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Der Blog von Dirk Hohnsträter



Unkorrekter Konsum. Über Verbrauch ohne Rechenschaft

Nicht bio, nicht fair und ungesund obendrein. Wie lässt sich erklären, dass unkorrekter Konsum für Menschen, die anders handeln könnten, mehr ist als nur eine Verlegenheit oder ein Aussetzer? Zwei Beispiele und eine kleine Theorie.

Pizza 1,30 Euro

Wenige Meter von einem der über 100 Biosupermärkte Berlins entfernt, in der Uhlandstraße 29, befindet sich die Pizzeria Piccola Taormina. Seit über 40 Jahren wird dieses Lokal von der sizilianischen Familie Raccuglia betrieben, täglich von 11 bis 1 Uhr morgens, am Wochenende bis 2 Uhr morgens. Eine Leuchtreklame, die man eher in Londons Little Italy als in Ku’dammnähe vermuten würde, wirbt für ein Stück Pizza zum Preis von 1,30 Euro.

Unkorrekter Konsum

Das Pizzastück schmeckt kräftig, liegt schwer im Magen und verursacht endlosen Durst. Die Fußnoten der an Positionen nicht armen Speisekarte weisen 17 Zusatzstoffe und 11 allergieauslösende Zutaten aus; Alibigerichte für Gesundheits- und Umweltbewußte werden nicht angeboten. Beim Betreten des Lokals fällt ein großer Fernseher in der Ecke auf, der in der Regel der Sportsendungen überträgt; vielleicht ist es auch Berlusconifernsehen. Der Eingangsbereich ist eng; man gibt die Bestellungen am Tresen auf und bezahlt sofort. Ist das Essen nach wenigen Minuten zubereitet, ertönen im Labyrinth der hinteren Gasträume kaum verständliche Durchsagen aus einer blechern klingenden Sprechanlage.

Alles in diesem Lokal widerspricht korrektem Konsum: Zutaten, von denen man nicht erfährt, wo sie herkommen, aber klar ist, dass sie voller fragwürdiger Zusätze stecken. Speisen, bei denen man nicht wissen möchte, wie es den Tieren erging, die nun zu Wurst geschreddert im gummiartigen Käse schwimmen. Ein überwürztes Gesamtaroma anstelle eines austarierten Geschmacksbildes sowie die rasche Abfertigung statt eines langsamen, bewußten Genießens.

Doch der Laden brummt, und die Gäste machen nicht den Eindruck, als könnten sie sich keinen besseren Mittagstisch leisten. Manchen Stammgast wird man nach Feierabend im Bioladen wiedersehen; der ein oder andere mag gelegentlich sogar die Spitzengastronomie aufsuchen.

Warum ist dieser Ort so beliebt? Weil er unkompliziert ist und frei von Prätention. Die Pizzeria Piccola Taormina ist ein eingelebtes Lokal mit ungezwungener Atmosphäre und frei von Herablassung. Eine Gastronomie, die niemanden erziehen will. Wie erleichternd in einer Konsumkultur, die jede Kleinigkeit kuratiert!

Weinbrandmarzipan, Champagnercreme und Nougat

Die 1915 gegründete Berliner Confiserie Walter, neben Erich Hamann, Rausch und Sawade eine der traditionsreichen Berliner Pralinienhersteller, unterhält drei Filialen in der deutschen Hauptstadt. Sie strahlen einen reizvoll antiquierten Charme aus. Zu Ostern bietet die Firma ein sogenanntes Pasteten-Ei an, unter dessen verzierter Vollmilchkuvertüre sich Schichten von Weinbrandmarzipan, Champagnercreme und Nougat befinden.

Unkorrekter Konsum

Die genaue Zusammensetzung bleibt das Geheimnis der Firma, und für diesen Artikel ist sie ebenso zweitrangig wie für die Käufer der Leckerei: an Zucker, Sahnepulver und Glukosesirup mangelt es dem Pralinen-Ei nicht. Alles andere als gesund, ist das unkorrekte Konsumprodukt bereits kurz vor Ostern beinahe ausverkauft. Warum? Das unverschämt köstliche Pasteten-Ei kann als Inbegriff großzügigen, ja gargantuesken Schlemmens gelten, eines Genusses, der sich nicht entschuldigt und die Maßlosigkeit feiert.

Unkorrekter Konsum: Eine kleine Theorie

Pizza und Pastete sind Paradebeispiele unkorrekten Konsums. Darunter sei ein Konsum verstanden, der in der ein oder anderen Weise dem Verbraucher selbst bzw. seiner sozialen sowie ökologischen Umwelt schadet, obwohl Alternativen dazu erschwinglich sind und der Konsument sich über die Schädlichkeit seines Verhaltens im Klaren ist. Unkorrekter Konsum ist ein Konsum, der nicht nur trotz, sondern wegen seiner moralischen Fragwürdigkeit erfolgt.

1933 erschien der Aufsatz Der Begriff der Verausgabung von Georges Bataille. Darin beschäftigt sich der französischen Philosoph mit dem „unproduktiven“, den Minimalverbrauch überschreitenden Konsum. Bataille interessiert die Lust an Überfluss und Exzess:

„Jedenfalls hat das, was es [das menschliche Leben] an Ordnung und Zügelung zuläßt, nur von dem Moment an einen Sinn, wo die geordneten und gezügelten Kräfte sich befreien und für Zwecke verlieren, die keiner Rechenschaft mehr unterworfen sind.“

In einer Argumentationslinie mit Bataille hat Wolfgang Ullrich (in: Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung, Berlin 2013, S. 141-149) darauf aufmerksam gemacht, dass der korrekte Konsum der Mittelschichten Gegenreaktionen hervorruft, die dem moralischen Druck des „Gewissenswohlstands“ ein selbstbewußt unsensibles, keine Rücksichten nehmendes Konsumverhalten entgegensetzen – bei weniger saturierten Menschen und bei den sozialökologisch korrekten Konsumbürgern selbst.

Wer für ethischen Konsum eintritt, muss nicht nur mit Gegenimpulsen rechnen, sondern deren kulturellen Kern begreifen. Unkorrekter Konsum bleibt unverstanden, wenn er lediglich als Mangel an Bewusstsein aufgefasst wird. Im Verbrauch ohne Rechenschaft steckt die Lust an einer Verausgabung, die zur anthropologischen Ausstattung des Menschen gehört.