INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Jil Sander ohne Jil Sander. Macht es einen Unterschied?

Am Wochenende zeigte die Marke Jil Sander in Mailand ihre erste (Herren-)Kollektion nach dem drittmaligen Weggang der Designerin. Verantwortlich: ein anonymes Team. Presseecho: solide Arbeit, aber ohne das gewisse je ne sais quoi, welches nur ein herausragender Chefdesigner geben kann. Stimmt das?

Jil Sander Raf Simons

Werfen wir einen Blick zurück. Als Jil Sander ihre Marke zum ersten Mal verließ, geriet die Linie ins Schlingern. Der längst vergessene unmittelbare Nachfolger ahmte Trends nach, anstatt die DNA der Marke weiterzuentwickeln. Dann kam Raf Simons. Er nahm sich Zeit, in die Archive zu gehen, und nach einer kurzen Episode experimenteller Volumen erneuerte er Sanders Erbe auf so überzeugende Art, dass auch die Meisterin selbst nach ihrer Rückkehr einige seiner Ideen, darunter das Color Blocking, weiterführte.

Gleichwohl änderte sich einiges, als die Queen of Less erneut zu ihrer Marke zurückkehrte. Sanders Handschrift wurde spürbar, als etwa die von Simons radikal gradlinig geschnittenen Hemden durch asymmetrische Abnäher an Raffinesse gewannen. Vor allem aber wechselte die Gründerin, so das Modemagazin Achtung, gleich nach ihrer Rückkehr die Hersteller. Anzüge beispielsweise wurden nun wieder von Caruso gefertigt, nach Ansicht vieler der beste Jackenproduzent Italiens unterhalb der Maßschneiderei. Es wurde deutlich: Simons hatte die Marke zwar visuell fortentwickelt, aber offenbar auch Einsparungen in der Produktion hingenommen, die Sander nicht akzeptierte.

Zurück zur jüngsten Schau. Zu sehen war ein wunderbares Spiel mit den Proportionen, herrliche Violett- Grün- und Grautöne, kastige Pullover mit abgeschnittenen Kanten, glattes Leder und glanzbeschichtete Stoffe im Kontrast zu weichem Cashmere. Eine starke Kollektion, die sämtliche Elemente der Sander-Welt auf frische Weise präsent hielt. Ein Blick in die Blogs zeigte gleichwohl die erwartbare, skeptische Einschätzung: Nowfashion beispielsweise befand, die Kollektion

„seemed to be missing that all important spark of creative genius.“

Nur, um gleich darauf Gegenbeispiele anzuführen:

„At some points a glimmer of ingenuity could be spotted. The inclusion of a degrade jacket, a sweater with a front zipper that started at the middle of the torso, even the broad stripes of shimmering fabric chosen to zing down the front of pants had a certain charm.“

Tim Blanks, der Meister des Online-Modejournalismus, stellte die entscheidende Frage:

„How different would the audience’s response have been if this were a ‚Jil‘ show? This was, after all, her team. The only difference is that they were working without her direction. And if she’d been there, directing backstage?“

Bei allem Starkult, den die Modewelt verlangt, bei aller Einsicht in die Unvermeidbarkeit einer Leitfigur: einstweilen lässt sich auf der visuellen Ebene kein Qualitätsabfall erkennen. Ob dies auch für die Passform, die Stoffe und die Verarbeitung der Stücke gilt oder ob die Eigentümer erneut die Gelegenheit für erst auf den zweiten Blick bemerkbare Qualitätsabstriche nutzen, bleibt hingegen abzuwarten.

Lesen Sie auch den Artikel über den Abriss der Berliner Boutique sowie über die Designer Azzedine Alaïa, Helmut Lang, Raf Simons, Hedi Slimane, Tomas Maier & Yohji Yamamoto.