INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Wie bürgerlich sind Hermès-Tücher? Eine Carré-Kunde

Was, wenn nicht ein Hermès-Tuch, darf als als Inbegriff gutgestellter Gediegenheit gelten? 1837 als Sattel- und Zaumzeuggeschäft gegründet, führt das in sechster Generation in Familienhand befindliche Pariser Traditionshaus seit 1937 Seidentücher im Sortiment. Sie sind das perfekte Accessoire – und ein Profitgarant: Mit Seidentüchern gibt es keine Größenprobleme wie beim Pràªt-à -porter, gleichwohl wirken sie schützend, schmeichelnd und schmückend wie Kleidungsstücke. Seidentücher liegen eher in der prinzipiell erschwinglichen Preisklasse teurer Parfüms, doch kommt ihnen eine ähnliche Dauerhaftigkeit zu wie den viel teureren Ledertaschen des Hauses. Kompositionen und Farben können unendlich variiert werden – es gibt also immer wieder einen Grund, nach Neuheiten Ausschau zu halten. Kein Wunder, dass die Maison ihren Tüchern eine eigene Website widmet.

Hermès Paris Tuch Carré

2009, als Nadine Colenos Monografie Le Carré Hermès erschien, gab es bereits über 2000 exklusive Designs; in jeder Saison werden 15 neue Motive und 15 Re-Editionen aufgelegt. Der Vorlauf eines neuen Tuchs beträgt zwei Jahre, und wer in Colenos Monografie blättert, wird Zeuge einer verspielten Phantasie, deren Leichtigkeit ansteckt. Längst haben sich zu den klassisch-equestrischen Motiven andere Selbstreferenzen gesellt: mit Bildern spezieller Werkzeuge aus den Manufakturen des Hauses und den markanten orangefabenen Schachteln spielt man ebenso souverän wie mit dem H-Logo. Anders als das Vorurteil vermuten läßt, modernisiert Hermès die Motivpalette: sogar die Welt des Computers dient als Anregung. Vorzügliche Grafikgestalter wie Dimitri Rybaltchenko oder Gianpaolo Pagni sorgen für zeitgemäße Designs, und Bali Barret, die diese Sparte des Hauses übersieht, hat den üblichen Zaumzeugmustern von Anfang an hochmoderne Entwürfe hinzugefügt.

Motivische Erneuerung

Zur motivischen Erneuerung treten Künstlereditionen, etwa eine Hommage an Josef Albers oder ein Carré von Hiroshi Sugimoto, sowie intellektuelle Referenzen, wie sie sich etwa in Philippe Apeloigs Hommage an Roland Barthes niederschlagen. Wer sich aktuelle Kampagnen anschaut, dem können die Linksuferreminiszenzen kaum entgehen. Da sieht man Corduroyträger mit pflaumenfarbenem Halstuch aus hochwertiger Knitterseide durch den Regen des Quartier Latin flanieren. Die Ikonografie einer rebellischen Jugend aus gutem Hause gehört längst zum Repertoire.

Hermès-Tücher: bürgerlich?

Doch die Frage, ob die Carrés Hermès als bürgerlich (und sei es in linkem Geiste) zu bezeichnen sind, ist keine der begleitenden Kampagnen und aufgedruckten Motive. Letztere erkennt man im gebundenen Zustand ohnehin kaum, weshalb es seit jeher ein guter Rat war, Hermès-Tücher nicht nach dem ausgefalteten Eindruck auszuwählen, sondern danach, wie sie am Hals aussehen. Der kühlende, raschelnde Stoff kommt erst „geknotet, gespannt, gedreht, gefaltet, plissiert, gerollt oder zusammengedrückt“ (Coleno) zu sich selbst. Deshalb legt das Haus so viel Wert darauf, immer neue Knoten vorzuschlagen. Die Faltung ist gleichsam eine innewohnende Dekonstruktion, die zwar durch Ringe gezähmt werden kann, aber die individuelle Anverwandlung unvermeidbar macht. Wie bürgerlich ein Hermès-Tuch ist, hängt nicht davon ab, was es kostet oder wie es aussieht, sondern davon, wie es getragen wird.

Lesen Sie auch die Artikel über Hermès-Ladeneinrichtung, Hermès-Düfte und das Hermès-Tuch zu Ehren von Roland Barthes.

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