Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Facebook: Warum das Konto kündigen, wie das Profil löschen?

Nach dreieinhalb Jahren halbherziger Mitgliedschaft habe ich mich entschlossen, das Facebook Konto von INVENTUR dauerhaft zu kündigen. Es fühlt sich wunderbar an. Aber warum sollte man sein Konto schließen? Und wie lässt sich das eigene Profil löschen? Die Fakten, eine Anleitung – und eine kleine Geschichte.

Warum Facebook kündigen? Eine Geschichte

Es gab damals dieses kleine Café, in das alle gingen. Man traf interessante Leute und war immer auf dem Laufenden. Wer am Eingang seine Telefonnummer zurückhielt und sich weigerte, ein endlos langes, kleingedrucktes Dokument zu unterschreiben, wurde nicht reingelassen. Aber was soll’s, alle taten es.

Irgendwann brachten die Kellner mit jeder Bestellung eine Menge Werbung an den Tisch. Das nervte, doch ich nahm es in Kauf, um dabei bleiben zu können.

Dann hörte der Besitzer auf, das vielfältige Zeitungsangebot auszulegen, das ich so gerne las. Schade eigentlich. Und immer, wenn ich mir Notizen machte, verlangte er eine Durchschrift. Egal, ich habe ja nichts zu verbergen. Eine Kellnerin flüsterte mir zu, dass die Gespräche im Café aufgezeichnet würden und überall kleine Kameras versteckt seien, die die Gesichter der Gäste aufnahmen. Das mochte ich nun aber nicht glauben.

Obwohl die Zustände im Café immer unbehaglicher wurden, verbrachte ich mehr und mehr Zeit dort, viele Stunden am Tag. Ich war oft müde und unkonzentriert, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Wo sollte ich auch sonst hingehen? Die Sache mit den Kameras, den Durchschriften, der Telefonnummer, dem undurchsichtigen Dokument, der Werbung, dem Abbestellen der Zeitungen – ich sehe das entspannt. Es ist doch nur ein Ort, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu bleiben.

Warum Facebook kündigen? Die Fakten

Die Softwareexpertin Vicki Boykis hat einen exzellenten Text verfasst, der solide, detailliert und verständlich darlegt, welche Daten Facebook sammelt, wie das geschieht und was mit den Daten passiert. Das Soziale Netzwerk hat die dort recherchierten Informationen nie bestritten. Hier eine Zusammenfassung:

Datenkrake Facebook

Facebook sammelt private Daten von Nutzern und Nicht-Nutzern, auch ohne dass diese hinreichend darüber informiert werden oder zustimmen. Ein Like-Button oder ein Facebook-Login-Feld auf einer beliebigen Website genügen, damit Facebook das Surfverhalten Einzelner verfolgen kann.

Sobald man auf der Website oder der App eingeloggt ist, speichert der Konzern eingetippte Texte auch dann, wenn man sich gegen deren Veröffentlichung entscheidet und sie wieder löscht. Er zeichnet Cursorbewegungen seiner Mitglieder auf und nutzt Heatmap-Technologien, um Blickbewegungen beim Betrachten von Videos zu verfolgen. Zudem nutzt die Firma biometrische Verfahren, um Gesichtsbilder von seinen Nutzern zu erstellen.

Nach dem Ausloggen verfolgt Facebook das weitere und möglicherweise auch frühere Surfverhalten der Mitglieder, sofern ihr Browser darüber Auskunft gibt.

Gesammelte Daten werden an Dritte wie den Datenhändler Acxiom und die US-Regierung weitergegeben. Acxiom verfügt über Profildaten von nahezu jedem deutschen Haushalt, ohne dass die Betroffenen (also Sie und ich) jemals eingewilligt hätten oder auch nur darüber informiert worden wären. Bereits E-Mail-Adresse oder Telefonnummer genügen, um Anonymisierungen außer Kraft zu setzen, berichtete die FAZ.

