INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter

Drei Fragen an … Andreas Murkudis

AndreasMurkudisMit ruhiger Hand und sicherem Geschmack verkauft Andreas Murkudis in seinen Berliner Läden hochwertige, sorgfältig ausgewählte Dinge. 1961 als Kind griechischer Emigranten in Dresden geboren, kam er 1973 aus der DDR nach Westberlin. Lange Jahre arbeitete Murkudis als Geschäftsführer des Werkbundarchivs – Museum der Dinge, bis er sich – nach einem kurzem Testlauf in der Backfabrik in Prenzlauer Berg – 2003 als Einzelhändler selbstständig machte. In einem versteckten Hinterhof in der Münzstraße eröffnete er das erste Geschäft, und obwohl seine moderaten Ersparnisse den einzigen finanziellen Rückhalt bildeten, waren es zuletzt sechs Läden, in denen Murkudis Kleidung und Schuhe, Lederwaren und Schmuck, Kosmetik und Keramik, Möbel, Bücher, Obstbrände und Schokolade anbot.

AndreasMurkudisPotsdamer

2011 zog er aus Mitte in den Bezirk Tiergarten. Auf dem ehemaligen Tagesspiegel-Gelände eröffnete Murkudis auf 1000 qm Fläche ein einzigartiges Geschäft, das sogar der New York Times einen Bericht wert war. Bis zu 10m hohe Wände und beeindruckende Proportionen ermöglichen eine ebenso großzügige wie fokussierte Präsentation der Waren. 2014 erfolgte der nächste Schritt: Im wiedereröffneten Bikinihaus am Berliner Zoo präsentiert Murkudis eine Auswahl seiner Produkte, aber auch ein preisgünstigeres Sortiment, das sich unter dem Namen AM+ an ein jüngeres Publikum wendet. Obwohl er mittlerweile etwa 150 Marken anbietet, hat sich an der Grundidee des Geschäftes nichts geändert: ein umfassendes, von der Persönlichkeit des Inhabers gefärbtes Qualitätskonzept liegt der Auswahl zugrunde. Kein Wunder, dass zahlreiche Hersteller, darunter so renommierte Firmen wie Dries van Noten, Ludwig Reiter oder e15, mit Andreas Murkudis exklusive Editionen entwickelt haben und die Mehrzahl seiner Kunden Stammkunden sind. Für INVENTUR nahm sich Andreas Murkudis Zeit, um über seine Vorstellung von Qualität Auskunft zu geben.

Was verstehen Sie unter Qualität?

„Qualität entsteht für mich, wenn ein Objekt als Ganzes gedacht wird: das Material, die Herstellungsumstände, handwerkliche Qualität, ein besonderes Design – alle Merkmale müssen zusammenkommen. Ich ziehe beispielsweise Marken vor, die sich Designer und Schnittmeister leisten anstatt andere zu kopieren und vordergründigen Luxus anzubieten. Wichtig ist mir auch, dass ein Objekt den Aspekt der Langlebigkeit mit sich trägt. Das ist übrigens nicht primär eine Frage des Preises. Ich lege Wert darauf, dass wir immer auch Dinge haben, die man für wenig Geld kaufen kann. Im AM+ gibt es beispielsweise viele Dinge zwischen 2 und 50 Euro. Und wenn wir Teures anbieten, dann sollte der Preis auch durch Haltbarkeit, Herkunft und Qualität gerechtfertigt sein. In Deutschland fehlt es leider in vielen Bereichen an der Bereitschaft, für Hochwertiges einen angemessenen Preis zu zahlen. Aber wie soll ein Tischler auf seinen Stundenlohn kommen, wenn Ikea den Maßstab bildet? Ich finde, Warenkunde sollte ein Teil der Schulbildung werden.“ 

Wie setzen Sie diese Vorstellung in Ihrer Arbeit um?

