INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Form und Formeln. Der Designer Hedi Slimane

Was bleibt von Hedi Slimane, der dieser Tage als Kreativdirektor des Modehauses Yves Saint Laurent abtrat? Obwohl er in nur vier Jahren die Umsätze verdreifachte, löschte das Haus sogleich sämtliche Instagram-Einträge seiner Ära und machte die von ihm verantwortete Namensänderung in Saint Laurent Paris rückgängig. Eine Würdigung in vier Kapiteln.

That Man From Saint Laurent (1996-2000, 2012-2016)

Die Unbeirrbarkeit, mit der Hedi Slimane arbeitet, nervte den Konzern, irritierte die Journalisten und begeisterte die Kunden. Er schloss eine Kritikerin der New York Times vom Besuch seiner Shows aus, weil ihm nicht passte, was sie geschrieben hatte. Er brach die Geschäftsbeziehungen zur einflussreichen Pariser Boutique Colette ab (die einen nicht unerheblichen Anteil am Gesamtumsatz der Marke hat), weil der Laden T-Shirts mit einem parodistischen Aufdruck („Ain’t Laurent Without Yves“) verkauft hatte. Er behielt sich vor, die Kundinnen der Haute-Couture-Linie persönlich auszuwählen. Jede Äußerung des Hauses entstammte seiner Sensibilität: Atelier und Ladeneinrichtungen, Stoffe und Schnitte, Anzeigen (die er ausnahmslos selbst fotografierte) und Verpackungen, Drucksachen und Logo. Slimane ist einer der sehr wenigen Modedesigner mit wiedererkennbarer Handschrift. Wer bei ihm kauft, kauft Slimane – durch und durch. Welche Legitimation sollte überteuerte Designerkleidung außerhalb solcher Kenntlichkeit auch sonst haben?

Bei Hedi Slimane aber kam noch etwas hinzu: Die persönliche Kontinuität zum Gründer des Hauses und dessen Lebenspartner, Pierre Bergé. Dieser hatte Slimane 1996 ins Haus geholt, wo er bis 2000 blieb und seine Signatur entwickelte. That Man From Saint Laurent, titelte die New York Times damals und erkannte die Dimensionen: Slimane entwickelte – seltenes Ereignis in der Mode – eine neue, aufregende Silhouette. Nach dem Verkauf der Marke zog Slimane weiter zu Dior, wo Yves Saint Laurent als junger Mann seine Karriere begonnen hatte. Anstatt die Show des Hauses mit seinem Namen zu besuchen, saß Saint Laurent (welch Eklat!) bei Slimanes Dior-Debüt in der ersten Reihe, erhob sich und applaudierte.

Saint Laurent Paris

Bei aller Idiosynkrasie hatte Hedi Slimane stets Respekt vor der Geschichte des Hauses gezeigt, sei es in Formzitaten (bis hin zu Safarilook und Camouflagemuster), sei es in der einzigartigen Kombination aus jugendlicher Rebellion und bürgerlicher Eleganz. Dass er das Designstudio und sogar die Show während seiner zweiten Amtszeit von Paris nach LA verlegte (weil er nur dort die jugendliche Energie einer speziellen Musik- Film- und Internetszene verspürte) und aus dem Firmennamen das Yves strich (um ihn – wie zu Zeiten des Gründers, was seine Kritiker übersahen – der künftigen Couture-Linie vorzubehalten), verzieh man ihm im Konzern nicht. Doch irrte, wer eine Abkehr vom Geist des Hauses diagnostizierte. Slimanes letzter Auftritt war die erste Couture-Präsentation seit dem Rückzug des Gründers im Jahr 2002, in einem eigens dafür renovierten Hà´tel particulier in der Rue de l’Université 24. Sie kam ohne jede Musik aus, und am Ende umarmte der Designer Pierre Bergé, der neben Catherine Deneuve in der ersten Reihe saß. Als könne alles wie früher sein, zu Yves Lebzeiten. Doch in Wahrheit handelte es sich um ein zweites Finale. Kein noch so talentierter Nachfolger kann künftig die Kontinuität zum Gründerpaar verbürgen und den alten Glanz zurückholen.

Zu den schönsten Fotos, die Slimane während dieser Jahre gemacht hat, gehören diejenigen aus der ehemaligen Stadtwohnung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé in der Rue de Babylone 55. Der Blick vom Schreibtisch in den Garten, die steinernen Treppen, das brüchig gewordene Leder eines alten Stuhls. Die sonst so mapplethorpeske Kühle seiner Schwarzweissbilder bekommt eine melancholische Note, das überladene Appartement wirkt klösterlich karg, es ist ein schmerzlich-schöner Blick auf eine unwiederbringliche Welt.

Hedi Slimane bei Dior Homme (2000-2007)

Markierten die Anfänge bei Yves Saint Laurent die Geburt einer radikalen Linie und die letzten Jahre bei Saint Laurent Paris den aussichtslosen Versuch, das Traditionshaus wiederzubeleben, so markiert die Zeit bei Dior Slimanes lebendigste Zeit. Es war der Moment der Relevanz, als alles, was er tat, wirklich und gegenwärtig schien, eine Signatur der Zeit, nicht nur Vorübung oder Nachklang. Karl Lagerfeld hungerte sich schlank, um in Slimanes Anzüge zu passen. Der damalige Damen-Designer (wer war es noch gleich?) musste sich desavouiert fühlen, weil Frauen kleine Größen von Slimanes Männermode bestellten anstatt die Damenkollektion nachzufragen: Dior Homme pour femme. Slimane hatte ein Händchen für Schuhe und attraktive Accessoires, von entstaubten und plötzlich unerhört modern wirkenden Nassrasurutensilien über ultraschmale Hosenträger bis zu Schmuck mit Kapseln für welches Gift auch immer. Auf einmal wollten alle diesem dünnen, als Junge gehänselten Einzelgänger gleichen. Triumph.