Boykis resümiert:

„Facebook started as a way for college students to connect with each other, and has eventually gotten to the point where it’s changing people’s behavior, tracking their usage, and possibly aggregating information for the government.“

„The problem is that each person, whether he or she uses Facebook or not, is implicated in its system of tracking, relationship tagging, and shadow profiling. But this is particularly true if you are an active Facebook user.“

„Essentially, what this means is that you need to go into Facebook assuming every single thing you do will be made public, or could be used for advertising, or analyzed by a government agency.“

Ergänzung August 2017

Das Wall Street Journal berichtet, dass Facebook die Datenbank der 2013 erworbenen Sicherheits-App Onavo (Slogan: „Onavo Protect (…) helps keep you and your data safe when you go online“) nutzt, um das Verhalten von deren Nutzern zu verfolgen und auf diese Weise Konkurrenten zu identifizieren, die der Konzern dann kopiert oder aufkauft. John Gruber:

„So Facebook is using a VPN app that is supposed to protect users‘ privacy to violate their privacy by analyzing which apps they use.“

Eine geschlossene Welt

Das Unternehmen tut alles, um das Internet durch ein geschlossenes Parallelnetzwerk zu ersetzen: Es verweigert die Erfassung öffentlich publizierter Posts durch Suchmaschinen oder das unabhängige Internet Archive und entzieht sie damit dem offenen Netz. Es erschwert die Lektüre für nicht registrierte oder nicht eingeloggte Leserinnen und Leser durch aggressive Pop-Overs („Um auf Facebook mehr von XY zu sehen, melde dich an oder erstelle ein Konto.“).

Facebook kündigen

Zudem verhindert Facebook den Bezug von Nachrichtenströmen außerhalb des eigenen Netzwerkes, wie es beispielsweise die Websites der Qualitätspresse sowie unabhängige Blogs durch datenschutzfreundliches RSS ermöglichen.

Wer Facebook nutzt, spürt an jeder Stelle, wie das Interface Datenpreisgabe forciert. Beispielsweise war es beim Einrichten des INVENTUR-Kontos erforderlich, Geburtsdatum und Mobilnummer zu verraten, um eine sogenannte vanity url zugeteilt zu bekommen, also eine verständliche Adresse (in meinem Fall: inventurblog) anstatt einer, die nur nur aus willkürlichen Zeichenfolgen besteht. Umgekehrt tut das Unternehmen jedoch alles, den Zugang zu den von seinen Nutzern frei geteilten Inhalten zu erschweren, wenn man sich nicht in das geschlossene Netzwerk einloggt.

Der Technologieexperte John Gruber schreibt:

„Facebook is designed from the ground up as an all-out attack on the open web“

Urheberrechtsmissachtung

Der Konzern nimmt Urhebern, also allen, die dort Texte oder Bilder veröffentlichen, die Kontrolle über ihre Erzeugnisse, kann sie an Dritte weitergeben und ändert dieses Verhalten auch nach einer Kündigung nicht, fasst die unabhängige Website Terms of Service; Didn’t Read zusammen.

Diese Praxis hat Konsequenzen für unabhängige Inhaltsanbieter. Der online comedy creator Matt Klinman analysiert die Lage in einem äußerst lesenswerten Interview:

„The whole story is basically that Facebook gets so much traffic that they started convincing publishers to post things on Facebook. For a long time, that was fine. People posted things on Facebook, then you would click those links and go to their websites. But then, gradually, Facebook started exerting more and more control of what was being seen, to the point that they, not our website, essentially became the main publishers of everyone’s content. Today, there’s no reason to go to a comedy website that has a video if that video is just right on Facebook. And that would be fine if Facebook compensated those companies for the ad revenue that was generated from those videos, but because Facebook does not pay publishers, there quickly became no money in making high-quality content for the internet.“

Und weiter:

„The problem is that Facebook is our editor and our boss. They decide what is successful and what isn’t successful via seemingly meaningless metrics. They hide behind algorithms that they change constantly. And it seems to me that they are not favoring things that are high-quality – they are favoring things that are clickbait, things that are optimized for Facebook, low-quality things that appeal to the lowest common denominator and, honestly, just things at random.
Facebook has created a centrally designed internet. It’s a lamer, shittier looking internet. It’s just not as cool as an internet that is a big, chaotic space filled with tons of independently operating websites who are able to make a living because they make something cool that people want to see.“

Verhaltensformatierung

Der laxe Gebrauch des Wortes „Freund“, die schlichte Daumenrauf-Daumenrunter-Logik sind nur der Anfang. Facebook leugnet nicht, Menschen manipulieren zu wollen. Nutzer des Netzwerks werden für sozialpsychologische Studien herangezogen; das Interface von Facebook konditioniert in hohem Maße die Anwender. Dass dabei auch die Stimmungsschwankungen Minderjähriger ausgenutzt werden, belegen an die Öffentlichkeit geratene interne Dokumente. Der Guardian berichtet:

