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Der Blog von Dirk Hohnsträter

Qualität beurteilen (2): Steffen Mau über Quantifizierung

Der Berliner Soziologe Steffen Mau hat ein lesenswertes Buch über den Trend zur Quantifizierung des Lebens geschrieben. Immer mehr Gesellschaftsbereiche werden durch Zahlen, Daten und Algorithmen beschrieben, bewertet und beeinflusst. Hilft Maus Diagnose auch zu beurteilen, wodurch sich Qualität und ein gutes Leben auszeichnen?

Mau Quantifizierung

Quantifizierung I: Vermessung und Verdatung

In seinem Buch Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen beschreibt Steffen Mau, wie das Zusammenspiel von „bereitwilliger Datenfreigabe, kommerzieller Nachfrage und technologischem Fortschritt“ dazu führt, dass zahlenförmige Informationen zunehmen und Vorrang gegenüber qualitativen Urteilen bekommen. Im Sog der Screenings und Scorings, Ratings und Rankings, Zufriedenheitsfeedbacks und Selbstvermessungen werden „Konsumgewohnheiten, finanzielle Transaktionen, Mobilitätsprofile, Freundschaftsnetzwerke, Gesundheitszustände, Bildungsaktivitäten, Arbeitsergebnisse“ aufgezeichnet und zu einem „digitalen Schatten“ verknüpft, der selbst privateste Gewohnheiten und Gemütslagen nicht ausspart.

Vermessung und Verdatung

Diese Entwicklung – „über Preisanreize stimuliert, über Gamifizierung in den Alltag eingebracht und über die allgemeine Mitmachbereitschaft immer weiter verbreitet“ – betrifft zunehmend auch diejenigen, die sich ihr verweigern, da sie in den Verdacht geraten, etwas zu verbergen und von den Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden.

Quantifizierung II: Vergleich und Bewertung

Die Gesellschaft der Quantifizierung, sagt Mau, ist zugleich eine „Bewertungsgesellschaft“, weil quantitative Daten auch ohne speziellen Sachverstand, die Kenntnis konkreter Umstände oder Einzelfälle zu Vergleich und Bewertung einladen: „In der Bewertungsgesellschaft ergeben sich nicht nur mehr Gelegenheiten des Bewertens, es entsteht gleichsam ein Bewertungsimperativ.“

Vergleich und Bewertung

Damit nicht genug: Das permanente Vergleichen erweitere den Wettbewerbsgedanken auf bislang marktferne Bereiche wie beispielsweise Kultur und Bildung:

„Indem sie qualitative Unterschiede in quantitative Ungleichheiten verwandeln und bislang Unvergleichbares und Disparates einem einheitlichen Bewertungsschema unterwerfen, schaffen Vergleiche zudem die Basis für die zunehmende Verwettbewerblichung und Vermarktlichung des Sozialen.“

Gerade die wachsende Statusunsicherheit von Mittelschichtsangehörigen forciere die Neigung, sich ständig mit anderen zu vergleichen und selbst zu optimieren: „die Verbesserungen der anderen setzen einen unweigerlich unter Zugzwang“ mehr zu leisten, um im Vergleich besser abzuschneiden:

„Betrachtet man den makrostrukturellen Wandel samt seiner Flexibilisierungszumutungen, der Liberalisierung von Märkten und den Rückbau staatlicher Statusgarantien, so entsteht daraus nicht unbedingt Statuspanik, aber doch häufig Statusstress (…) Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie sich immer mehr anstrengen müssen, um ihren Status zu verteidigen.“

Als psychologische Folge dieser Entwicklung nennt Mau eine erhöhte Gefahr der Erschöpfung und des Burn-out sowie das Gefühl dauerhafter Anspannung und permanenten Nichtgenügens:

„Die Krux besteht darin, dass es in diesem Steigerungsspiel kein Plateau der Sättigung mehr gibt, von dem aus man in Ruhe auf das Erreichte zurückblicken könnte, dass wir uns also immer schwerer tun, eine Leistung, ein Wohlstandsniveau oder eine Form der Attraktivität in ihrem Eigenwert zu schätzen.“

Quantifizierung III: Formierung, Chancenzuweisung und Wahrnehmbarkeit

Maus Analyse greift jedoch noch tiefer, denn er stellt drei elementare Konsequenzen der Quantifizierung heraus: das Antrainieren einer bestimmten Weltsicht, die zahlenabhängige Zuweisung von Lebenschancen und das Verschwinden abweichender Positionen aus der Wahrnehmung.

