INVENTUR

Der Blog von Dirk Hohnsträter



Tomas Maier verlässt Bottega Veneta. Was bleibt?

Von 2001 bis 2018 war der aus Pforzheim stammende Designer Tomas Maier Kreativdirektor des Luxuslabels Bottega Veneta. Aus der 1966 in Vicenza gegründeten, dem Bankrott nahen Lederwarenmarke machte Maier ein Unternehmen, das mehr als eine Milliarde Euro Jahresumsatz erzielt. Vergangene Woche wurde er überraschend entlassen. Lag es daran, dass sein diskreter Stil nicht mehr gefragt ist?

Maier und die Millenials

Wie undankbar die Modebranche doch ist: ein Designer, der nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen eine „der großen Sanierungsgeschichten der Luxusbranche“ vollbracht hat und Jahr für Jahr mehr als eine Milliarde Umsatz erzielt, wird vor die Tür gesetzt und durch einen 32-jährigen ersetzt. Noch 2015 berichtete die FAZ über Bottega Veneta unter Maiers Leitung:

„Die Margen betragen mehr als 30 Prozent; die Investitionen können vollständig über den Mittelzufluss (Cash flow) finanziert werden; und unter dem Strich steht ein dickes Plus.“

Doch seit 2015, fügte die NZZ dieser Tage hinzu, begannen die Verkäufe zu stagnieren und gingen sogar zurück. Maiers Stil der controlled flamboyance kommt offenbar aus der Mode; die junge Kundengeneration der Millenials interessiert sich für lautere, grellere und schnellere Marken. Maier musste gehen.

Dass Maiers Abgang kurz nach der Eröffnung des weltweit größten, fünfstöckigen, 1500 Quadratmeter bespielenden Flagshipstores in Manhattans Madison Avenue und der aufsehenerregenden Präsentation der Herbstkollektion 2018 im New Yorker Börsengebäude erfolgte, zeigt, dass auch der größte analoge Aufwand in Zeiten digitaler Influencer offenbar nicht ausreicht, wenn die Botschaft in diskreten, nur für Kenner sicht- und fühlbbaren Details liegt.

Bottega Veneta und Maiers Integrität

Nach 17 Jahren hatte Maier das Vokabular des markentypischen Flechtmusters bis in die letzten Varianten ausgereizt. Zudem dürfte er dem Kering-Konzern, dem Bottega Veneta gehört, ein Maximum an Integrität abgetrotzt haben. Unter Maiers Leitung gab es keine billige Zweitlinie und keine Produktion außerhalb Italiens. Mit großem Aufwand ließ die Marke in Montebello Vicentino ein Vorzeigeatelier sowie eine Scuola dei Maestri Pellettieri einrichten.

Bottega Veneta Berlin

Andererseits nahm das Image der Marke 2008 Schaden, als der italienische Sender Rai 3 illegale, schlecht bezahlte chinesische Arbeiter filmte, die in einem Slum-Workshop in Prato nahe Florenz Lederwaren für Bottega Veneta fertigten. Ein Unternehmenssprecher kommentierte, die Arbeit sei ohne Wissen des Konzerns von einem Subunternehmer ausgelagert worden. Selbst wenn das zutrifft und es sich um einen Einzelfall gehandelt hat, gab der Sprecher damit doch indirekt zu, dass die Marke Subunternehmen beauftragt und nicht, wie etwa die Website nahelegt, ausschließlich in konzerneigenen Werkstätten fertigt. Wie Wachstum und handwerkliche Integrität selbst bei hohen Preisen vereinbar sind, bleibt ein ungelöstes Problem der Qualitätswirtschaft.

Maiers Design

Wer je ein Stück von Tomas Maier in Händen hielt, wird die Selbstbeschreibung seines Arbeitsprozesses sofort nachvollziehen können. Er beginne mit den Farben, bei denen er auf eine über dreißig Jahre zurückreichende Sammlung von Proben zurückgreife. Von den Farben (die bei ihm poetische Namen wie Maroon oder Dark Moss tragen) gehe er zum Material und vom Material schließlich zur Form. Man merkt den Kollektionen und Produkten dieses Vorgehen an; sie können nicht einfach durch den nächsten Kreativdirektor weiterentwickelt werden, da Maiers Farbsensorium ebenso einzigartig ist wie sein Umgang mit Texturen:

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Natürlich war nicht jede seiner Kollektionen für Bottega Veneta gleich stark. Im Gegenteil, es gab durchaus missglückte. Doch das ist vermutlich der Preis, den ein Kreativer für die überragenden Momente erbringen muss. Maier hatte solche Momente im Frühjahr 2010, als er knittrige, sagenhaft teure Baumwollshorts im hinreißenden Farbton Gladiola zeigte, ein Inbegriff des von ihm forcierten Look des rugged refinement. Oder im Herbst 2011, als er die in die Jahre gekommene Cordhose mit erwachsenem Schnitt erneuerte und aus dem biederen Senfton britischer Landgarderobe das urbane Resina machte. Oder im Winter 2016 bei einem unerhört detailreichen Defilee, das mit spektakulärer Souveränität Schnitte, Stoffe und Schattierungen verband.

Maiers Mode bot dem smarten, leicht zerknitterten Reisenden praktikable Erwachsenengarderobe mit gewissem Etwas. Er ist ein Veredelungskünstler, der aus Typologien Träume macht und den Trägern nicht nur Lösungen bietet und ihnen schmeichelt, sondern sie auch ein wenig über sich selbst hinaus lockt. Wer in Karabinern, Knöpfen und Reisverschlüssen eine Welt zu erkennen vermag, wer Maiers Kombination aus Solidität und Raffinesse, durchdachter Funktion und Überschwang verstehen und schätzen kann, wird nun bedauern, dass der Markt künftig nichts Vergleichbares mehr hergibt und versuchen, sich wie ein Sammler letzte Stücke zu sichern.

Für den Alltag bleiben die hochwertigen, lässigen Basics von Maiers eigener, 1997 gegründeten Marke weiterhin verfügbar. Sie besetzen, so scheint es, unterdessen die Lücke, die 2005 bei einer ähnlich einschneidenden Zäsur in der Modewelt entstand: als nämlich Helmut Lang seinen Abschied von der Mode bekannt gab.

Nachtrag 25. Juni 2018: Auch die Modemarke Tomas Maier wird eingestellt

Am Montag wurde bekannt, dass der Luxuskonzern Kering seine Partnerschaft mit Tomas Maiers eigenem Label beendet und die Marke zum Jahresende einstellt. Sie hat Presseberichten zufolge 20 bis 30 Mitarbeiter, vier Geschäfte in den USA sowie einen weltweit erreichbaren Webshop und ist bei rund 100 Wiederverkäufern vertreten. Der Umsatz soll etwa 10 Millionen Dollar betragen. Die Markenrechte verbleiben beim Gründer.

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