„Facebook showed advertisers how it has the capacity to identify when teenagers feel ‚insecure‘, ‚worthless‘ and ’need a confidence boost‘, according to a leaked documents based on research quietly conducted by the social network.“

Ergänzung September 2017 & Februar 2018

Der Technologieinvestor Om Malik hat sich mit der Nutzung Facebooks zur Manipulation freier Wahlen auseinandergesetzt. Seine Einschätzung:

„The Zuckerberg principle of management is push to the extreme, see what you can get away with, and then apologize and try to shift attention elsewhere. It has apologized for Beacon, psychological testing, faulty ad sale metrics, India strategy that smacked on colonialism. I think you get the point.

Having followed Facebook for a long time, I know what really plagues the company is that being open and transparent is not part of its DNA. This combination of secrecy, microtargeting and addiction to growth at any cost is the real challenge. The company’s entire strategy is based on targeting, monetizing and advertising.

Common sense ideas such as being humane, understanding its impact on society and civic infrastructure – well that doesn’t bring any dollars into the coffers. Call me cynical, but reactive apologies are nothing but spin.“

Einige Monate später schrieb Malik einen Artikel mit dem Titel The #1 reason Facebook won’t ever change, in dem er seine Argumentation fortführt und mit zahlreichen Daten belegt. Als Geschäftsmann gibt er sich keinen Illusionen hin:

„Facebook’s DNA is that of a social platform addicted to growth and engagement. At its very core, every policy, every decision, every strategy is based on growth (at any cost) and engagement (at any cost). More growth and more engagement means more data – which means the company can make more advertising dollars, which gives it a nosebleed valuation on the stock market, which in turn allows it to remain competitive and stay ahead of its rivals. (…) Facebook is about making money by keeping us addicted to Facebook. It always has been – and that’s why all of our angst and headlines are not going to change a damn thing.“

Ergänzung November & Dezember 2017

Sean Parker war founding president von Facebook. In einem Interview verriet er Details aus den frühen Jahre des Netzwerks. Anders als bei anderen, erst später kommerzialisierten Start-ups habe bei Facebook von Anfang an kein idealistisches Motiv die Gründung getragen. Das Ziel bestand vielmehr darin „a vulnerability in human psychology“ auszubeuten:

„The thought process that went into building these applications, Facebook being the first of them, … was all about: How do we consume as much of your time and conscious attention as possible?

Kurze Zeit später schloss sich Chamath Palihapitiya, der bei Facebook vice-president for user growth war, den Kritik an:

„The short-term, dopamine-driven feedback loops that we have created are destroying how society works. No civil discourse, no cooperation; misinformation, mistruth (…) This is not about Russian ads. This is a global problem. It is eroding the core foundations of how people behave by and between each other (…) I can control my decision, which is that I don’t use that shit. I can control my kids‘ decisions, which is that they’re not allowed to use that shit.“

Anleitung zum Ausstieg: Facebook deaktivieren oder endgültig löschen

Facebook unterscheidet zwischen dem Deaktivieren und dem Löschen eines Profils. Ein deaktiviertes Profil wird für die Nutzer weitgehend unsichtbar, bleibt aber bestehen und kann jederzeit reaktiviert werden.

Will man sein Konto endgültig löschen, benötigt man diesen gut versteckten Link:

FACEBOOK LÖSCHEN

und folgt den weiteren Anweisungen. Doch Achtung:

Mehr Lebenszufriedenheit

Das unabhängige dänische Glücksforschungsinstituts Happiness Research Institute fand 2015 in einer vergleichenden Studie heraus, dass Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden deutlich zunehmen, wenn man auf Facebook verzichtet. Teilnehmer eines Experiments berichteten, dass sie sich ohne das Soziale Medium weniger einsam, weniger traurig, weniger besorgt und weniger aggressiv fühlten, stattdessen konzentrierter, entschlossener und enthusiastischer. Ihr Stressniveau sank um 55%.

Facebook kündigen

Diese Woche habe ich das Facebook Konto von INVENTUR gekündigt. Wer INVENTUR folgen möchte, kann dies unkompliziert mit dem kostenlosen, datenschutzkonformen E-Mail-Newsletter tun und den Blog ohne Vorbedingungen und ohne Barriere lesen: im freien Web.

Abbildung: Round Icons*

8. Juni 2017