Formierung, Chancenzuweisung und Wahrnehmbarkeit

Einübung von Weltzugängen

Zwar gelten Zahlen und Algorithmen als neutral, doch gehen in ihre Programmierung Annahmen darüber ein, was als relevant, wertvoll und erstrebenswert angesehen wird. Diese Annahmen bleiben für die Nutzer etwa einer Gesundheitsapp zumeist intransparent, werden durch die Nutzung der App jedoch ohne weiteres Hinterfragen bestätigt:

„Die sehr einfache technische Handhabung, das modisch-ästhetisierende Erscheinungsbild vieler Produkte sowie die Visualisierung von Daten tragen dazu bei, dass die medizinischen Gesichtspunkte – also der Assoziationskontext von Krankheit – in den Hintergrund treten und von Aspekten wie Fitness, Wohlbefinden, Sportlichkeit und Attraktivität überlagert werden. Im Vordergrund steht nun ein positives, auf Kraft, Energie und Gesundheit ausgerichtetes Körperbild, nicht länger eines der Defizite und Gebrechen.“

Beispielsweise fühlen sich Nutzer von Trackinganwendungen oftmals schlechter als vor deren Gebrauch, weil die gewonnenen Daten und die darin verborgenen Maßstäbe nicht zu ihrer aktuellen Lebenslage passen oder dem eigenen Körpergefühl widersprechen. Hinzu kommen durch akustische und taktile Signale transportierte „Interventionen, deren Aufgabe es ist, den Lebenswandel permanent zu korrigieren und in den Korridor des Erwünschten zu bringen“. Auf diese Weise dienen vermeintlich neutrale Anwendungen der Einübung von „Wahrnehmungs-, Denk- und Beurteilungsschemata (…) die sich zunehmend an Daten und Indikatoriken ausrichten“.

Status- und Chancenzuweisung

Wer Zugang zu Daten hat und mitbestimmt, wie sie ausgewertet werden, sitzt am längeren Hebel. Einmal gewonnene Daten können „in immer neuen Zusammenhängen bedeutsam werden“ und die errechneten Werte übernehmen „zunehmend gesellschaftliche Platzanweiserfunktion (…): Sie bestimmen unsere Position in der Welt, unsere Lebenschancen, unsere Handlungsmöglichkeiten, die Art, wie wir behandelt werden“. Daten stellen die Weichen bei der Verteilung von Status, Rang und Macht. Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt, und wer die falschen Werte hat (oder auch nur die falschen Freunde auf Facebook), bekommt möglicherweise gar keine Chance mehr, sich zu korrigieren, weiterzuentwickeln, das Gegenteil zu beweisen oder sich neu zu erfinden. Das Pendel kann in beide Richtungen ausschlagen:

„Reputationsvorsprünge können erhebliche Gratifikationserträge bringen, genauso wie ein Mangel an guten Kennziffern zu systematischen Benachteiligungen und Abstiegspiralen führen kann.“

Alternativen im Abseits

Warum machen die Menschen mit? Mau nennt eine Mischung „aus Mitteilungsbedürfnis, Unachtsamkeit und schließlich dem Interesse an den neuen Möglichkeiten des Konsums, der Information und der Kommunikation“:

„Da die Verweigerung der Preisgabe eigener Daten oft zur Folge hat, dass man von bestimmten Möglichkeiten des Konsums oder anderweitigen Angeboten ausgeschlossen wird, sind die Opportunitätskosten für den Datenvorbehalt mitunter recht hoch, während mögliche Nachteile eher diffus, wenn nicht gar unsichtbar bleiben.“

Und er betont, dass es immer schwieriger wird, sich der Quantifizierung zu entziehen, ohne für das Entkommen Nachteile in Kauf zu nehmen:

„Gewiss, es gibt nach wie vor Möglichkeiten, in der digitalen Welt Außen- oder zumindest Randseiter zu bleiben und Datenspuren zu vermeiden, allerdings um den Preis der Selbstexklusion aus relevanten Kontexten der Kommunikation und Vernetzung“

Man muss sich die qualitative Nischenexistenz leisten können – sozial und finanziell. Will man hingegen Teil der Gesellschaft bleiben oder gar kritisch in sie intervenieren, gelingt dies nur, „indem man sich auf ihre numerische Semantik einlässt“. Mau nennt das Beispiel von Lebensqualitätsindizes, die sich gegen das Bruttoinlandsprodukt nur schwer durchsetzen, da sie sich bislang mittels quantitativer Kenngrößen nicht überzeugend ausdrücken lassen:

„Um Gehör zu finden – ob in den Medien, beim politischen Gegner oder im eigenen Lager -, ist die Sprache der Zahlen unerlässlich. Mehr und mehr Protestbewegungen armieren sich deshalb mit Datenexpertise, um überhaupt sprachfähig zu werden.“

Damit steht qualitativ ausgerichtete Kritik vor dem Dilemma, entweder hilflos daherzukommen oder den Primat der Zahl bereits anzuerkennen…

