zu beherrschen.

Kritik der Kritik

Damit wird klar: Marx‘ Ökonomiekritik setzt zwar mit der Ware ein, nimmt jedoch denselben Weg, den er am Kapitalismus kritisiert: das materielle und Spuren menschlicher Fertigung tragende Ding verwandelt sich in ein käufliches und begehrenswertes, das von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen ablenkt. Künftig gilt Marx‘ Kritik der Wirtschaftsweise, die den Tauschwert verabsolutiert, dem Kapitalismus. Die Ware als Konsumobjekt und der Mensch als Konsument interessieren ihn nicht. Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme resümiert (in: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek bei Hamburg 2006, S. 331):

„Der Konsum indes war ein blinder Fleck des marxistischen Denkens. Das hing damit zusammen, dass im 19. Jahrhundert für die proletarischen Massen nicht der Konsum unerschöpflicher Warenfluten auf der Tagesordnung stand, sondern der bloße Lebensunterhalt unter Knappheitsbedingungen. Dies gilt auch für die kommunistischen Länder, die sich seit der russischen Revolution bis 1989 bildeten.“

Unter Wohlstandsbedingungen wäre daher neu über Waren, ihre Werte und ihre Fetischisierung nachzudenken. Inwieweit Marx und von ihm inspirierte Positionen dabei helfen können, bleibe an dieser Stelle offen. Marx selbst, der im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals an der hegelschen Philosophie lobte, dass sie die bestehenden Zustände „nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist“, war es jedenfalls nicht um so etwas wie kritischen Konsum zu tun. Es lag ihm fern, „den einzelnen verantwortlich [zu] machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag“. Die Abschaffung ausbeuterischer Verhältnisse und die Zerschlagung des Fetischismus durch die Revolution – darin lag die Pointe der marxistischen Bewegung. Historisch trat freilich das Gegenteil ein, wie Böhme (l.c., 337) betont:

„Man zerschlug nicht, sondern unterdrückte den Warenfetischismus (und damit die Konsumlust der Menschen); und man betrieb nicht den Sturz, sondern die Verkultung der (politischen) Idole. Es gibt kein stärkeres Lehrstück über den Fetischismus als dieses: Indem man ihn revolutionär zu zerschlagen glaubt, verdrängt man ihn ins kollektive Unbewusste und erzeugt furchtbarere Götter als die, die man vertrieben zu haben glaubte. Das ist eine bittere Stunde der Moderne.“

Wo würde Marx einkaufen?

1843 zog der junge Marx, frisch verheiratet, nach Paris, gab dort die Deutsch-Französischen Jahrbücher heraus, begann mit Engels zu korrespondieren und freundete sich mit Heinrich Heine an. In den Pariser Manuskripten von 1844 bildeten sich Grundzüge seines Denkens heraus. Wir lassen Marx, den Denker der Entfremdung, an seine frühe Wirkungsstätte zurückkehren und gönnen ihm ein paar handgerollte Zigarren. A la Civette, gegenüber der Comédie Franà§aise, wird ihm vertraut vorkommen. Das Geschäft existiert nämlich seit 1716. Zur Freude des Kommunisten finden sich dort auch reichlich Exemplare kubanischer Provenienz.

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals. Herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. 39. Auflage 2008. 956 Seiten. 24,90 Euro.

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