Der Blog von Dirk Hohnsträter
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Die Wahl der Werkzeuge. Sieben Sätze und ein Song

Unter dem Druck der Corona-Krise erfahren digitale Arbeits- und Lebensformen einen abrupten Schub. Zum Zuhausebleiben gezwungen, benötigen viele Menschen gute Geräte, professionelle Videokonferenzanwendungen und belastbare Streamingdienste. Worauf sollte man bei der Auswahl digitaler Tools achten? Sieben Sätze über die Wahl der Werkzeuge und ein Song zu den Grenzen des Menschenmöglichen.

Sieben Sätze zur Wahl digitaler Werkzeuge

1. Werkzeuge sind wichtig, Kreativität ist wichtiger

Die besten Sachen entstehen bisweilen mit den schlechtesten Werkzeugen: kaum lesbare Bleistiftskizzen, hingekritzelt auf zerknitterten Servietten; Exilromane, mühsam getippt mit einer schwergängigen Reiseschreibmaschine. Umgekehrt garantieren gute Werkzeuge keine herausragenden Ergebnisse, auch wenn Apple das immer wieder suggeriert. Was in einer dritten Wendung des Gedankens freilich nicht bedeutet, dass gute Werkzeuge nicht besser seien als schlechte – und mehr Freude machten.

https://youtu.be/nyp_PczrqFE

2. Erstaunlich, was alles schon da ist

Zur anthropologischen Grundausstattung des Menschen zählt „die Freiheit der Werkzeugschöpfung“ (Hans Jonas). Es gibt großartige Werkzeuge, cool tools, wie Kevin Kelly sie nennt und seit vielen Jahren unter dem Motto cool tools really work sammelt.

Werkzeuge

Ohne digitale Werkzeuge verliefe die Corona-Krise noch bedrückender. Wer sich auf die Suche nach hilfreichen Anwendungen macht, sollte mit dem Kennenlernen der Bordmittel beginnen. Beispielsweise habe ich für meine Lehrveranstaltungen in den vergangenen Wochen Slidecasts erstellt und dabei gelernt, was alles mit der vorinstallierten Software auf dem Mac und einer Handvoll Open Soure Programme (wie dem Video Transcoder HandBrake) möglich ist.

Digitale Werkzeuge

Bonusweisheit: Wie man bei einer Videokonferenz gut aussieht, verriet der Designer Tom Ford kürzlich der New York Times.

3. Simply amazing, and amazingly simple

Digitale Tools machen erst dann einen positiven Unterschied, wenn sie etwas besser können als ihre analogen Entsprechungen. Die Zeitverschwendungen der analogen Welt (ziellose Sitzungen, endlose Korrespondenzen…) im digitalen Raum zu wiederholen, verstärkt nur deren Nachteile. Wenn jedoch, wie beispielsweise Terminabsprachen mit Tools wie dem datenschutzfreundlichen Nuudle es ermöglichen, digitale Lösungen Effizienzgewinne bewirken, leuchtet ihr Gebrauch ein.

Gute Werkzeuge bestechen durch Einfachkeit und Klarheit. Seit Kurzem nutze ich die von schottischen Entwicklern angebotene App Just Press Record, die es ermöglicht, Audios in professionellen Dateiformaten aufzuzeichnen, zu bearbeiten, via iCloud zu synchronisieren und in Text zu transkribieren. Man kann beispielsweise mit der Apple Watch beiläufig Einfälle aufzeichnen und die Aufnahme auf iPad oder Mac in Text transformieren, um sie anschließend in einem Texteditor weiter zu bearbeiten. Das Interface könnte nicht simpler gestaltet sein und macht doch sämtliche Funktionen unmittelbar zugänglich.

Just Press Record

4. Das Tool-Content-Dilemma

Die Suche nach guten Werkzeugen und das Kennenlernen ihrer Funktionen nimmt viel Zeit in Anspruch, Zeit, die dann für die inhaltliche Arbeit fehlt. Dieses Problem nenne ich das tool-content-dilemma. Die Beschäftigung mit Werkzeugen kann so dominant werden, dass sie am Ende kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck sind. Als jemand, der in den letzten Wochen digitale Lehre für das Sommersemester vorbereitet hat, weiß ich, wovon ich rede. Freilich können gute Werkzeuge, einmal gefunden, Umwege ersparen und die anfängliche Zeitinvestition wieder wettmachen.

Tool

5. Werkzeuge und Wissensformen

Wie auch bei anderen Waren umfasst Verbraucherkompetenz drei Wissensformen: Wissen-was (die eigentliche Warenkunde, z.B. Wissen über Wein), Wissen-wo (die Kenntnis von Instanzen der Produktbeurteilung wie Warentests oder Zertifizierungen) und Wissen-wie, nämlich die Fähigkeit, Bewertungen ihrerseits zu bewerten.

