INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Textur und Vertrauheit. Der Designer Tomas Maier

Keine Plaudertasche wie Lagerfeld, kein Poser wie Joop und so penibel wie Jil Sander: Der deutsche Modedesigner Tomas Maier ist seit 15 Jahren Kreativdirektor von Bottega Veneta. Was zeichnet seine Arbeit aus?

Tomas Maier wurde 1957 in Pforzheim als Sohn eines Architekten geboren, studierte an der Chambre Syndicale de la Haute Couture in Paris, arbeitete freiberuflich unter anderem für Hermès und gründete 1997 in Miami Beach eine Marke für Strandkleidung. 2001 wurde er Kreativdirektor von Bottega Veneta, einem 1966 gegründeten, für seine Flechtlederkunst (intrecciato) bekanntem Unternehmen, das am Rande des Bankrotts stand und unter Maiers Leitung zu einem der einträglichsten Häuser im Luxusgütergeschäft aufstieg. Zudem hat Maier seine eigene Marke in Kooperation mit dem Kering-Konzern zu einer Kollektion hochwertiger, praktischer Basics erweitert. Für ihn selbst eine klare Arbeitsteilung:

„TM steht für das Notwendige, Bottega Veneta für das Außergewöhnliche.“

Preislich bedeutet dies, dass ein Polo-Shirt aus Baumwoll-Piqué bei Tomas Maier 150 Euro, bei Bottega Veneta 300 Euro kostet. Gefertigt werden Sie freilich beide von Kings Service SRL, einer 1986 gegründeten Textilproduktion in Montebello Vincentino.

Tomas Maier

Bemerkenswerter noch als Maiers Doppelkarriere und Bottega Venetas spektakuläre Erfolgszahlen ist es, dass der Designer beim branchenüblichen Spagat zwischen Expansion und Exklusivität, Quantität und Qualität keine Kompromisse einzugehen scheint. Am Produktionsstandort Italien und der handwerklichen Herstellungsweise hält er ebenso unbeirrbar fest wie am Verzicht auf ein exponiertes Markenlogo und an einer durchdachten, detailgenauen und nicht zuletzt funktionsbewussten Formgebung. Seine faltbaren Reiseblousons etwa sind nicht nur high-end, sondern auch lässig und brauchbar. Was aber macht die Magie seiner Entwürfe aus?

Tomas Maier und der Sinn für Textur

Sarah Mower beschrieb Maiers Mode als

„something for people who identified with the principles of the stark, fast minimalism of the nineties, but who now seek value in nuance, texture, and a human touch“

Maiers fügt dem Rationalen einen starken Sinn für Material, Faktur und Farbe hinzu. Er macht handwerkliche Verarbeitung sicht- und spürbar und rückt das Artisanale als ästhetisches Surplus in die Wahrnehmung. Das makellose Ineinander zweier Rochenlederpartien erscheint dabei als motivisches Element, mattierte Metallreißverschlüsse mit schweren, tropfenförmigen Enden weisen eine feine Flechtmusterguilloche auf, die ebenso griffig ist wie ein Echo des Markenkerns intrecciato. Alle Elemente – von texturierten Stoffen bis zu Karabinerhaken, Nähten, Nägeln und Ösen – sind zugleich solide, schmeichelnd und schön und erzeugen eine besondere Art des Begehrlichen.

Vertrautheit entwerfen

Wer die Unwiderstehlichkeit von Tomas Maiers besten Momenten begreifen will, muss freilich noch eine Ebene tiefer gehen. Denn sein wirkliches Ingenium liegt nicht bloß darin, den Trend zu einer zeitgemäßen Form des Handwerklichen auf der Ebene der Luxusgüterbranche erkannt und umgesetzt zu haben. Es liegt vielmehr in der Art, wie er den Kunden durch Kleidung und Accessoires eine Verbindung zur Welt vorschlägt, die auf Material- und Formberührungen basiert. Niemand in der Modebranche hat einen solchen Sinn für Farben wie Tomas Maier, seine Palette trägt Namen wie Gladiola, Maroon und Resina und führt gleichsam direkt in die Natur: Maiers Grün ist herbstliche Baumrinde, Maiers Blau ist das Meer, sein Schwarz regennasser Asphalt. Motivisch erinnern Schmetterlinge, Laub und Art-Deco-Elemente an europäische Landschaften und amerikanische Städte, das markentypische Flechtmuster ruft Eindrücke von Kopfsteinpflaster und bei Nacht beleuchteten Hochhausfenstern hervor. Darin liegt das Geheimnis von Maiers diskreter Verführung: Das Leben, so scheint es, findet in seinen Produkten einen verwandelten, intensivierten, erwerbbaren Widerhall.

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