„Bevor ich eine Marke ins Programm aufnehme, recherchiere ich viel, informiere mich bei Kollegen, rede mit den Firmen. Die Umstände müssen stimmen, und die Personen, die dahinter stehen, müssen mir auch sympathisch sein. Aber wenn ich mich einmal für eine Firma entschieden habe, dann bleibe ich den Marken lange treu, mit denen ich arbeite. Einen raschen Wechsel des Angebots wie er sich bei Läden wie Colette oder Dover Street Market findet, gibt es bei mir nicht. Der Aspekt der Mode steht nicht im Vordergrund, mein Sortiment ist manchmal fast schon altbacken. Nymphenburg Porzellan, Lobmeyr Glas oder der klassische Hemdenhersteller Truzzi sind dafür gute Beispiele. Mit manchen Marken, die sehr traditionell sind, entwickeln wir gemeinsam Konzepte. Johnstons aus Schottland zum Beispiel macht erstklassigen Cashmere, aber die Schnitte sind nicht sehr zeitgemäß. Da haben wir dann in Zusammenarbeit mit meinem Bruder Kostas schmalere, modernere Schnitte entwickelt.
Gut ein Drittel der Sachen wird am Ende einer Saison auch gar nicht runtergepreist. Warum sollten etwa die Westen von Aspesi, Margielas Strickjacken, Taschen von Céline oder Kleidung von Yamamoto reduziert werden? In der nächsten Saison tauchen sie ja größtenteils unverändert wieder auf.
Mir ist es wichtig, Kollektionen in ihrer ganzen Aussage, ihrer Idee zu zeigen. Das ist nicht leicht, wenn man bedenkt, dass etwa eine Kollektion von Dries van Noten aus fast tausend Teilen besteht. Wir kaufen deshalb recht viel von einer Kollektion ein und haben hier in der Potsdamer Straße die Möglichkeit, den Objekten genügend Raum zu geben, damit sie wirken können.
Die Herkunft der Waren spielt eine große Rolle, und viele unserer Hersteller produzieren am Firmensitz nach handwerklichen Grundsätzen. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit den Firmen wissen wir, wo sie produzieren. Aber es reicht auch nicht, alles aus Deutschland oder Italien sei automatisch als hochwertig anzusehen und Sachen aus China pauschal abzulehnen. Ich lerne da viel von meinem Bruder. Zum Beispiel gibt es in China spezielle Maschinen für sehr dünne Cashmere-Seiden-Gemische, die man in Schottland nicht hat. Auch Daunenjacken aus Nylon werden in China oftmals auf hohem Niveau gefertigt.
Schließlich lege ich wert darauf, dass die Dinge erklärt werden, auch ihre Preise. Was hat es für eine Bewandtnis damit? Wer sind die Designer? Wo kommen die Sachen her? Welche Geschichten haben sie? Bei uns im AM+ gibt es gerade jeden Tag Schulungen für die neuen Mitarbeiter. Langjährige Mitarbeiter waren teilweise auch schon in den Manufakturen und haben sich dort die Herstellung angeschaut. Im Gegensatz zu anderen Geschäften bezahle ich meine Mitarbeiter übrigens gut und nicht nach einem Provisionsmodell, damit sie nicht gezwungen sind, den Kunden irgendetwas anzudrehen, nur um auf einen ordentlichen Lohn zu kommen.“ 

An welchem Beispiel wird Ihr Qualitätsideal besonders anschaulich?

„Isaac Reina, der Lederwarendesigner aus Paris, ist ein gutes Beispiel. Er arbeitet in jeder Hinsicht auf dem höchsten Qualitätslevel. Sein Leder stammt von denselben Gerbereien wie das von Hermès, wo er zuvor ja auch gearbeitet hat. Er produziert in Paris, arbeitet auf kleinstem Raum und macht Sachen, die keiner, der kommerziell denkt, machen würde, die eigentlich gar nicht gehen. Er will einfach gucken, was mit Leder geht. Isaac hat viele Angebote ausgeschlagen, für große Konzerne zu arbeiten. Aber solche Marken tun oft nur so, als böten sie luxuriöse Qualität an, stecken das meiste Geld aber in Werbeseiten und Prunkpaläste, die der Kunde natürlich mitzahlt. Isaac hingegen steckt das ganze Geld in die Produkte, seine Margen sind schmal, weshalb er seine Sachen zu guten Preisen anbieten kann. Er will einfach das, was ihn antreibt, tatsächlich realisieren und unabhängig bleiben. Solchen Leuten wie ihm möchte ich eine Plattform und – soweit ich das kann – eine Existenzmöglichkeit bieten. Deshalb zeige ich die ganze Vielfalt seiner Produkte. Das, was er macht, möchte ich wirklich unter die Leute bringen, da habe ich einen geradezu missionarischen Eifer. Ich will, dass das mehr Leute sehen und zu schätzen wissen. Der Konsument ist stark, wenn er stark sein will.“ 

Fotos: © Andreas Murkudis