Auch die Beurteilung digitaler Tools erfordert ein Wissen zweiter Ordnung, das in der Lage ist, die Selbstdarstellung von Werkzeuganbietern und die Beurteilung von Tools durch Dritte kritisch zu bewerten. Das ist im digitalen Raum besonders schwierig, weil die Beurteilung von Code nur Experten möglich ist. Wem kann man Vertrauen schenken? Welche Anhaltspunkte helfen bei der Wahl der Werkzeuge weiter?

Einen guten Start in der aktuellen Situation bietet beispielsweise die Frage, welche work-from-home tools eine so verschwiegene Firma wie Apple nutzt. Der Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg kennt die Antwort:

„Apple requires employees to communicate via its own FaceTime service, Slack Technologies Inc.’s app and Cisco Systems Inc.’s Jabber or WebEx in order to maintain secrecy. For file sharing, Apple limits working to its suite of productivity apps, Salesforce.com Inc.’s Quip and Box.“

6. Der Preis des Kostenlosen

Zu den beklemmendsten Tatsachen der digitalen Welt zählt die Bereitschaft zahlreicher Menschen, ihr Grundrecht auf Privatsphäre für die Nutzung kostenloser Apps aufzugeben, deren Geschäftsmodell auf der maximal möglichen Extraktion persönlicher Daten beruht – und dies sogar dann, wenn gute Alternativen bereitstehen. Warum Chrome, wenn es Firefox gibt? Warum WhatsApp, wenn Signal zum Download bereitsteht?

Was im analogen Bereich für eine Vielzahl an Menschen inakzeptabel wäre, wird im digitalen Raum ohne Umschweife („I have read and agree to the Terms“) akzeptiert. Ein charmanter Werbespot veranschaulicht die Diskrepanz:

https://youtu.be/A_6uV9A12ok

7. Weniger, aber besser

„Do less.
Do better.
Know why.“

Der Rat des Computerwissenschaftlers Cal Newport gilt auch für die Wahl digitaler Werkzeuge. Brian X. Chen, lead consumer technology writer der New York Times, hat sich ebenfalls über die richtigen Tools während der Coronakrise Gedanken gemacht. Seine Schlussfolgerung:

„Because these are the tools that make us productive, we should invest in high-quality devices.“

Was für Hardware gilt, gilt auch für Software. Der Autor und Designer Paul Jarvis, Anbieter einer datenschutzfreundlichen Alternative zu Google Analytics, schätzt die Situation folgendermaßen ein:

„While in the past there’s been a data-free-for-all with big software companies, there’s also a growing trend towards charging fair prices for software, so data doesn’t have to be sold for a company to be profitable.“

Wer gute Werkzeuge ohne unerwünschte Begleiterscheinungen (wie die Missachtung des Grundrechts auf Privatheit) will, sollte dafür zahlen oder not-for-profit Organisationen unterstützen, die solche Software herstellen: einer der nicht allzu vielen Punkte, an dem Einzelne einen Unterschied machen können.

Die Grenzen des Menschenmöglichen

Die Corona-Krise erinnert die moderne Welt an die Grenzen der Verfügbarkeit. Sie ist, wie der Soziologe Hartmut Rosa es formuliert, „ein Musterbeispiel für die Rückkehr des Unverfügbaren als Monster“. Zu ihrer Bewältigung kommen medizinische Forschung, politische Macht und digitale Werkzeuge zum Einsatz, um die beängstigende Situation unter Kontrolle zu kriegen. Die Botschaft ist eine der Machbarkeit – und plötzlich ist mehr machbar, als vor der Krise behauptet. Zugleich zeigen sich Grenzen des In-den-Griff-Bekommens, sei es, weil Maßnahmen nicht sinnvoll sind, sei es, weil Menschen trotz allem fragile und endliche Wesen bleiben.

Der Technologiekritiker Evgeny Morozov bezeichnet die Ideologie, sämtliche Weltprobleme könnten technokratisch, also mit den richtigen Tools gelöst werden, als „Solutionismus“:

„In its simplest form, it holds that because there is no alternative (or time or funding), the best we can do is to apply digital plasters to the damage. Solutionists deploy technology to avoid politics“

Doch der Solutionismus übersieht die Notwendigkeit allgemeiner Infrastrukturen, die Fruchtbarkeit kontroverser Debatten sowie die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Menschen.

Vergangene Woche setzte die Aktionsplattform Global Citizen digitale Tools ein, um Menschen in der Krise zusammenzubringen. Sie veranstaltete das Live-Streaming Event One World: Together At Home, das der Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation und der Ermutigung all jener diente, die an vorderster Front gegen das Coronavirus im Einsatz sind.

Der wohl beste Beitrag diente nicht nur dem Zusammenhalt und der Unterhaltung, sondern thematisierte auch den Umgang mit der Unbeherrschbarkeit: Taylor Swifts Song Soon You’ll Get Better, geschrieben anlässlich der Krebserkrankung ihrer Mutter. In berührender Weise frei von Naivität, erinnert das Lied an die Grenzen des Menschenmöglichen:

„This won’t go back to normal, if it ever was
It’s been years of hoping, and I keep saying it because
‚Cause I have to“

Abbildungen: © Laura Reen & Just Press Record

23. April 2020