Formen und Formeln

Slimanes Formensprache läuft auf ein einziges Element hinaus: die schmale Linie. Ob enge Anzugjacken, Zigarettenhosen oder ultradünne Krawatten, jeder Ärmel und jeder Abnäher (deren Meister er war) ist ein Echo dieser Ästhetik. Slimane verstand es, Basics und Abendgarderobe aus einem Gedanken zu entwickeln und dadurch für eine beispiellose Wiedererkennbarkeit zu sorgen. Man nahm ihm den mittelnachtsblauen, mit glitzender Pailetten übersäten Smoking (ein ikonisches Saint Laurent Stück) ebenso ab wie Gummistiefel für Open Air Festivals. Vielleicht reagierte er deswegen so gereizt auf Cathy Horyns modehistorischen Hinweis, sein Stil sei ohne Raf Simons mit seinen schmalen Schnitten und jugendkulturellen Einflüssen ebensowenig denkbar wie Simons ohne Helmut Lang. Biografisch stellt sich das vermutlich ganz anders dar.

Hedi Slimane Denim Selvage

Wie tief Slimanes gestalterische Haltung reicht, zeigt sich nicht nur an den Produkten, sondern auch an ihrer Benennung. Das Renaming der Marke von Yves Saint Laurent zu Saint Laurent Paris ist dafür gar nicht einmal das eindrücklichste Beispiel. So führte Slimane 2013 eine Permanent Collection ein, deren Stoffe eigens entwickelt wurden oder aber Rekonstruktionen historischer Materialien sind und die – anders als bei anderen Marken – tatsächlich unverändert blieb und nie zu reduzierten Preisen verkauft wurde. Kollektionen trugen keine Jahreszahlen, sondern wurden mit römischen Ziffern durchnummeriert; Größen hießen YSL M oder YSL L; die Produkte erhielten markante Kürzel (wie etwa SL/01 für den einfachsten Sneaker), den Eindruck erweckend, sie seien schon immer da gewesen. Unterlinien nannte er in makelloser Kohärenz Smoking, Skinny, Suede (für Wildleder) und Selvage (für Denim). Bereits bei Dior Homme (ein Name, der ebenfalls von Slimane eingeführt wurde) prägte er wie kleine Offenbarungen wirkende Formeln, die Stilunsicherheiten mit einem Schlag zu beseitigen vermögen. Eine ebenso simple wie lässig-elegante Linie brachte er mit der Formel Cashmere & Corduroy auf den Punkt. Braucht man mehr, um gut angezogen zu sein? Immerhin hatte sich auch Yves Saint Laurent nach Jahrzehnten der Farben- und Formenvielfalt mit dem Satz verabschiedet:

„Die Eleganz? Das ist ein schwarzer Rollkragenpullover, eine Hose und ein Regenmantel.“

Was bleibt?

Es ist wahr: Hedi Slimane konnte selbst Zweireiher, Dufflecoat oder Ellenbogenschoner cool aussehen lassen (Epauletten freilich konnte selbst er nicht retten), doch wirkten seine Designs während der zweiten Zeit bei Saint Laurent zunächst wie die erstarrte Variante einstmals fließender Formen. Die Schultern zu eng, die Ärmel zu kurz, die ohnehin schon schmächtigen Models eingezwängt statt zur schlanken Körperlichkeit befreit. Cathy Horyn beschrieb Slimanes Spätwerk als „a nice but frozen vision of a bohemian chick at the Chateau Marmont“. Sture Selbstzitate – ein Stil, der geradezu darauf wartet, durch einen anderen abgelöst zu werden. Es dauerte, bis das grober, steifer und insgesamt liebloser wirkende Grundvokabular an Farbe, Großzügigkeit und Eleganz gewann. Auf manchen Bildern schien dann etwas auf: Man sah Cara Delevingne im Blumenkleidchen verloren aufs Meer blicken und Kim Gordon im Smoking mit langem Seidenschal. Wären da doch mehr solcher Momente gewesen. Emotional. Verzaubernd.

Saint Laurent Hedi Slimane Seidenschal

In seinen besten Entwürfen konnte Slimane etwas Simplem wie einem Seidenschal eine unverwechselbare, lässige und dramatische Note verleihen, etwa indem er ihn aus einem 240 cm langen Stück plissiertem Cràªpe fertigen ließ und das sonst so betuliche Polka Dot Muster durch ein Lichter- und Sternenmeer winziger weißer Punkte auf schwarzem Grund ersetzte. Als Vintage-Objekte werden solche Teile nun zirkulieren wie die mit ihnen verknüpften Träume – und erinnern an den unbeirrbaren Mann mit den umrandeten Augen, der aus dem Nachthimmel und dem verheißungsvollen Leuchten großer Städte unwiderstehliche Accessoires machen konnte.

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