Kritik des Quantifizierungskultes

Mau bestreitet nicht, dass Zahlen und Daten sinnvoll zum Weltverständnis beitragen und emanzipatorischen Zielen dienen können, etwa wenn sie gegen „anekdotische Evidenz und postfaktisches Meinungs-Wirrwarr“ angeführt werden. Allerdings wendet er sich gegen den „Kult des Allesmessens“ und führt neben den schon genannten eine Reihe weiterer Einwände an:

  • Kennziffern und Zahlen versprechen Überprüfbarkeit und universelle Anschlussfähigkeit, führen aber auch zu einer einseitigen Bevorzugung numerisch ausdrückbarer Kriterien. Das kann professionelle Standards, Sachkenntnis, implizites Wissen und ethische Standards verdrängen und Vielfalt, Schattierungen und „Unschärfen verschwinden lassen, die eigentlich Berücksichtigung finden sollten“,
  • Feedbackroutinen und Bewertungen provozieren ein „antizipierendes Vermeidungsverhalten“, um Negativbewertungen zuvorzukommen; gerade im Dienstleistungsbereich genüge oft das bloße Wissen, kontrolliert werden zu können, um Stress auszulösen und den Verlust der Freiheit in Kauf zu nehmen, unabhängig von Verhaltenserwartungen zu handeln,
  • die Ausrichtung am Quantitativen kann falsche Anreize setzen und unerwünschte Nebeneffekte begünstigen, etwa indem Zitationsindizes in der Wissenschaft nur das Zitiertwerden von Aufsätzen belohnen, nicht aber das tatsächliche Gelesenwerden der Texte, eine inhaltliche Auseinandersetzung oder eine zustimmende Bewertung der zitierten Artikel,
  • die „Ausdehnung des Monitorings und der Berichterstattungspflichten“ führt zu einem bürokratischen Mehraufwand, der nicht nur ermüdet und ‚kreative Buchführung‘ begünstigt, sondern auch einen Verlust an Ressourcen mit sich bringt, so dass beispielsweise für das „Beraten, das Sich-Kümmern und das Ansprechbar-Sein“ keine Zeit mehr bleibt.

Qualität als Eigenwert

Es ist nicht das Ziel von Maus Zeitdiagnose, eine positive Bestimmung von Qualität zu entwickeln. Als Kontrastwert der Quantifizierung ist sie freilich stets präsent. Aber wie kann ein qualitativ gehaltvolles Leben bestimmt werden, ohne blumig daherzukommen? Vereinzelt im Text auftauchende Stichworte wie Kontextualität und Interpretation bleiben sehr abstrakt. Bietet Mau mehr? Meines Erachtens sind es vier Elemente, die sich seinem Text entnehmen lassen:

  • Qualität läuft letztlich darauf hinaus, „Eigentümliches, Individuelles, Einzigartiges“ wertzuschätzen.
  • In räumlicher Perspektive bedeutet dies, die Situation vor Ort, die „besonderen Umstände, die Widrigkeiten des Zustandekommens eines bestimmten Resultats, kulturelle Unterschiede oder lokale Reputationshierarchien“ zu berücksichtigen und anzuerkennen.
  • In zeitlicher Hinsicht räumt Qualität dem Zufall Platz ein, gibt Gelegenheit für Unvorhersehbares, Überraschendes und produktive Irritationen. Sie durchbricht die Filterblasen sozialer Medien und errechneter Empfehlungen und lässt sich auf eine offene Zukunft ein. Am Beispiel des Buchens von Urlaubsquartieren bemerkt Mau: „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Ratingnoten und die teilweise sehr genauen Vorabbeschreibungen von Gastgebern und ihren Charaktereigenschaften genau jene Spontaneität und jene Sprünge ins Ungewisse verhindern, welche das Reise so anregend machen können.“
  • Schließlich hat Qualität einen Sinn für besondere Lebenssituationen und Einzelfälle, der verloren geht, wo „das quantifizierende Bewerten – Daumen hoch oder Daumen runter, Noten oder Ratingpunkte vergeben und Ranglisten erstellen“ – Genauigkeit und Ausdrucksfähigkeit ersetzen. Qualität hingegen lässt sich auf die feinsten Unterschiede ein und kann „Eindrücke schildern, abwägen oder einfach hinnehmen“.

Jeweils am letzten Donnerstag im Monat werfe ich einen Blick auf Zeitschriften, Portale und Kritiker, die für ein bestimmtes Qualitätsverständnis stehen. An welchen Kriterien orientieren sich ihre Bewertungen? Und wie sind sie ihrerseits zu beurteilen? Folge 1 beschäftigte sich mit dem Lifestyle-Magazin Quality.

Icons: Manuella Langella